Und es war ja auch nicht der König gewesen, der sich diese Tonfolge ausgedacht hatte, sondern Carl Philipp Emanuel – Bachs Sohn, der jahrelang im Schatten des großen Kantors und Vaters gestanden hatte.
»Ich werde es ihm zeigen.«
Während die Fuge da drinnen immer weiterging, war mit einem Mal Carl Philipp Emanuel Bachs Stimme in Quantz’ Kopf.
»Ich werde es ihm zeigen. Jemand muss ihm endlich Grenzen setzen.«
Die Musik floss dahin, und sie trug die unverwechselbare Handschrift dessen, der einst daran gescheitert war. Das war etwas ganz anderes als das, was Quantz seit Jahren zu Papier brachte. Das war nicht einfach eine galante Flötenmelodie mit devoter, manchmal etwas vorlauter Streicherbegleitung. Hier herrschte die strenge Verflochtenheit der einzelnen Stimmen, die prächtig miteinander harmonierten und von denen jede einzelne eine großartige Melodie für sich darstellte, wobei die einzelnen Teile aus immer den gleichen Bausteinen organisch erwuchsen. Es war die hohe Kunst des Kontrapunkts, die hier einen wahren Triumph feierte. Eine Stimme nach der anderen kam hinzu, bis Quantz die Fülle von sechs weitverzweigten Melodien zählte, die gleichzeitig in strahlender Harmonie ihren Weg gingen.
Ein Jahr war es her, dass der große Johann Sebastian Bach Potsdam besucht hatte. Kaum war der alte Leipziger Thomaskantor über die Potsdamer Lange Brücke in die Stadt gefahren und hatte sich ordnungsgemäß am Tor gemeldet, da kam von Seiner Majestät die Order, er habe umgehend im Schloss zu erscheinen.
Es war die Zeit des abendlichen Kammerkonzerts. Quantz war wie immer zugegen gewesen, und ihm war sofort klar geworden, dass der König Bach weniger als ernsthaften Meister der universellen Harmonie betrachtete, sondern eher als ein Wundertier, das in der Lage war, Thema um Thema so mathematisch wie sonst kein anderer miteinander zu verknüpfen und als Fuge und Kanon zu bearbeiten. Und das mit einer Raffinesse, die man nur als genial bezeichnen konnte.
Carl Philipp Emanuel Bach hatte genau in diese Kerbe gehauen und mit einem seltsam verschlagenen Gesichtsausdruck gesagt: »Eure Majestät kann ihm jede Notenkombination geben, und er wird aus dem Stegreif eine Fuge am Klavier spielen.« Dabei hatte er seinen von der Reise entkräfteten, alten Vater kalt angelächelt und sogar auf ihn gedeutet wie ein Dompteur, der einen Affen vorführt. Quantz hatte der alte Bach leidgetan, der demütig dastand und nach unten blickte – ganz der Diener voller Ehrfurcht vor gekrönten Häuptern.
Der König hatte den Hinweis aufgenommen. »Ich habe davon gehört.« Und in diesem Moment schwang zwischen dem Hofcembalisten und seinem Dienstherrn so etwas wie tiefes Verständnis mit. Quantz konnte es nicht in Worte fassen, aber heute war ihm klar, dass es etwas mit dem Kampf zwischen Vater und Sohn zu tun hatte.
Friedrich hatte unter der väterlichen Härte als Prinz gelitten. Und Carl Philipp Emanuel als Musikschüler.
»Ich werde es ihm zeigen«, hatte Bach Quantz zugeflüstert, und er arbeitete ein kompliziertes Thema aus, gab es dem König und legte ihm nahe, es dem alten Herrn zum Improvisieren zu geben.
Johann Sebastian Bach, der Stunden um Stunden von Leipzig in der Kutsche gesessen hatte und eher Ruhe, die Gesellschaft seines lange vermissten Sohnes und etwas für das leibliche Wohl verdient hätte, wurde sofort zum König gebracht, um eine Improvisation hinzulegen. Man gab ihm kein Notenpapier, man ließ ihn nicht in Ruhe komponieren. Man befahl, eine sechsstimmige Fuge zu spielen – über ein Thema, das Bach noch nie gehört hatte. Aus dem Stegreif. Direkt am Klavier.
Immer deutlicher wurde die Szene in Quantz’ Erinnerung. Der Moment, als Bachs Eintreffen die Kammermusik unterbrochen hatte. Seine Majestät hatte die Flöte zur Seite gelegt und mitgeteilt: »Meine Herren, der alte Bach ist gekommen. Freuen wir uns auf seinen Besuch und die musikalischen Wunder, die er uns bieten wird.«
Der Seitenblick des Königs auf den jungen Bach am Flügel war nicht zu übersehen gewesen.
Der Thomaskantor hatte das Konzertzimmer in Reisekleidung betreten. Nach der förmlichen Begrüßung nötigte der König ihn sofort ans Klavier.
»Man hört, Sie seien in der Lage, über jedes Thema Fugen zu improvisieren?«
Bach blieb bescheiden. »Wenn man es sagt, Eure Majestät.«
»Ist es eigentlich möglich«, fuhr der König fort, »die Anzahl der Stimmen in einer Fuge ins Unendliche zu steigern?«
Er ging beim Reden im Raum herum. Die anderen Musiker standen schweigend abseits, bis auf den jungen Bach hielten sie die Instrumente in der Hand. Man hatte den Eindruck, als seien sie zu einem Teil der Einrichtung geworden und als sei Friedrich mit dem alten Bach allein. Dem Kantor war die Müdigkeit anzumerken, und er erinnerte mehr und mehr an einen Kandidaten bei einer verzwickten philosophischen Prüfung an der Universität.
»Ins Unendliche wohl nicht, Majestät …«, brachte er hervor. Offensichtlich verstand er nicht, worauf der König hinauswollte.
»Normalerweise gehen Sie nur bis zur Vier- oder Fünfstimmigkeit, habe ich recht?«
»Es ist sicher so, Majestät. Wenn Sie es sagen.« Bach blickte auf die Tastatur vor sich. Er wirkte kein bisschen ungeduldig. Eher demütig.
»Nun, so werde ich Ihm ein Thema geben und Ihm befehlen, es auf die Verwendung für eine sechsstimmige Fuge zu prüfen. Ich halte es für meine Pflicht, die Menschen dazu anzuspornen, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen.«
Der König setzte die Flöte an und spielte die vorbereitete Kette von einundzwanzig Noten – sehr langsam, als würde er einem Leseanfänger etwas buchstabieren.
Der alte Bach saß reglos da. Kaum war die Musik verklungen, hob er die rechte Hand und spielte das komplizierte Thema langsam und fehlerlos nach.
»Sechsstimmig«, erinnerte der König. »Das kann Er doch, oder habe ich mich in Ihm getäuscht?«
Spätestens jetzt war sicher auch Bach klar geworden, dass er hier eine Attraktion abgeben sollte. Und er nahm die Herausforderung an, begann zu spielen, arbeitete eine Fuge heraus. Aus der einen Stimme wurden zwei, dann kam eine dritte hinzu. Das Thema wanderte durch die Tonarten. Schon das war eine Leistung, die kaum sonst jemand so aus dem Ärmel schüttelte. Graun, Benda und die andern standen staunend da. Nur der junge Bach blickte eher spöttisch drein.
Bach führte das Thema weiter und weiter aus und kam zum Schluss. Eine lichte Auflösung in C-Dur.
»War das vierstimmig?«, fragte der König, noch bevor sich der Klang verflüchtigt hatte. »War das fünfstimmig? War das sechsstimmig?«
»Verzeihen Sie, Eure Majestät«, sagte Bach. »Ihr Thema ist von solcher Ausdehnung und mit solchen Raffinessen gespickt, dass eine solche Bearbeitung aus dem Stegreif nicht möglich ist. Mit Überlegung und Vorbereitung wäre es zu machen, aber so …«
»Er meint, es ist Ihm nicht möglich«, rief der König. »Dabei heißt es, Ihm sei alles möglich. Er sei ein musikalisches Wunder! Welch ein Schelm, der etwas auf Gerüchte gibt, nicht wahr?«
Bach blieb freundlich. »Sehr richtig, Majestät.«
»So habe ich mich in Ihm getäuscht«, brummte Friedrich. Ein seltsames Lächeln huschte über sein Gesicht. Als hätte er eine starke Macht besiegt, die ihm feindlich gesinnt war.
Die Erinnerung an die Ereignisse vor einem Jahr verblassten, und Quantz blickte vor sich ins Leere, während die große sechsstimmige Fuge drinnen im Saal zu einem grandiosen Ende fand.