Andreas kam zu sich und spürte ein Gefühl von Geborgenheit. Ein grobes, kantiges Gesicht beugte sich über ihn und grinste ihn an.
»Wieder da? Hab mir schon Sorgen gemacht.«
Andreas zuckte vor Schreck zurück, Schmerz schoss durch seinen linken Arm, als er ihn an einer harten Kante anschlug. Über ihm spannte sich der freie, helle Himmel. Möwen kreischten, ein platschendes Geräusch neben ihm ließ ihn gleich wieder hochfahren. Zwei Männer zogen an einem Netz voller silbriger zappelnder Fische, das sie neben ihm ins Boot entleerten.
»Halt, halt«, rief der Mann. »Keine Angst. Du bist in Sicherheit.«
Vor ihnen lag die Stadt mit den hellen Mauern des Schlosses, mit Dächern und Türmen. Ein Stück weiter kreuzte die Lange Brücke die Havel, und dort hatten in einem komplizierten Durcheinander Fischerboote angelegt. Die Fläche der Kähne wirkte wie eine zusätzliche Landfläche, die sich in den Fluss hineinschob. Oberhalb drängten sich Menschen zwischen Bretterbuden und hohen Bottichen. Geschrei kam von dort zu ihnen herüber.
»Alles in Ordnung?«, fragte der Mann, und Andreas spürte, dass er keine Angst vor ihm zu haben brauchte. »Schau nicht so verwirrt. Du bist auf der Havel, und das da ist der Fischmarkt, den kennst du doch? Oder sind sich königliche Lakaien zu fein, um dort hinzugehen? Ah, wahrscheinlich bist du noch nie auf einem Boot gewesen. Aber wie bist du dann ins Wasser gekommen?«
Natürlich kannte Andreas den Potsdamer Fischmarkt – wenn er sich auch selten dort aufhielt. Abgesehen davon, dass ihn seine Aufträge kaum in diese Gegend brachten, mochte er den Gestank von Fisch nicht, der jetzt in zunehmender Stärke herüberwehte.
»Du redest wohl nicht gern, was?«
Er starrte zum Land hinüber und wünschte nichts sehnlicher, als dass sie endlich ankamen. Da fiel ihm auf, dass er seine Lakaienlivree nicht mehr trug.
»Keine Sorge«, sagte der Fischer. »Du musstest ja aus den nassen Sachen. Ich hab deine Uniform für dich aufgehoben. Wir haben immer was zum Wechseln an Bord, falls einer nass wird. Und dann hattest du noch das hier dabei.« Andreas drehte sich um. Der Mann hielt ihm ein Paket von nassem Papier entgegen. »Bist du vielleicht gar kein Lakai, sondern Musiker? Ich hab einen Vetter, der spielt die Fiedel, und der hat auch oft solche Papiere mit so komischen Musikzeichen …«
Andreas griff nach dem Paket. Es war vollkommen von Wasser durchtränkt.
»Du könntest dich ja wenigstens bedanken, wo wir dich doch aus dem Fluss gezogen haben. Ich frage mich sowieso, wie du da reingekommen bist. Wäre sicher auch nicht zu viel verlangt, wenn du’s mir erzählen würdest. Da hätte ich eine schöne Geschichte für meine Frau und die Kinder …«
Andreas versuchte vorsichtig, die beschriebenen Blätter auseinanderzufalten. Bereits der kleinste Versuch führte dazu, dass das Papier riss. Vielleicht half es, wenn man es langsam trocknen ließ. Aber die Tinte war an vielen Stellen verlaufen, das meiste war unleserlich geworden.
Der Fischer legte ihm das Bündel Kleidung hin – Andreas’ Livree, der Rock, die Hosen. Auch das zog er zu sich heran.
Der Fischer schüttelte den Kopf. »Na, du bist mir ein komischer Heiliger.« Er nahm ein Ruder und bugsierte das Boot an den Steg. Kaum hatte die Planke den Steg berührt, stand Andreas auf, packte das Bündel und den nassen Packen Papier und lief los.
11
Das Gasthaus »Zur Goldenen Krone« lag von Quantz’ Haus einige hundert Schritte den Kanal abwärts, eingezwängt zwischen zwei Bürgerhäusern und von Linden beschattet. Schräg gegenüber öffnete sich die Häuserfront und machte der Garnisonplantage Platz, an die der Alte Stall angrenzte – eine einfache Halle aus Fachwerkmauern, die der Garnison für Exerzierübungen diente.
Quantz hatte früher, bevor Sophie in seine Dienste getreten war, oft in der »Goldenen Krone« gespeist. Manchmal, wenn er überraschend aus Berlin kam und Sophie keine Mahlzeit vorbereiten konnte, ließ sie das Essen immer noch von dort bringen.
Schulze, der Wirt, stand vor dem Eingang und sah zu, wie zwei Männer Kisten mit Gemüse aus einem Kahn luden und über die Straße ins Wirtshaus trugen. Als er Quantz erkannte, legte er eine so grazile Verbeugung hin, wie es ihm bei seiner Leibesfülle möglich war, und zog den Hut.
»Zu Diensten, Herr Musikus. Willkommen. Geben Sie uns wieder einmal die Ehre?«
Schulze verhielt sich gern, als sei er der Inhaber einer Nobelunterkunft in Berlin, London oder gar Paris. Wahrscheinlich hielt er diese übertriebene Art für Gastfreundschaft.
Quantz grüßte zurück. »Sie haben wenig Gäste diesen Mittag, Herr Wirt.«
»Die Essenszeit ist vorüber. Die meisten Gäste haben wir ohnehin gegen Abend, bis zum Zapfenstreich. Wobei der Frühlingsmonat die Leute nicht gerade in die Wirtshäuser zieht. So mancher genießt doch lieber die frische Maienluft auf der Plantage. Wenn natürlich die Journalière endlich eingerichtet würde. Der König hat es zwar versprochen, aber bisher …«
Der Wirt kam wieder einmal auf sein Lieblingsthema. Eine Journalière, eine regelmäßige Postkutschenverbindung, würde ihm ständig Menschen ins Haus bringen. Jedem, der mit der Kutsche nach den fünf, sechs Stunden von Berlin in Potsdam ankam, würde nichts anderes übrig bleiben, als erst einmal den Gasthof zu besuchen – um sich zu stärken, um sich aufzuwärmen oder um sich nach diesem oder jenem zu erkundigen. Und nicht zuletzt, um eine Unterkunft zu finden.
»Seid Ihr denn sicher, dass der König die Station hier errichten wird? Und nicht irgendwo in der Nähe des Schlosses? Wo ohnehin die Mietkutscher stehen?«
»Er hat mir das Recht verliehen«, sagte Schulze. »Ich habe es mit Brief und Siegel. Doch es nützt mir nichts, solange die Strecke nicht eingerichtet ist.«
Quantz nickte nur. Jeder hoffte, dass der König die Dinge in Potsdam so vorantrieb, wie es zum eigenen größten wirtschaftlichen Nutzen war.
»Wünscht Ihr zu speisen?«, fragte der Wirt eilfertig. »Wir haben noch köstliches Bratenfleisch vom Mittag. Dazu Kohl.«
»Ich bin nicht zum Essen hier.« Quantz zog einen Lederbeutel hervor. »Ich möchte begleichen, was vom letzten Monat auf meiner Liste steht.« In der leeren Gaststube zog er ein paar Münzen hervor und zählte sie auf den hölzernen Tresen.
»Aber Herr«, sagte Schulze. »Dafür hättet Ihr Euch nicht selbst herbemühen müssen. Ich hätte meine Frau Liese schicken können. Oder Sophie wäre hergekommen.«
»Ich habe zwei nützliche Dinge verbunden, denn ich möchte einen Gast sprechen, der hier wohnt. Monsieur La Mettrie. Er ist doch Gast hier, oder?« Quantz konnte sich eigentlich kaum vorstellen, dass ein Kammerherr des Königs in einem Zimmer in der »Goldenen Krone« hauste. Aber der Franzose hatte es selbst gesagt.
»Bedaure, Herr Quantz, der Herr ist nicht zugegen.« Kaum ging es um hohe Herren, wechselte Schulze wieder die Stillage und redete übertrieben vornehm daher. »Er weilt derzeit in Berlin, wie ich höre.«
Quantz unterdrückte seine Enttäuschung. Das hätte er sich denken können.
»Aber wenn wir Glück haben, wird er hier ohnehin nicht mehr lange seine Unterkunft haben.«
»Ist es nicht von Vorteil, einen so hohen Gast zu beherbergen?«
Schulze beugte sich vor und verfiel ins Flüstern. »Ich hoffe, dass Ihr ein Geheimnis für Euch behalten könnt.«
»Selbstverständlich.«
»Liese, meine Frau, ist gar nicht zufrieden, dass der Herr Franzose bei uns Quartier hält. Ich habe ihm das beste Zimmer gegeben, weil ich dachte, er wüsste es zu schätzen. Doch sein Benehmen ist nicht danach, versteht Ihr?«
»Nein, nicht so ganz.«
»Man hört ja viel von den Franzosen«, fuhr Schulze fort. »Über ihren lockeren Lebenswandel und so weiter. Aber dass dieser Mann aus meinem Gasthof eine Räuberhöhle macht, hätte ich nicht geglaubt. Ich habe gedacht, unser König lade nur Menschen an seinen Hof, die sich zu betragen wissen und die unsere ordentliche Lebensart, die uns ja der König in seiner Gnade auch als glänzendes Vorbild vorlebt, angenommen haben. Stattdessen findet Liese, die das Zimmer sauber machen muss, täglich eine unbeschreibliche Unordnung vor.«