War es wirklich der junge Bach, der da spielte? Oder war sein Vater auf geheimen Wegen nach Berlin gekommen und zeigte hier im Stadtschloss heimlich seine Kunst? War es ihm doch noch gelungen, die Aufgabe des Königs zu lösen?
Nein, das war unmöglich. Bach war krank, fast blind. Er konnte nicht mehr reisen.
Stille trat ein. Niemand sprach, als seien alle ganz ergriffen von den Wundern der Harmonie.
Dann schien es von Neuem zu beginnen, doch das Thema nahm eine andere Wendung, blieb lange einstimmig, als habe jemand versucht, es als reine Melodielinie weiterzuführen. Quantz fragte sich, was das für eine musikalische Kunstübung sein sollte, als eine zweite Stimme einsetzte, die mit der ersten in Zusammenhang stand. Sie war mit ihr verwandt, umrankte sie wie ein Efeustrang den anderen. Ähnliche Motive, aber doch nicht dieselben …
Das Stück wiederholte sich, und plötzlich wurde Quantz klar, welches musikalische Wunder sich da vor seinen Ohren ereignete.
Es war ein Kanon, der da gespielt wurde – ein Kanon über das raffinierte Thema. Bei einem normalen Kanon begannen die Noten versetzt und begleiteten sich gegenseitig. Quantz musste eine Weile zuhören und seinen ganzen musikalischen Verstand aufbringen, um zu verstehen, dass der Komponist der Musik, die gerade dort drin erklang, dieses Prinzip verändert hatte – und zwar auf eine Weise, die Quantz niemals für möglich gehalten hätte. Die zweite Stimme war dieselbe Melodie wie die erste – aber sie erklang rückwärts und trat dem Thema als sein eigenes Spiegelbild entgegen, um sich an einem Punkt zu treffen und dann in einer weiteren Spiegelung wieder auseinanderzugehen. Als hätte der Komponist die Prinzipien von Gegenwart und Zukunft aufheben wollen. Als habe er sich zum Herrn der Zeiten gemacht und alles zu einer harmonischen Gegenwart erklärt, zu einer musikalischen Ewigkeit, die keinen Anfang und kein Ende kannte.
Quantz riss im Dunkeln die Augen auf, aber mit den Augen sah er nichts. Er sah mit den Ohren. Sah die Planeten kreisen. Sah die Harmonie in der Natur in den Bewegungen der Meereswellen, in der Anordnung der Blüten um eine Blume, in Vogelschwärmen. Er sah die Harmonie und die Schönheit der Welt. Eine Schönheit, die er in seiner Musik niemals würde darstellen können. Gegen das, was da drin erklang, war seine Musik elende Stümperei.
Er schlich zurück, tastete sich die Treppe hinunter und kam an der Tür an. Draußen standen ein Stück weiter die Soldaten Spalier. Sie beachteten ihn nicht, als er aus dem Dienstboteneingang schlüpfte.
Die Resonanz der eigentümlichen Musik erfüllte ihn, als er sich in die Richtung der Stadt treiben ließ.
***
Kein Weg führte in die Freiheit. Der Schlüssel, den er dem Wärter entrungen hatte, half Andreas nicht weiter.
Hinter der kleinen Stube, in der der Wärter geschlafen hatte, gab es einen weiteren schmalen Gang, der auf ein paar Stufen stieß. Dahinter versperrte eine rohe, aber sehr stabil gezimmerte Tür den Weg. Der Schlüssel passte nicht in ihr Schloss.
Andreas harrte wie vom Donner gerührt vor der Tür aus, er weinte und schrie. Dann ergab er sich in sein Schicksal und setzte sich auf die Stufen. Immerhin verspürte er keinen Hunger. Durst drohte ihm auch nicht, denn neben der Tür gab es in der Ecke einen Brunnenschacht – ein viereckiges Loch, jede Seite etwa so lang wie ein Männerarm, und bis oben gefüllt. Die Wasserfläche starrte ihn an wie ein schwarzes Auge.
Er ging zurück in den engen Raum mit dem Tisch, an dem er gearbeitet hatte, und griff nach den Papieren. Unschlüssig kehrte er zu den Stufen zurück und schloss die Augen. Er presste die Blätter an seinen Körper, als könnten sie ihn erlösen.
Was Andreas in seinem Leben immer wieder beschäftigte, war die seltsame Eigenschaft der Welt um ihn herum, die nicht auf seine Gedanken reagierte, ihnen nicht gehorchte, ja ihnen diametral entgegenstand. In seinem Geist herrschten Ordnung und Harmonie. Alles war einem großen, unveränderlichen Prinzip unterworfen.
Er hatte in Büchern Bilder von großen Uhrwerken in Kirchtürmen gesehen. Dort griff ein Zahnrad ins andere, jedes kleine Rädchen, jede Schraube, jedes Pendel war an seinem Platz und verrichtete exakt die Arbeit, die ihm aufgetragen worden war. Genauso ging es auch in seinem Kopf zu. Die Zahlen und Proportionen der Dinge, die er sich vorstellte, passten zueinander.
Aber die Wirklichkeit, die ihn umgab, wenn er durch die Stadt lief oder seinen Dienst versah, war anders und unvollkommen. Die scheinbar schnurgeraden, aber im Detail doch schiefen Straßen zum Beispiel. Die Steine an einer Baustelle, aus denen ein Haus entstehen sollte: Sie versuchten nur, gleich groß zu sein, aber es gelang ihnen nicht, sie waren grob und unterschiedlich. Das schmerzte ihn in seinem Inneren.
Warum, fragte er sich, konnte die Wirklichkeit nicht auf seine Gedanken reagieren und sich danach richten, wie es in seinem Kopf aussah? Wenn er Zahlen oder Musiknoten aufschrieb, dann funktionierte das doch auch …
Er öffnete die Augen. Noch immer hielt er die Notenblätter in Händen.
Die Zeit verging. Er verharrte in der Dunkelheit an der verschlossenen Tür. Irgendwann veränderte sich etwas. Andreas wusste zuerst nicht, was es war, doch dann wurde ihm klar, dass von irgendwoher ein Lichtschein in sein Gefängnis drang.
Das war unmöglich. Es gab doch keine Fenster. Keine Öffnung nach draußen. Und doch waren die nackten Wände jetzt in ein graues, diffuses Licht getaucht. Andreas konnte Ecken und Kanten erkennen.
Er stand auf und sah sich um.
Das Licht kam aus dem eckigen Loch neben der Tür. Das Innere des Brunnens war jetzt nicht mehr schwarz, sondern grünlich grau. Von irgendwoher wurde das Wasser, das wie eine dicke Glasschicht wirkte, beleuchtet.
Andreas beugte sich über den Rand. Der milchige Schein kam von der Seite, auf der sich die Wand befand und wo die Treppe und die Tür hinführten.
Wieder vergingen die Minuten, während Andreas nachdachte.
Das Licht wurde stärker, es erblühte zu einem mächtigen Strahlen.
Noch mehr Zeit verging.
Da fasste Andreas einen Entschluss.
10
»Guten Abend, mein Lieber, so allein?«
Quantz hatte die Dirne gar nicht bemerkt. Jetzt stand sie neben ihm und blickte ihn aus dunklen traurigen Augen an. Sie sagte ihr Sprüchlein ein zweites Mal auf. Er wandte sich ab.
»Wollen Sie, dass ich mit Ihnen irgendwohin gehe?«, fügte sie hinzu.
Quantz wurde klar, dass sie sich schon dem Nächsten zuwandte, der die Straße Unter den Linden herunterspaziert kam.
Er ging eilig weiter. Er hatte gar nicht daran gedacht, eine Kutsche zu nehmen.
Der Rhythmus der regelmäßigen Schritte ordnete seine Gedanken. Ohne auf seine Umgebung zu achten, hatte er den Weg vom Schloss hinüber zum Rathaus und am Opernhaus vorbei zurückgelegt und versucht, sich einen Reim auf das zu machen, was er eben erlebt hatte.
Eine Zusammenkunft der Musiker, auf der sie neue musikalische Wege finden wollten.
Was bedeutete es für ihn, wenn diese gewaltige, seine armseligen Konzertchen hinwegwalzende, musikalische Herrlichkeit am Hof Einzug hielt? Diese perfekte Mathematik der Töne? Was bedeutete es für seine Zukunft? Hatte La Mettrie etwas damit zu tun? Und die anderen Franzosen? D’Argens auch?
»Ein schöner Mann – und so allein?«
Dieses Freudenmädchen war jünger, allerhöchstens fünfzehn Jahre. Es hatte die dicke Schicht aus Schminke noch nicht nötig, und man hätte ihm sein unmoralisches Gewerbe kaum angemerkt, wenn es sich nicht so aufdringlich verhalten hätte. Das Mädchen trat Quantz in den Weg, sah ihn schmachtend an, nahm seine Hand und führte sie zu ihrer Brust.
»Siehst du nicht, wie ich mich nach dir verzehre?«
Es sollte verführerisch klingen, war aber nur abgeschmackt und albern. Als lese das Mädchen eine fremde Sprache ab und hätte keine Ahnung, was der Inhalt der Worte war. Quantz lachte, stieß sie weg und hastete weiter.