Die Musiker hatten sich im Schloss getroffen. Das konnte doch nur bedeuten, dass die Zusammenkunft auf höchsten Befehl erfolgt war. Niemand konnte einfach in einen Raum des Schlosses gehen und dort nach Belieben Musik machen.
Es waren königliche Musiker. Es war das königliche Schloss. Und es waren Soldaten dabei gewesen. Quantz wurden die Knie weich. Der König musste von der Zusammenkunft gewusst haben. Ein Konzert, von dem man Quantz absichtlich ferngehalten hatte? War Seine Majestät etwa selbst bei der Zusammenkunft dabei gewesen? Hatte er den Raum durch einen Hintereingang betreten? Aber warum diese Geheimnistuerei?
Es ist gar keine Geheimnistuerei, dachte er. Man hatte nur ihn nicht eingeladen. Das war alles. Man wollte ihn von seinem Posten verdrängen.
Der nächsten käuflichen Gespielin ging er vorsorglich aus dem Weg. Er überquerte die Straße, blieb neben einem der Lindenbäume stehen und atmete tief durch. Er war jetzt schon weit in Richtung Tiergarten vorangekommen. Gleich musste er sich links halten, um zu seiner Wohnung beim Potsdamer Tor zu gelangen.
Der Gedanke an Anna, die dort auf ihn wartete, erfüllte ihn mit Ekel. Das Gefühl unterschied sich kaum von dem, was er diesen Huren hier entgegenbrachte. Viele von ihnen waren krank, litten an der grauenhaften Franzosenkrankheit und verbargen mit Schminke und Perücken ekelhafte Hautausschläge. Trotzdem zog es vor allem die jungen Soldaten immer wieder zu ihnen. Es hatte viele Versuche gegeben, das Treiben der Huren zu verbieten. Doch wenn man sie von den Straßen vertrieb, zogen sie sich in Wirtshäuser oder Kaffeestuben zurück. Und niemand konnte entscheiden, wo ein kleines Techtelmechtel mit Geschenken an eine Auserwählte aufhörte und geschäftsmäßige Hurerei begann. Da war auch der König mit seinen Vorschriften und Paragraphen machtlos.
»Du siehst traurig aus. Soll ich dich fröhlich machen?«
Die Frau hatte hinter dem nächsten Baum gestanden und Quantz wahrscheinlich schon seit Minuten im Blickfeld gehabt. Es war zwar Nacht, aber hier war die Straße noch recht gut von Öllampen beleuchtet. Und die Huren waren darin geübt, mögliche Freier zu erkennen. Mit den Hüften schwenkend kam sie auf ihn zu. Quantz, hin- und hergerissen zwischen der Vorstellung, nach Hause zu seiner Frau zu gehen und hier auf der Straße noch ein wenig nachzudenken, blieb einfach stehen.
»Hat man dir wehgetan? Mein Lieber, denke daran, wir sind zur Freude geboren, nicht zur Traurigkeit.«
Sie trat ins Licht. Quantz erschrak über das faltige Gesicht, das mit einer Schicht aus hartem Weiß übertüncht war, die Augenbrauen dunkel nachgezogen, die Lippen blutrot. Sie wirkte wie der leibhaftige Tod.
»Meine Spezialität ist die Unterhaltung«, sagte sie, als sie Quantz’ Schrecken bemerkte. »Etwas anderes will kaum noch jemand von mir.« Zur Krönung öffnete sie ihren Mund, in dem dunkle Stümpfe glänzten. »Du bist vom Hof des Königs, habe ich recht?«
Es war doch besser, weiterzugehen.
»Ich kenne dich. Du bist der Pfeifer. Der Flötenspieler.«
Quantz hatte sich schon abgewandt. Jetzt drehte er sich überrascht um. »Woher …?«
»Das willst du nicht wissen.«
»Warum nicht?«
»Weil es deine edlen Kreise stört. Du genießt es, dich hier in der Dunkelheit in der Verruchtheit unserer Welt zu bewegen, aber morgen ist es nur noch ein Traum. Bis dich das Verlangen wieder zu uns treibt.«
Die Frau sprach ziemlich erlesen, das musste man ihr lassen. »Sag mir, woher du mich kennst.«
»Ich war Köchin im Schloss. Vor Jahren. Ich habe dich spielen hören.«
»Als Köchin? Im Musikzimmer? Ausgeschlossen. Du lügst.«
»Wir sind die Dienstbotentreppe hinaufgegangen und haben gelauscht. Es war zu schön.«
»Und wie kommst du hierher?«
»Ich wurde schwanger. Den Rest will ich dir ersparen. Er passt nicht in die Welt, von der deine Musik erzählt. Du solltest hier nicht sein.«
»Ich gehe nur nach Hause.«
»Du hättest eine Kutsche nehmen sollen. Es ist nicht ungefährlich bei Nacht in der Stadt.«
»Aber es ist eine so herrliche Mainacht …«
»… die den seltsamen Gesellen da hinten nicht davon abhält, dich zu verfolgen. Dreh dich nicht sofort um. Tu so, als würden wir uns weiter unterhalten.« Die Dirne sah ihn keck an und lächelte, als würde sie ihm weiter Avancen machen.
»Was tut er?«, fragte Quantz.
»Er ist näher gekommen«, flüsterte sie.
»Kannst du ihn beschreiben?«
»Groß, schlank. Ich habe vorhin bereits gesehen, dass er dich verfolgt. Ich bin nämlich auf dieser Straßenseite neben dir hergegangen, musst du wissen. Schon seit dem Opernhaus. Offiziell sind wir ja nur Spaziergängerinnen.«
»Die mitten in der Nacht unterwegs sind. Ohne Herrenbegleitung.«
»Die ist uns eben gerade abhandengekommen. Was können wir dafür, wenn unser Galan die Flucht ergreift und wir Herren ansprechen müssen, die uns nach Hause bringen? Ich glaube, dein Verfolger zieht sich zurück.«
War das der Schatten, den Quantz auch in der Nähe des Tors gesehen hatte? »Was meinst du, was er wollte? Mich ausrauben?«
»Wer weiß das schon?«
»Danke für deine Hilfe. Ich gehe jetzt.«
»Vielleicht könnten wir doch noch ins Geschäft kommen. Du wirst dich hinterher sehr gut fühlen.« Sie senkte den Blick. »Du musst mich nicht ansehen dabei.«
»Danke, aber danach ist mir nicht.«
»Schade. Au revoir, Herr Flötist.«
Quantz murmelte ebenfalls einen Abschiedsgruß und überquerte die Straße, die hier – in der Nähe des Brandenburger Tores – kaum noch belebt war. Kein Verfolger war zu sehen. Ob ihn die Dirne belogen hatte, um länger mit ihm sprechen zu können?
Er hastete weiter, seine Lungen schmerzten, er geriet außer Atem. Die Straßen wurden dunkler, hier gab es weniger Beleuchtung. Er folgte der Mauerstraße. Fast vollständig mit dem Nachthimmel verschmolzen, schälte sich ein riesiges, steinernes Ei aus den Häuserzeilen. Die Dreifaltigkeitskirche.
Am Portal blieb Quantz wieder stehen. Ihm pochte der Herzschlag in den Ohren.
Er brauchte eine Strategie. Das war das Einzige, das gegen eine Hofintrige half. Und eine Hofintrige war es, in die er geraten war. Nicht nur die Musiker, auch die französischen Philosophen, die der König neuerdings um sich scharte, waren darin verstrickt. Eine neue Zeit brach an in Potsdam, mit neuen Ideen, die einem ordentlichen Christenmenschen das Blut in den Adern gefrieren ließen.
Ob Andreas’ Verschwinden damit zusammenhing?
Der Lakai war auch für La Mettrie unterwegs gewesen. Vielleicht hatte er auf seinen Botengängen Dinge erfahren, die er nicht hätte erfahren sollen.
Quantz’ Gedanken drehten sich im Kreise. Das hatte er alles schon einmal gedacht. Schon einmal durchdacht.
Er schrak aus seiner Grübelei auf, als er das kalte, metallische Klappern einer Kutsche hörte. Morgen musste er in aller Frühe nach Potsdam zurückkehren. Dort würde er Sophie wiedersehen. Und bis dahin würde er hoffentlich klar denken können. Wahrscheinlich war Angriff die beste Verteidigung. Er würde La Mettries Einladung, den Franzosen in der »Goldenen Krone« zu besuchen, annehmen und den Feind im Auge behalten.
Die Kutsche kam heran und hielt genau neben Quantz.
Er erstarrte. Was sollte das jetzt?
Der Schlag öffnete sich, und in dem schwarzen Loch dahinter ertönte eine Stimme. »Johann, ich wusste es.«
Das war ja Anna!
Schlagartig hatte Quantz seinen Schrecken überwunden. »Was machst du hier?«, rief er. »Mitten in der Nacht?« Auf dem Kutschbock saß Anton. Seine Gestalt war schmal und groß. Genau wie die des Schattens, der ihn verfolgt hatte.
»Steig ein.«
»Was fällt dir ein, mir Befehle zu geben?«, schrie Quantz zornig.