Quantz öffnete den Seitenschlag und sah hinaus. Im selben Moment fegte eine ganze Kolonne von Kutschen aus Richtung des Schlosses heran – aus der Oranienburger Straße, die weiter vorn kreuzte. Es waren drei oder vier, und sie fuhren so schnell, wie man es im nächtlichen Berlin eigentlich kaum wagen würde. Die Straßenbeleuchtung war spärlich. Überall konnten im Dunkeln Hindernisse den Weg blockieren.
Sie kamen herangeprescht, hielten abrupt an und versperrten wie eine zusammengeschobene dunkle Mauer den Weg. Der Fuhrmann fluchte.
Langsam wechselten die Kutschen ins Schritttempo. Die Kolonne wurde von Soldaten auf Pferden begleitet, die neben dem Zug herritten. Im Lichtschein einer Fackel erkannte Quantz Bachs rundes Gesicht im Fenster einer Kutsche. Neben ihm war Graun zu erahnen.
Dann waren sie vorbei. Der Zug hatte wieder Fahrt aufgenommen und verschwand in Richtung Stadt.
Die Pferde trabten wieder los, und Quantz rutschte durch den plötzlichen Ruck in seinen Sitz. Er kämpfte sich nach vorn und klopfte an das Holz. Der Kutscher dachte, er solle anhalten, und bremste, aber Quantz öffnete die Seitentür und schrie: »Hinterher! Folge Er der Kolonne da vorn. Schnell.«
»Die kriegen wir nicht mehr. Hat keinen Zweck.«
»Einen Taler extra«, rief Quantz. »Nun mach Er schon.
»Zwei«, kam es vom Kutschbock.
Quantz hatte keine Lust, wertvolle Zeit mit Feilschen zu verlieren. Zwei Taler waren das Vielfache eines Tagesverdienstes für so einen einfachen Mann. Egal. »In Gottes Namen drei.«
Die Kutsche donnerte los. Das Hufeklappern und Rasseln hallte von den Häuserwänden wider. Es ging über die kleine hölzerne Friedrichbrücke in die Burgstraße an der Spree entlang. Auf der Insel tauchte ein gewaltiger kantiger Schatten auf – die Baustelle der Domkirche, die der König seit etwa einem Jahr erneuern ließ und die eine ganz neue Dachform erhalten sollte – eine Kuppel. Manche Berliner munkelten, Seine Majestät, obwohl dem Religiösen nicht sehr zugetan, versuche, eine Art preußischen Petersdom daraus zu machen.
Wenn der Dom schon wie ein Berg aufragte, so war das Stadtschloss, das ein Stück weiter lag, ein wahres Gebirge, ein riesiger Klotz, der alle anderen Bauwerke in der Stadt überragte.
Doch seit Friedrichs Thronbesteigung war das Stadtschloss verwaist. Der König verband damit unliebsame Erinnerungen an die harte Zeit, die er unter der Knute seines strengen Vaters ertragen musste. So hatte er sich als junger Monarch Charlottenburg und dann Potsdam zu seinen Residenzen erwählt.
Quantz fragte sich, ob er die drei Taler nicht verschwendet hatte. Was hatte es für einen Sinn, die von ihrem Dienst heimkehrenden Musiker zu verfolgen? Doch die die Kutschen begleitenden Soldaten hatten ihn stutzig gemacht. Normalerweise sahen die Hofangestellten nach ihrem Auftritt zu, dass sie irgendwie nach Hause oder in eine Unterkunft kamen. Wenn sie Glück hatten, stellte der Dienstherr eine Fahrmöglichkeit. Wachen waren nur vonnöten, wenn ein Tor geöffnet werden musste. Und sogar dann reichten die Kutscher in königlichen Diensten, um die Wege frei zu machen.
Wachsende Unruhe erfasste ihn, als sie weiter an der Insel entlangfuhren. Sie hatten das Innere der Stadt erreicht, und durch die Scheiben der Kabinentür konnte er allerlei Volk sehen, das sich auf den Straßen herumtrieb. Vor allem in der Nähe der Langen Brücke, auf die sie gerade einbogen, blühte das älteste Gewerbe der Welt. In den Gassen der Umgebung, aber auch rund um den Paradeplatz oder auf der Straße unter den Linden trieben sich bunt gekleidete Frauen herum und sprachen Männer an.
»Da stehen sie. Wir haben sie eingeholt«, sagte der Kutscher und öffnete den Schlag. Quantz stieg aus und drückte ihm die drei Taler in die Hand.
Der Konvoi hatte vor dem Schloss gehalten. Der Fuhrmann, der wohl ahnte, dass die Verfolgung geheim bleiben sollte, war etwas abseits im tieferen Dunkel geblieben.
Quantz drängte sich durch die nächtlichen Spaziergänger. Er fragte sich, warum es in Berlin niemand für nötig befand, die Sperrstunde zu kontrollieren. Doch wahrscheinlich ließen sich die Einwohner der preußischen Hauptstadt auf diesem Gebiet weniger sagen als die Potsdamer.
Den Kutschen entstiegen Passagiere, die dem Gebäude zustrebten. Einige trugen Instrumentenkoffer in der Hand. Einer nach dem anderen verschwand in einem Nebeneingang. Offenbar hatte man die Ankunft der Musiker erwartet. Es wurde kaum gesprochen. Die Soldaten auf den Pferden hielten sich entfernt und behielten das einfache Volk im Auge, das in gebührendem Abstand die Ankunft beobachtete.
Die Soldaten, wurde Quantz klar, sollten wohl darauf achten, dass sich kein Unbefugter den Ankömmlingen anschloss. Trotzdem ging er selbst einfach hinter den Musikern her. Sie erreichten die Tür über ein paar Stufen und gelangten in ein enges Treppenhaus, das sofort nach oben führte.
Ein Dienstbotenzugang, den Mitgliedern der Hofkapelle angemessen. Aber was für ein Fest fand hier statt? Der Hofstaat war in Monbijou. Wem sollte aufgespielt werden?
Er folgte den anderen die dunkle Treppe hinauf. Niemand sprach, nur die Schritte auf dem Steinfußboden waren zu hören. Erst im obersten Stockwerk wurde es heller.
Es war sicher besser, wenn man Quantz nicht sah. Im Zwischengeschoss bog er in einen kleinen Gang ab, drückte sich an die Wand und wartete, bis es im Treppenhaus ruhig wurde. Oben ging noch eine Flügeltür. Dann war es still.
Vorsichtig schlich Quantz sich wieder zu den Stufen, immer darauf gefasst, einem Lakaien oder sogar einem Soldaten zu begegnen. Immerhin war er in schützendes Dunkel gehüllt. Er streckte die Hand aus, fand den metallenen Handlauf der Treppe und folgte ihm langsam nach oben. Die Zeit, die er bis ins nächste Stockwerk brauchte, schien unendlich lang zu sein.
Dumpfe Stimmen drangen an sein Ohr. Die Musiker mussten in einen Saal gegangen sein. Er versuchte sich vorzustellen, in welchem Teil des Schlosses sie sich befanden, aber es gelang ihm nicht. Eines war sicher: Es handelte sich nicht um das Musikzimmer. Das lag in einem ganz anderen Flügel.
Die typische Geräuschkulisse von Musikern, die ihre Instrumente stimmten, war zu hören. Quantz machte langsam mehrere Schritte nach vorn. Ein Gefühl des Unbehagens wuchs in ihm, als er das Geländer losließ und ohne Orientierung, nur von den Geräuschen geleitet, durch die Dunkelheit schlich.
Er streckte die Hände aus. Irgendwo vor ihm musste ja wieder eine Wand kommen. Da war eine Tür. Er würde sich an der Klinke festhalten.
Das Stimmen verebbte. Drinnen wurde wieder gesprochen. Zu verstehen war nichts. Alles klang dumpf und fern.
Und dann erklang Musik. Jemand spielte auf einem Cembalo. Das musste Bach sein.
Nur eine einstimmige Melodie. Sehr langsam und bedächtig. Ein aufstrebender Dreiklang. C-Moll. Jeder Ton war ein Baustein.
Auf den Dreiklang folgte der seltsam schiefe und störende Sprung nach unten, dann ein langsames, gnadenloses Absenken in Halbtonschritten, als habe das Thema für einen Moment alle Schwerkraft zu einer bestimmten Tonart verloren und schwebe nach unten wie eine Feder. Ohne jedes Gewicht.
Jetzt setzte eine zweite Stimme mit diesem Thema ein, und noch eine. Es entfaltete sich in altmeisterlicher Fugenmanier. Jeder Ton war ein Stern am Himmel, der sich nach einem geheimnisvollen System, nach verborgenen mathematischen Mustern bewegte.
Quantz stand stocksteif in der Leere, die ihn umgab. Er hatte alles erwartet, aber nicht das.
Es war das Thema, über das vor einem Jahr Seine Majestät den großen Johann Sebastian Bach zu improvisieren gebeten hatte.
Und es war dasselbe Thema, das Andreas in der Nacht aufgeschrieben hatte, als er bei ihm gewesen war.
Die Erinnerung daran schob sich als weiteres Rätsel in seine Gedanken. Und dieses Rätsel bestand nicht nur darin, wie der Lakai an das Thema gekommen war und wie er es sich hatte merken können nach so langer Zeit. Eine Tonfolge, die man nicht einfach im Kopf behielt wie ein Liedchen. Es war ein Thema, das an sich rätselhaft war und in dem eine ganze Wissenschaft steckte. Alles, was man über Musik überhaupt wissen musste, steckte darin. Das Thema hatte selbst den großen Bach ins Schwitzen gebracht, der kaum damit gerechnet haben dürfte, dass ein Liebhaberkomponist wie der König ihm so etwas vorlegte.