»Was meint Ihr damit?«
»Er tanzt mit dem Teufel.«
»Wie bitte?«
Der Wirt holte zwei Gläser hervor, goss Branntwein ein und schob Quantz das eine Glas hin. »So etwas habt Ihr noch nicht gesehen. Seine Garderobe, Manuskripte, Essensreste, Geschirr, Feder, Tinte … Als habe jemand alles durcheinandergeworfen. Sogar die Stühle und Tische stehen morgens nicht mehr an ihrem Platz, sind manchmal umgeschmissen.«
Quantz staunte. Der Kammerherr hatte also nicht nur seltsame Gedanken. Verbrachte er seine Zeit auch mit unlauteren Taten? Pflegte er irgendwelche geheimnisvollen Rituale? »Das hat er selbst angerichtet? Seid Ihr sicher? Ist es nicht eher so, dass jemand sein Zimmer durchsucht hat?«
Schulze kippte den Schnaps, schüttelte sich und sah sich in der leeren Gaststube um, als befürchte er, belauscht zu werden. »Er selbst liegt ja morgens, wenn Liese aufräumen will, noch in seinem Bett – bedeckt mit Unmengen von Papier. Inmitten dieses Saustalls.«
»Unmengen von Papier, sagt Ihr? Ihr meint, beschriebenes Papier?«
»Ja, das meine ich. Manchmal gleich mit der ausgelaufenen Tinte darüber. Offenbar kommen ihm viele Gedanken, die er dann aufschreibt. Viele böse Gedanken auch. Liese hat in der Stadt viel über ihn gehört …«
»Ja?«
»Bitte kommt näher heran, Herr Quantz. Ich traue mich kaum, es auszusprechen. Dieser Mensch da oben schreibt es ungestraft, und er lebt auf Kosten des Königs, der davon sicher gar nichts weiß.«
»Nun sagt schon, was Liese gehört hat.«
Schulze drehte sich wieder prüfend um. Schulzes Frau war sicher nicht zu Hause, sonst hätte sie sich schon gezeigt.
»Er hat ein Buch geschrieben, in dem es heißt, dass wir alle keine lebendigen Wesen sind, sondern Maschinen«, flüsterte Schulze Quantz ins Ohr. »Zahnräder. Webstühle. Oder das Gerät, mit dem Ihr Eure Flöten baut. Bohrer. So etwas sei der Mensch. Ohne Seele. Ein … Ding. So etwas hat er geschrieben! Und nun schreibt er weiter und weiter – und das in meinem Haus! Welche Verworfenheit mag sich noch in den Blättern verbergen …«
»Habt Ihr etwas davon gelesen?«
Der Wirt hob entrüstet das Kinn. »Gott bewahre. Ich kann doch die Sprache der Franzosen nicht. Und das Lesen … Na ja, es geht mir ohnehin nicht leicht von der Hand.«
Schulze goss sich nach. Quantz hatte seinen Schnaps noch gar nicht getrunken. Er mochte keinen Branntwein, schon gar nicht tagsüber, aber er riss sich zusammen und stürzte die scharfe Flüssigkeit hinunter.
»Ich bin sicher, der König weiß nicht, was der Herr hier über unseren Köpfen in meinem besten Zimmer ausbrütet. Er weiß nicht, dass dieser Franzose hier dem Teufel selbst Tür und Tor öffnen will. Ich habe mir das genau überlegt, Herr Quantz. Stellt Euch vor – da ist der König …« Schulze schob sein Glas ein Stück zur Seite. Es sollte wohl Friedrich darstellen. »Um ihn herum entsteht eine schöne Stadt, ein Schloss. Schöne Dinge. Wie Eure Musik. Und das neue Sommerschloss. Der Park.«
Schulze zögerte, er wusste wohl nicht recht, wie er all dieses Schöne darstellen sollte. Dann beschränkte er sich darauf, das Glas mit seinem dicken Finger zu umkreisen. »So etwas zieht Neider an. Oder Profiteure. Leute, die sich bei Seiner Majestät einschleichen. Die etwas verdienen wollen. Unser König, der sich so wacker auf dem Schlachtfeld geschlagen hat, muss nun aufpassen, dass er sich nicht die Feinde ins eigene Land holt. Dass er keine Natter an seinem Busen nährt.«
Schulze erzählte mit seinen eigenen Worten das Gleiche, was Weyhe gesagt hatte. Quantz kam der Gedanke, dass viele Menschen aus dem einfachen Volk genauso denken mochten.
»Sie haben doch Einfluss auf Seine Majestät«, sagte der Wirt, nachdem auch der Schnaps, der eben noch Friedrich symbolisiert hatte, in seinem Schlund verschwunden war. »Sie stehen ihm nah. Sie machen Musik mit ihm. Sagen Sie ihm, was hier geschieht, bevor es zu spät ist. Ich möchte solche Fremden nicht gern hier im Haus haben. Könnten Sie nicht den König dazu bringen, dem Herrn eine andere Unterkunft zu geben?«
Wieder füllte Schulze Quantz’ Glas. Bevor er es trank, musste er eine Entscheidung treffen, denn danach wäre er nicht mehr in der Lage dazu. »Ich könnte Euch behilflich sein«, sagte er.
»Wirklich?«
»Unter einer Voraussetzung.«
»Sprecht. Sagt es … Wollt Ihr einen Monat Mahlzeiten umsonst? Oder länger?« Im Blick des Wirts lag etwas Flehendes.
»Nein, darum geht es nicht.«
»Was dann?«
»Zeigt mir Herrn La Mettries Zimmer.«
Schulze riss die Augen auf. »Aber Herr Quantz, das geht doch nicht … Es ist verboten. Wenn der Kammerherr dahinterkommt …«
»Wenn ich dem König etwas schildern soll, muss ich es selbst gesehen haben, versteht Ihr? Seine Majestät verabscheut Gerüchte.«
Der Wirt blickte sein leeres Glas an und legte die Stirn in Falten.
Quantz trank seinen Schnaps. Eine leichte Gleichgewichtsstörung überkam ihn, und er musste sich am Tresen festhalten. »Überlegt es Euch«, brachte er hervor. »Ich muss gehen.«
Schulze sah auf und legte seine fette Hand auf Quantz’ Ärmel. »Also gut. Aber nur ganz kurz. Niemand darf uns sehen. Liese wäre geschwätzig, aber sie hilft heute ihrer Schwester waschen. Es bleibt unter uns. Abgesehen davon, dass Ihr den König informiert. Aber Ihr sagt Seiner Majestät natürlich nicht, wie Ihr von den Verfehlungen des Herrn La Mettrie erfahren habt, habe ich recht?«
»Sicher, Herr Schulze.«
»Ihr gebt mir Euer Wort?«
»Ihr habt es hiermit. Der König wird nie erfahren, dass Ihr mir das Zimmer des Monsieur La Mettrie gezeigt habt.«
»Dann kommt.«
Quantz spürte die Wirkung des Alkohols immer stärker und musste sich an den Wänden abstützen, als er dem Wirt die schmale Treppe hinauf folgte.
La Mettries Zimmer lag am Ende des Ganges – zur Straße hinaus, mit Blick auf die Plantage. Schulze schloss auf. Auf den ersten Blick erkannte Quantz, dass er nicht übertrieben hatte. Ein stechender Geruch schlug ihnen entgegen. Staub, verschwitzte Kleidung – vermischt mit dem Gestank nach Fäkalien.
»Das Schlimme ist, dass er Liese ausdrücklich verboten hat, aufzuräumen«, sagte der Wirt. »Am ersten Tag hat sie ja noch all die Papiere auf einen Stapel gehäuft, um Ordnung zu schaffen und um überhaupt an den Fußboden zu kommen, damit sie ihn wischen kann. Denn das wird bei uns jeden Tag getan, darauf lege ich Wert. Doch diesem Herrn ist es nicht wichtig. Er will nicht, dass man auch nur ein Stäubchen verändert. Lieber verkommt er im Dreck. Er hat Liese sogar untersagt, das Nachtgeschirr zu leeren. Könnt Ihr Euch das vorstellen?«
Massen von eng beschriebenen Blättern bedeckten den Boden, das Bett, den Tisch und die Stühle. Dazwischen lagen Kleider in Haufen herum: Gehröcke, Hosen und Strümpfe häuften sich, einzelne Schuhe, Wäsche. In einer Ecke hatte sich ein Berg Perücken angesammelt. Es sah aus, als hätte sich ein fremdartiges Tier dort ein Nest gebaut. Quantz fragte sich, wo der Franzose all diese Seiten geschrieben hatte, denn nirgendwo gab es genug Platz, um sich ordentlich an die Arbeit zu setzen.
Er schreibt überall, dachte Quantz. Nicht nur am Pult. Er bringt seine Gedanken zu Papier, wo es ihn gerade überkommt. Und es sind viele Gedanken – anscheinend hervorgebracht wie im Rausch – mal am Tisch, im Bett, auf dem Boden.
Hin und wieder waren Quantz auf seinen Reisen solche Menschen begegnet, die nicht aus kühler Überlegung heraus ihre Werke schufen – seien es Musikstücke, Gedichte oder anderes –, sondern in einem eigenartigen Zustand der Entrücktheit. Quantz hatte das immer verwirrt. Wie konnte man, ohne im Besitz seiner geistigen Kräfte zu sein, etwas verfassen, was genau diese Kräfte erforderte?