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»Ich denke, ich habe nicht übertrieben«, sagte Schulze. »Habt Ihr genug gesehen?«

»Einen Moment noch.« Er wollte in das Zimmer treten, was fast unmöglich war, weil jeder Flecken mit irgendetwas bedeckt war. So beugte er sich nur um die Ecke und bekam ein paar Blätter zu fassen, die auf dem Waschtisch lagen. Quantz verstand das Französische gut genug, um den Text lesen zu können.

»Bitte, Herr Kammermusiker, wir wollen wieder gehen«, drängte der Wirt.

»Moment noch«, sagte Quantz, der sich an einer Textstelle festgebissen hatte.

Die Menschen, die an ein jenseitiges Leben glauben, geben sich zweifellos verführerischen Einbildungen hin, die sie über das Sterben trösten, und dies tun sie umso intensiver, je unglücklicher sie in diesem Leben sind … Die Tugend ist nur eine Art dekoratives Beiwerk, das jeden Moment zusammenbrechen kann … Wir verhalten uns wie Wetterfahnen: wir drehen uns stets nach dem Wind der Erziehung …

Er legte die Blätter wieder hin. Kein jenseitiges Leben. Keine Seele. Was gut ist und was schlecht, hing also nicht an ewigen Wahrheiten, sondern wurde angeblich durch die Erziehung bestimmt. Diese Gedanken passten genau zu den Unterhaltungen, die La Mettrie und d’Argens in der Kutsche geführt hatten.

In Quantz’ Abscheu mischte sich Bewunderung. Hatte La Mettrie das alles hier in Potsdam geschaffen? Es waren Hunderte, vielleicht an die tausend Papierbögen in diesem Raum. Wie konnte der Franzose nur schreiben und schreiben – scheinbar ohne Unterlass und ohne ins Stocken zu geraten? Gut, die Ideen waren gottlos. Sie waren absurd, und sie waren verbrecherisch. Aber das minderte nicht Quantz’ Staunen über die gewaltige Produktivität.

Als habe er nach dem Geheimnis gesucht, das den Franzosen in den Stand dieser Gnade versetzte, entdeckte er hinten auf dem Schreibtisch eine Reihe von Glasflaschen, die wie Behältnisse für Medikamente aussahen.

La Mettrie war Arzt – warum sollte er also keine Medizin aufbewahren? Quantz kniff die Augen zusammen und versuchte, die Aufschrift auf einem der Etikette zu lesen. Das benutzte Wasserglas, das neben den Flaschen stand, zeugte davon, dass La Mettrie diese Medizin selbst einnahm.

Unten im Gasthaus schlug eine Tür.

»Liese ist zurück«, sagte Schulze und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Bitte … Gehen wir jetzt.«

Quantz nickte und folgte dem Wirt die Treppe hinunter. Unten am Ausgang verabschiedeten sie sich. Schulze nahm Quantz noch einmal das Versprechen ab, etwas gegen La Mettries ungebührliches Verhalten zu tun – oder mindestens dafür zu sorgen, dass der Franzose woanders Unterkunft nahm.

Quantz war gerade in seine Stube getreten, da betrat Sophie das Zimmer. »Eine Nachricht vom König«, sagte sie.

Quantz’ Herzschlag beschleunigte sich, als er das Siegel aufbrach. Es war der Befehl zum Kammerkonzert am heutigen Abend. Er atmete auf. Wenigstens ein Lichtblick. Seine Majestät schien ihm das Versagen in Monbijou verziehen zu haben.

Die anderen Musiker hatten das Schreiben sicher auch erhalten und würden bald zur Probe hier eintreffen. Der Tag würde lang werden.

Müdigkeit erfasste ihn. Er war schon sehr lange auf den Beinen. So ging er in die Schlafstube nach nebenan, legte sich hin und verfiel bald in einen unruhigen Schlummer. Im Traum war er ein fleißiger Komponist, der mühelos Notenblatt um Notenblatt füllte, und dabei entstanden die herrlichsten Konzerte. Und alles gelang ihm durch ein rötlich braunes Wundermittel aus der Apotheke.

Die Tinktur, die man aus Opium gewann.

***

Niemand kümmerte sich um Andreas, der in den einfachen Kleidern eines Fischergehilfen durch die Stadt ging. Er war jetzt ein anderer, nicht mehr der Lakai. Das Bündel mit der Livree trug er in der Hand. Den Stapel Papiere hatte er unter dem Hemd verborgen.

Herr Quantz war der Einzige, der verstehen würde, was Andreas aufgeschrieben hatte. Nur er konnte Andreas helfen. Am Schloss und an der Nikolaikirche vorbei gelangte Andreas an den Kanal und folgte ihm bis zur grünen Brücke, wo gleich gegenüber von Quantz’ Haus ein Gebäude abgerissen wurde.

Genau in dem Moment, als er hinübersah, öffnete sich die Tür. Der Kammermusiker trat auf die Straße und ging davon.

Sofort regte sich in Andreas der Impuls, Herrn Quantz hinterherzulaufen. Doch was er vorhatte, konnte er nicht hier draußen erledigen. Er musste Herrn Quantz in der Schreibstube abpassen, um ihm alles mit Tinte auf Papier niederzulegen.

Er hatte noch nie verstanden, wie es anderen Menschen gelang, sich allein durch Worte so deutlich auszudrücken, dass andere genau verstanden, was sie meinten. Für ihn lag der Sinn der Dinge niemals hinter Wörtern, sondern immer hinter den Übereinstimmungen zwischen Dingen. Oder den Übereinstimmungen von Zahlen. Die Harmonie, die sich beim Zusammenklang mehrerer Töne ergab und die etwas Neues war, das in diesem Moment entstand – und die mit anderen guten Übereinstimmungen, etwa zwischen verschiedenen Farben oder Formen auf einem Gemälde, ihre Entsprechung fand.

Herr Quantz war schon in der Ferne verschwunden. Vom Kellertor her näherten sich Gruppen von Soldaten.

Auch tagsüber waren Patrouillen unterwegs, doch sie würden Andreas nichts tun. Im besten Fall würden sie ihn als Lakaien erkennen und zum Schloss bringen. Allerdings hätte er dann keine Gelegenheit mehr, Herrn Quantz seine Nachricht zu überbringen.

Wie lange würde der Herr Musikus wohl fortbleiben? Sicher war er nicht auf dem Weg ins Kammerkonzert, dafür war es noch zu früh. Außerdem ging er nicht zu Fuß zum Schloss.

Die Soldaten kamen näher. Andreas musste sich verbergen. In dem Abbruchhaus wurde nicht gearbeitet. Es bot ein gutes Versteck, in dem er vielleicht lange sicher sein konnte. Bis zum Abend, wenn es sein musste. Und noch darüber hinaus, eben bis er Herrn Quantz wieder besuchen konnte.

Andreas’ Magen rumorte vor Hunger. Vielleicht erhielt er ja dann bei dem Herrn Quantz auch etwas zu essen.

Er drückte sich in den Hauseingang. Die Tür stand offen. Innen lagen Bretter, Balken und Reste von herausgebrochenen Wänden durcheinander. Es roch nach Staub und Schimmel. Weiter hinten führte eine Treppe nach oben. Vorsichtig stieg Andreas Stufe um Stufe hinauf und erreichte eine Dachstube, deren kleines Fenster auf den Kanal hinausging. Von hier hatte man das Geschehen auf der Straße und das Haus von Herrn Quantz auf der anderen Seite des Kanals genau im Blick.

Etwas raschelte in der Ecke. Eine Maus lief die Wand entlang und verschwand zwischen den Balken. Auf der anderen Seite türmten sich Holzreste, die wahrscheinlich von einem zusammengebrochenen Schrank übrig geblieben waren. Sie sollten sicher mitsamt dem Bauschutt abtransportiert werden. Spätestens wenn der Sommer vorüber war, würden sie als Feuerholz Verwendung finden.

Andreas betastete die zerbrochenen Bretter. Dahinter lag noch alter Hausrat, verrottete Bücher und Reste von Papier, die von schwarzem Schimmel bedeckt waren. Sogar ein ausgetrocknetes Tintenfass und einige alte Federn konnte Andreas erkennen.

Eine Wolke aus Staub und Schmutz löste sich, als Andreas Packen von Blättern und das Schreibzeug aus dem Holzhaufen zog. Er riss Teile der Bücher in kleine Streifen und achtete sorgfältig darauf, nur die weißen, unbeschrifteten Kanten herauszulösen. Bald hatte er die richtige Anzahl beisammen. Jetzt galt es, Tinte herzustellen.

Er spuckte zehnmal in das Fass, nahm eine der alten Federn und rührte in dem gläsernen Behälter herum. Die Flüssigkeit, die er auf diese Weise gewann, war wässrig, die Federn abgenutzt und viel zu breit, doch er würde damit schreiben können. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Innerlich war er nun von Zahlen und Tönen in perfekter Harmonie umgeben. Eine große Ruhe überkam ihn.