Seine Hand zitterte nicht, als er zum Schreibzeug griff und jedes der kleinen Zettelchen mit fünf regelmäßigen Linien bedeckte.
Er warf einen Blick auf das Haus von Herrn Quantz. Ob er mittlerweile zurückgekommen war?
Doch das war nicht mehr wichtig.
Andreas stellte sich das, was er schreiben wollte, bis ins letzte Detail vor. Dann fing er an. Zügig und ohne einen Fehler zu machen, begann er zu schreiben.
Er hatte keine Ahnung, wie viele Stunden vergangen waren, als er fertig war. Er erwachte wie aus einem Traum, und nun keimte wieder Unruhe in ihm auf, denn jetzt lag der schwierige Teil vor ihm.
Das Ergebnis der letzten Stunden sah nach nichts aus. Lauter Zettelchen, jedes einzelne so breit, dass es ein Notensystem aufnehmen konnte, und kaum einen Finger lang, mit je zwei Noten darauf – was war das schon? Und doch steckte darin eine ganze Welt. Wenn man in der Lage war, sie zu erkennen.
Er stapelte die Papierchen übereinander und rollte sie zusammen. Langsam stieg er die Treppe hinunter, lief aus dem Haus und überquerte den Kanal über die grüne Brücke.
Kurz darauf hatte er das Papier gegenüber bei Herrn Quantz verstaut. Schon auf dem Rückweg erfasste ihn Erleichterung. Bevor er wieder das Abbruchhaus betrat, sah er sich um, damit ihn niemand sah. Schnell stieg er wieder in die Dachstube und setzte sich so, dass er Herrn Quantz’ Haus gegenüber im Blick hatte.
Kutschen kamen herangefahren und hielten vor dem Haus. Die Musiker, die im königlichen Konzert spielten, stiegen aus. Andreas beobachtete, wie Herr Quantz mit den Männern nach draußen kam und die Kutschen weiterfuhren. Er war also doch zwischendurch nach Hause gekommen, als Andreas gearbeitet hatte. Er würde ihn also wie auch sonst abends besuchen. Die Nacht war ohnehin viel besser geeignet.
Stille legte sich über den Kanal und über das Haus.
Ein Knarren, das von der Treppe kam, ließ Andreas zusammenfahren. Schritte näherten sich. Sie kamen die Treppe herauf. Andreas sprang auf. Wie sollte er hier hinauskommen? Auf dieser Seite des Kanals stand kein Baum so günstig, dass er daran hinunterklettern konnte. Der Fluchtweg war abgeschnitten.
Andreas kauerte sich in eine Ecke. Die Schritte verstummten. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, erschien der Mann in der niedrigen Tür und zwängte sich herein. Seine dicke Gestalt füllte fast den ganzen Raum aus.
»Hab ich’s nicht gesagt? Ich wusste, dass du zurückkehren würdest.«
Andreas drängte sich ans Fenster. Vielleicht konnte er einfach hinausspringen. Doch da packte ihn der Mann und hielt ihn mit eisernem Griff fest. Es war zu spät. Als Andreas aufschrie, holte der Mann aus und schlug zu.
Dann wurde alles still und dunkel.
12
Nach einer kurzen Probe brachen sie zum Schloss auf. Quantz saß wie immer neben Bach in der Kutsche, und als sie sich auf der Brandenburger Straße dem Tor näherten, hatte er schon mindestens hundert Mal vorgehabt, den Cembalisten auf die Ereignisse im Stadtschloss anzusprechen. Um sich dann hundert Mal wieder zu beherrschen und es zu lassen.
Er musste erst mehr Informationen in der Hand haben und mehr darüber erfahren, was hinter seinem Rücken im Gange war. Wenn es sich wirklich um eine Intrige handelte, war es sicher unklug, Bach und damit die ganze Gegenseite wissen zu lassen, dass er das Treffen im Berliner Schloss belauscht hatte. Und wenn es eine harmlose Sache war, hatte eine direkte Konfrontation noch weniger Sinn. Bach würde untrüglich spüren, dass Quantz sich ausgeschlossen fühlte und um seine Position fürchtete. Wenn er nur wüsste, wie La Mettrie damit zusammenhing …
Die Kutsche bog auf den Weg hinauf zum Schloss ab. Alles schien so zu sein wie immer. Doch das Hochgefühl, die angenehme Erregung, die ihn sonst auf dem Weg zum königlichen Kammerkonzert ergriff, war schwächer. Stattdessen erfüllte ihn dunkle Bangigkeit. Quantz wurde die Vorstellung nicht los, dass ihm im heutigen Konzert irgendetwas bevorstand. Eine Art von Verwarnung, eine Bloßstellung, die Seine Majestät manchmal mit einer geradezu diebischen Freude an seinen nächsten Bediensteten übte.
Sie brachten die steile Auffahrt zum Ehrenhof hinter sich, stiegen aus und gingen ins Vestibül, um auf den Befehl zu warten. Man rief sie in den Marmorsaal, und kurz darauf geschah etwas, was selten vorkam: Der Monarch persönlich öffnete ihnen die Tür zu seinen Gemächern.
Im Musikzimmer brannten schon die Kerzen. Quantz trat zu Friedrich, der genau unter dem goldenen Spinnennetz stand. Er schlug die Mappe mit den Noten der Stücke auf, die sie heute musizieren wollten.
»Mein lieber Quantz, ist das etwa alles?« Der Blick aus den blauen Augen des Königs wirkte ernst.
»Wie meinen Sie …?«
»Ich meinte, mich klar ausgedrückt zu haben. Wo ist das neue Konzert, das ich befohlen hatte?«
Die anderen Musiker senkten die Köpfe und erstarrten zu bewegungslosen Figuren.
»Das neue Konzert … Ich dachte, Sie hätten befohlen, erst einmal das letzte Werk zu studieren.«
»Sie haben einen Abend Zeit gehabt«, sagte Friedrich, und seine Stimme besaß jetzt einen fast wohlwollenden, freundlichen Klang. Nur wer ihn nicht gut kannte, ließ sich dadurch täuschen. Quantz unterlief dieser Fehler nicht. »Ich habe Ihnen einen Abend Urlaub gegeben, erinnern Sie sich? Ihnen allen hier. So kann ich doch erwarten, dass das nächste Konzert akkurat vorbereitet wird.«
»Sicher sind wir vorbereitet, Majestät, sehr gut sogar, aber –«
»Und doch haben Sie darauf verzichtet, mir eine neue Komposition zu schreiben.«
»Sie ist … im Entstehen begriffen, Eure Majestät. Ich werde es sehr schnell ausgearbeitet haben. Sie können sich darauf verlassen. Morgen –«
»Ach was, morgen. Morgen geht vielleicht die Welt unter. Was zählt, ist die Gegenwart. Und was zählt, ist Ihr Gehorsam, den Sie in all den Jahren stets bewiesen haben und den ich Ihnen teuer bezahle. Zweitausend Taler sind kein Pappenstiel. Auch für mich nicht. Leider wurde in preußischen Ställen noch kein Esel geboren, der goldene Taler scheißt.«
Musste er das Thema Geld ansprechen? Quantz hatte bemerkt, wie Bach und seine Kollegen zusammengezuckt waren. Wenn Friedrich unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dass sein Hofflötist im Reichtum schwamm, verstärkte das den Neid nur noch.
»Wie dem auch sei«, fuhr der König fort, »Sie haben mich verstanden. Beginnen wir mit dem, was wir haben. Das C-Dur-Konzert, bitte.«
»Aber um Ihre Fertigkeiten auf der Flöte zu verbessern, Majestät, wäre es angebrachter, zuerst das neuere Stück in G-Dur zu wiederholen –«
»Unterbrechen Sie mich nicht. Gehorchen Sie. Damit wäre ich schon zufrieden.« Friedrich schlug die Noten auf und wandte sich an Bach und die anderen. »Mein Konzert in C.«
Quantz schlich demütig in seine Ecke, wo er der Musik stets zuzuhören pflegte. Das Vorspiel setzte ein, doch die Musiker spielten angespannter und steifer als sonst. Das lebhafte Thema, das eigentlich frisch und fröhlich über Stock und Stein dahinlaufen sollte, marschierte langsamer, eher gepresst und verhalten. Auch als der König einsetzte, verbesserte sich der Ausdruck der Darbietung nicht.
Quantz starrte in den dunkelblauen Abendhimmel jenseits der großen Fenster. Er zwang sich, seine Gedanken auf die Komposition zu lenken, die Seine Majestät unter seiner Anleitung geschaffen hatte. Es lag eine besondere Idee in dem Werk: Normalerweise setzte in einem Konzert das Soloinstrument nach dem Vorspiel mit derselben Melodie ein, mit der die Streicher das Stück eröffnet hatten. Hier jedoch war der Einsatz losgelöst von dem vorgegebenen thematischen Material. Es war, als beginne der Herrscher mit seinem Einsatz ein ganz neues Stück, mit eigenen Gedanken und eigenen roten Fäden, an die sich die Soli in steigendem Schwierigkeitsgrad anschlossen.
Das letzte Solo barg besondere Herausforderungen. Es handelte sich um eine schier endlose Kette schneller Sechzehntelnoten, die recht schwierig zu greifen waren – vermischt mit langen Abschnitten, in denen dem Solisten der Atem knapp werden konnte.