Er blickte in die Nacht, umgeben von dem Duft, den die Blumen und die blühenden Bäume im Park verströmten. Es hätte ein Abend wie aus einem Märchen sein können, wie geschaffen für eine Bootsfahrt auf der Spree. Auch dabei konnte eine passende Musik die Stimmung unterstreichen.
Quantz hatte gehört, dass sein Kollege Georg Friedrich Händel in London für die Lustfahrten des Königs auf der Themse eine ganze Reihe von Werken komponiert hatte, die »Königliche Wassermusik«. Die Musiker wurden dabei selbst auf mehreren Barken platziert und sandten ihre Klänge auf Anweisung des Hofkomponisten über den Fluss.
Wie hatte Händel das wohl bewerkstelligt? Eine große Anzahl von Musikern war schwer zu koordinieren – vor allem im Freien, wenn der Schall nicht weit trug und sich die einzelnen Instrumentalisten nicht gut gegenseitig hören konnten.
Aber dieser Händel war ein Tausendsassa. Er schuf Opern und Kammermusik, Cembalowerke und Oratorien, Konzerte und Sonaten. Und das in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Vor einigen Jahren hatte er ein Oratorium herausgebracht, von dem ganz Europa sprach: Messiah – der Messias. Mit einem Halleluja-Chor, der so mitreißend war, dass es das Publikum kaum auf den Sitzen hielt. In jeder Aufführung brach unbändiger Jubel aus …
Welch ein Erfolg war diesem Meister beschieden, und wie jämmerlich scheiterte Quantz, dem eine kleine Hofintrige den Garaus machte. Er würde nie zu solchen Anlässen Musik schreiben. Er durfte froh sein, wenn er Kammermusikus blieb.
Er hatte sich auf den mit Kies bestreuten Wegen so weit in den Park hineinbewegt, dass er auf der dem Fluss zugewandten Seite des Westflügels angekommen war. Hell erstrahlten die Fenster des Festsaals. Quantz konnte die Hofgesellschaft sehen. Die Musik drang leise an sein Ohr. Die Instrumentalisten, die in der linken Ecke des Saales Aufstellung genommen hatten, begleiteten jetzt den König, der neben dem Cembalo bei Bach stand und Flöte spielte. Quantz glaubte, Motivfetzen eines seiner eigenen Konzerte zu hören.
Er wollte etwas näher herangehen, da brachte ihn ein scharfer Befehl zum Stehen.
»Halt, wer da? Parole!«
Auch in Berlin patrouillierten die Wachen – vor allem rund um die Schlösser.
Das altbekannte Spiel nahm seinen Lauf. Eine Gruppe von Soldaten näherte sich. Einer hielt eine Öllampe in der Hand und leuchtete Quantz ins Gesicht. Sie trugen ähnliche Uniformen wie ihre Kameraden in Potsdam: den Blechhut, den breiten weißen Riemen der Patronentaschen diagonal über dem blauen Rock, weiße Hosen. Und natürlich Gewehre mit Bajonetten, von denen nun gleich drei auf ihn zeigten.
»Wer ist Er?«
»Johann Quantz, königlicher Kammermusikus.«
»Was hat Er hier verloren? Will er hier seine Fiedel spielen?«
»Ich suche Inspiration für mein Konzert«, sagte er, obwohl er wusste, dass keiner der Soldaten verstehen würde, wovon er sprach. Aber ihm fiel nichts Besseres ein.
»Hat Er sie verloren, seine Inspiration? Sollen wir Ihm suchen helfen?«
Quantz konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wahrscheinlich hielten die Grenadiere Inspiration für einen Hosenknopf oder eine Hemdmanschette. Oder eine Feder von einem Hut.
»Was grinst Er so unverschämt? Er will uns wohl zum Narren halten. Mitkommen.«
Und wieder konnte er sich einer militärischen Eskorte erfreuen, die ihn abführte. Kurz bevor sie endgültig außer Hörweite der Musik im Festsaal gerieten, bekam er noch mit, dass die Musiker und der König das Konzert beendeten und stürmischer Applaus aufbrandete. Dann verlor sich der Klang, und auf dunklen Pfaden gelangten sie an das Wachhaus, an dem Fackeln flackerndes Licht in die Nacht schickten.
Hier nahm sich der wachhabende Offizier ein wenig Zeit, um Quantz zu befragen, was er im Schloss zu tun habe und wozu. Quantz antwortete gewissenhaft, doch der Soldat ließ sich nicht im Geringsten davon beeindrucken, dass er immerhin einen in Diensten des Königs stehenden Künstler vor sich hatte.
»Wenn Sein Dienst zu Ende ist, und das ist wohl der Fall, hat Er sich zurückzuziehen und nicht im Schlosspark herumzulaufen wie Gesindel. Kennt Er die Vorschriften nicht?«
Natürlich kannte Quantz sie, aber bisher war es immer ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, dass auch die Musiker durch den Park spazieren durften. Er hatte keine Lust zu diskutieren. Keine Sekunde länger wollte er in der engen Wachstube verbringen und in diese tumben Gesichter blicken. Sie ließen ihn endlich gehen, und kurz darauf stand er an der Oranienburger Straße, die am Schloss vorbeiführte – parallel zur Spree durch die Spandauische Vorstadt. Er brauchte eine Kutsche. An dem kleinen Platz vor dem Oranienburger Tor wurde er sicher fündig.
Dafür musste Quantz sich ein Stück stadtauswärts bewegen. Aber er hatte es ja nicht eilig. Die Aussicht, sich in der Wohnung seiner Frau aufzuhalten, reizte ihn ohnehin nicht. Vielleicht würde er sich in der Innenstadt, irgendwo an der Langen Brücke, ein Gasthaus suchen und noch etwas trinken.
Die Vorstadt war ruhig und menschenleer. Die Einsamkeit kroch ihm unter die Haut. Als er auf dem Platz ankam, sah er sich nach einer Kutsche um – und erstarrte. Er hatte die Bewegung nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen. In der Richtung, aus der er gekommen war, huschte eine Gestalt in einen Hauseingang.
Genau dasselbe hatte er schon einmal gesehen. In der Nacht, als Andreas verschwunden war. Nur dass diesmal nicht der Lakai verfolgt wurde, sondern er selbst.
Unsinn, dachte Quantz. Natürlich hatte diese Gestalt nichts mit Andreas zu tun. Es gab viele Spätheimkehrer, die ein Zusammentreffen mit der Wache scheuten. Und das hier war Berlin.
Er schüttelte den Schrecken ab und näherte sich dem Tor, das um diese Zeit selbstverständlich verschlossen war. Doch das Wachhäuschen war besetzt. Auch hier brannten Fackeln.
Oder war ihm gar ein Dieb auf den Fersen? Man hörte immer wieder, dass in der Hauptstadt das Leben gefährlicher war als im vergleichsweise beschaulichen Potsdam. Natürlich patrouillierten auch hier die Wachen, aber die Stadt war bei Weitem nicht so leicht unter Kontrolle zu halten. Sie war riesig, und selbst Quantz, der ja nun schon so lange in Diensten des Königs war, kannte viele Gegenden der preußischen Metropole nicht.
Er spürte die Augen des Verfolgers hinter sich. Der Blick schien sich in seinen Rücken zu bohren.
Wenn ich es bis zu dem Wachhaus schaffe, kann mir nichts geschehen, dachte Quantz. So nah bei den Soldaten wird mir niemand etwas tun.
Pferdegetrappel drang an sein Ohr. Ein Fuhrwerk näherte sich.
Quantz drehte sich um. Da war der Schatten wieder. Der Kerl verbarg sich.
Ein Stück weiter hielt die Kutsche an. Im fahlen Licht einer Öllaterne konnte Quantz ganz kurz die Insassen erkennen, die das Gefährt verließen. Ein Mann half einer Frau beim Aussteigen, und sie gingen gemeinsam zum nächstgelegenen Hauseingang.
Quantz beschleunigte seinen Schritt. Der Schweiß brach ihm aus. Schon gab der Fuhrmann den Pferden das Zeichen, die Räder ruckten an.
»Halt«, rief Quantz. »Bitte …«
Jetzt wurde der Mann auf dem Kutschbock auf ihn aufmerksam, zog die Zügel an und gab den Befehl zum Stehen. Endlich hatte Quantz die Kutsche erreicht. Schwer atmend stieg er ein.
»Wo soll’s hingehen?«
Quantz blickte durch das Seitenfenster. Von seinem Verfolger war nichts zu sehen. Hatte er sich das nur eingebildet? Waren seine Nerven überreizt?
»Wo soll’s hingehen?«, wiederholte der Kutscher.
»In die Stadt.« Mit Erleichterung spürte Quantz, wie ein Ruck durch das Gefährt ging.
Träge rumpelte die Kutsche durch die Hamburgische Straße, vorbei an der Spandauischen Kirche, die man seit Kurzem Sophienkirche nannte. Gleich daneben, an der Ecke zur Oranienburger Straße, schloss sich der jüdische Begräbnisplatz an. Am hellen Tag hätte man die hebräischen Schriftzeichen an der Mauer lesen können, die jetzt in der Dunkelheit vorbeizogen.
Ein heftiger Ruf des Kutschers ließ das Gefährt scharf bremsen. Die Pferde wieherten nervös. Der Mann auf dem Bock stieß einen Fluch aus, gleichzeitig näherte sich das rumpelnde Geräusch von Rädern auf dem Pflaster.