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»Steig gefälligst ein«, wiederholte Anna etwas lauter. »Oder willst du mich unmöglich machen?«

Er seufzte. Warum sollte er nicht mit der Kutsche zurückfahren? Und von ihm aus konnte seine Frau machen, was sie wollte. Wenn es ihr Spaß machte, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, würde er sie nicht daran hindern.

»Ich konnte nicht schlafen«, sagte sie, als er eingestiegen war. »Und ich wollte unbedingt wissen, warum du deine ehelichen Pflichten vernachlässigst. Jetzt weiß ich es.«

»Ach? Und warum?«

»Du treibst dich bei den Huren herum.«

»Was?«

»Es hat keinen Zweck, den Überraschten zu spielen. Anton hat dich gesehen. Du hast dich sogar mit einer von ihnen abgegeben.«

»Ich habe mit ihr gesprochen, sonst nichts.«

»Mit so einem Menschen spricht man nicht einmal.«

»Anna, ich verbiete dir, mir nachzuspionieren.«

Sie hatte bisher aus dem Fenster gestarrt, doch jetzt wandte sie Quantz ihr Gesicht zu. »Und wenn du die Krankheit bekommst? Wenn du sie weiterträgst, diese Strafe Gottes für Lasterhaftigkeit?«

Er schüttelte den Kopf. »Wie soll ich sie weitertragen? Es geschieht zwischen uns nichts, was diesen Vorgang begünstigen könnte.«

Sie wandte sich wieder ab. Ein paar Atemzüge später hörte Quantz in der Dunkelheit ein unterdrücktes Schluchzen. Die wenigen Minuten, die sie zur Wohnung brauchten, verbrachten sie schweigend. Quantz wusste nicht, wie er ihr helfen konnte.

Als sie ausgestiegen waren, brachte Anton die Pferde und die Kutsche weg. Quantz ging in seine Kammer und zog sich bei Kerzenlicht die Gewänder aus. Viel Zeit blieb ihm nicht zum Schlafen, doch das konnte er auf der Heimfahrt morgen nachholen.

Schließlich legte er sich auf das schmale Bett und starrte ins Dunkel. Er hörte, wie der Diener zurückkam. Seine schweren Schritte waren deutlich wahrzunehmen. Quantz hielt den Atem an. Würde er wieder zu Klara in die Stube gehen?

Nein – Anton stapfte an Quantz’ Tür vorbei und gab sich noch nicht einmal besondere Mühe, leise zu sein. Sein Gang war etwas unregelmäßig, offenbar hatte er getrunken.

Quantz wurde klar, dass er das Schlafzimmer seiner Frau ansteuerte.

Minuten später drang von dort verhaltenes Stöhnen. Es war das gleiche Geräusch, das Quantz heute Mittag gehört hatte.

Er seufzte tief, drehte sich auf die Seite und schlief ein.

***

»He, Junge, komm mal her. Ich hab was für dich.«

Jakob dachte nicht daran, zu dem Mann zu gehen. Er hatte wahrscheinlich beobachtet, wie Jakob einer der alten Huren an der Langen Brücke ein paar Münzen aus der Hand geschlagen hatte und davongerannt war. Er ließ sich das Geld nicht nehmen, von niemandem.

Er lief auf die andere Seite auf den Vorplatz des Schlosses zu. Von hier führten schmale Treppen hinunter an die Spree. Wenn die Huren sich dort nicht gerade mit ihren Freiern beschäftigten, bot die Stelle unter dem ersten Gewölbe ein gutes Versteck.

Jakobs Schuhe waren löchrig, und Strümpfe besaß er nicht, aber er konnte rennen wie der Teufel. Geschwindigkeit war sein Kapital.

Jetzt hatte er die Brücke hinter sich gebracht, blieb stehen und sah nach hinten. Es hatte bereits Mitternacht geschlagen. Wer jetzt noch in der Stadt unterwegs war, hatte entweder Böses im Sinn, war auf der Suche nach käuflicher Liebe, bot diese Liebe an oder gehörte zu den Patrouillen. Niemandem von all diesen nächtlichen Gestalten wollte Jakob begegnen.

Das andere Ende der Brücke in Richtung Berlin lag still und friedlich da. Der Mann war nicht mehr zu sehen.

Jakob hetzte die Treppe hinab. Jemand unterdrückte ein Kichern, dort unten fand gerade ein Stelldichein mit einem der Freudenmädchen statt. Jakob hielt sich abseits und bewegte sich ein Stück auf dem kleinen Pfad spreeaufwärts zum Mühlendamm hin. Dabei zählte er die Steine an der Mauer rechts neben sich.

Als er bis einhundert gekommen war, blieb er stehen, sah sich noch einmal um und zog einen lockeren Stein aus der Wand.

Das Versteck war für Diebesbeute wie geschaffen. Es lag mitten in der Stadt, vor aller Augen, und doch war es verborgen. Wenn er nachher zurück ins Waisenhaus schlich, um auf den feuchten Strohsack zwischen seine Kameraden zu kriechen, würde er von seinem Reichtum träumen – und davon, eines Tages fortzugehen aus Berlin, irgendwo einen kleinen Acker zu kaufen und Bauer zu werden. Oder Holzhändler, wie sein Vater es angeblich gewesen war. Zumindest hatte seine Mutter das immer erzählt. Sogar noch an dem Tag, an dem sie eine eigenartige Krankheit dahinraffte, hatte sie das erzählt. Jakob war damals erst acht gewesen. Jetzt war er doppelt so alt, fast erwachsen. Und er würde sein Ziel mit Verbissenheit verfolgen.

Als er den Stein, der etwa so groß wie ein Ziegelstein war, herausgezogen hatte, bildete sich eine Höhle, die gerade breit genug war, um die Hand hineinzustecken. Er musste mit seinen kleinen Händen weit in die Mauer hineingreifen, bis fast sein ganzer Arm darin verschwunden war. Erst dann trafen seine Finger auf den kleinen Lederbeutel, der die Schätze enthielt.

Bis im Waisenhaus geweckt wurde, bis er seine karge Morgensuppe hinunterschlingen und sich auf den Weg in die Spinnerei in Cölln machen durfte, vergingen noch Stunden. Es blieb ihm viel Zeit, um sich an seinen Reichtümern zu ergötzen.

Jakob öffnete das Säckchen, griff hinein und stellte sich vor, was er bereits zusammenhatte. Sehen konnte er die Beute nicht, dafür war es zu dunkel. Immerhin besaß er fast drei Reichstaler in verschiedenen Münzen, die er Passanten und Huren gestohlen hatte. Vor drei Wochen war es ihm gelungen, durch den Hintereingang in eines der besseren Hurenhäuser zu gelangen und im ersten Stock in den Zimmern auf Diebestour zu gehen. Während die Damen unten in der Gaststube mit ihren Verehrern anbändelten, hatte Jakob Schmuck ergattern können. Einen Ring, eine Brosche und eine Halskette hatte er bei sich, als er über die Treppe und den Hinterhof davonrannte.

Es waren immense Reichtümer. Er musste sich nur noch darum kümmern, wem er sie zu einem guten Preis verkaufen konnte. Sie würden sicher so viel abwerfen, dass ihm ein jahrelanges sorgenfreies Leben beschieden war. Ein prickelndes Glücksgefühl durchfuhr ihn. Noch saß er hier, in Lumpen gekleidet, aber unter seinen vielfach geflickten und schmutzigen Kleidern verbarg sich ein reicher Mann.

Jakob ließ das Geschmeide und die Münzen durch seine Finger gleiten und war so sehr in seine Phantasien versunken, dass er zu spät bemerkte, wie sich Schritte näherten.

Das Säckchen musste wieder ins Versteck!

Er scheuerte sich den Arm auf, als er seine Schätze wieder weit hinten in der Höhle verstaute, dann fand er vor Aufregung den Stein nicht, mit dem er das Loch in der Mauer verschließen musste. Normalerweise legte er ihn gleich zu seinen Füßen ab. Doch jetzt tastete er hilflos auf dem Boden herum.

Ein eiskalter Schrecken erfasste ihn, als ihm klar wurde, dass sich von der einen Seite zwar Schritte näherten, auf der anderen jedoch schon jemand neben ihm stand. Wahrscheinlich schon eine ganze Weile. Eine dunkle Gestalt trat zwischen Jakob und das glänzende Wasser der Spree.

»Suchst du vielleicht das hier?«, fragte die Gestalt. Es war die Stimme des Mannes, der ihn an der Brücke angesprochen hatte. Der Mann war sehr groß. Er hob die Hand, und in ihr lag der Stein. Er hatte ihn aufgehoben. Und Jakob hatte es nicht gemerkt.

Sein Reichtum war dahin, wenn er jetzt nicht reagierte. Weglaufen konnte er nicht, dann würde er alles, was er besaß, im Stich lassen. Hinter dem Mann war der Fluss. Wenn es ihm gelang, sich gegen ihn werfen und ihn hineinzustürzen …

Doch da war schon der Zweite heran und packte ihn.

»Lasst mich«, rief Jakob, doch sein Schreien ging in Gurgeln unter, als ihm einer der beiden eine Hand auf den Mund presste. Jakob riss die Augen auf, als der Mann mit dem Stein den Arm hob.

***

Das graue Licht in dem Wasserloch war zuerst ein matter Schein, dann wurde es heller und heller und erleuchtete, bis es sich zu einer tiefblauen Fläche öffnete.