Выбрать главу

Während des Zwischenspiels der Streicher und des Klaviers pausierte der König und starrte auf die von Kerzenflammen beleuchteten Noten. Er hatte die Flöte in die rechte Hand genommen und schlug sie immer wieder leicht in die geöffnete linke. Er war zu verkrampft. So würde er das Solo nicht schaffen.

Friedrich begann.

Lange bevor es eintrat, konnte Quantz ein bevorstehendes Stolpern vorausahnen. Irgendwo mitten in dem Solo geschah es: Der König übersah ein Atemzeichen und hatte nicht mehr genug Luft, um den Rest der schnellen Notenkette ohne Unterbrechung abzuspulen – und ein mechanisches Abspulen war es ohnehin, was der König heute vorlegte. Das war kein emotionales, mitfühlendes Musizieren. Es wirkte, als wolle Friedrich mit Gewalt die Noten abliefern, die dort standen.

Und schließlich brachte der verpasste Atemzug die ganze nächste Passage zum Erliegen. Friedrich verzögerte seinen Einsatz um noch eine Achtel, Graun an der ersten Geige versuchte zu korrigieren. Bach, der versierte Improvisator, reagierte schnell und zog mit, aber die anderen spielten noch einige Momente versetzt und falsch weiter, bis alles in heilloses Durcheinander geriet.

»Aufhören«, rief der König, weil niemand wagte, das Musizieren einzustellen. Jedem war klar, dass Friedrich der entscheidende Fehler unterlaufen war.

Quantz hielt es als Flötenlehrer des Monarchen für seine Pflicht, seine Meinung kundzutun. »Majestät, wenn Sie wünschen, zeichne ich Ihnen deutlichere Atemzeichen ein.«

»Das war bisher nicht nötig und wird auch jetzt nicht nötig sein«, brummte Friedrich. »Wenn der Lehrer versagt, darf es der Schüler dreimal. Von vorn.«

Quantz war fast erleichtert, dass Friedrich nun doch noch das Ereignis aus Berlin zur Sprache brachte. Vielleicht war damit alles vorbei und vergeben und vergessen.

Die Musiker schienen beim zweiten Anlauf mehr Konzentration aufzubringen. Die Heiterkeit, die der König – wie er Quantz versichert hatte – in dem Thema zum Ausdruck bringen wollte, kehrte zurück. Auch Seine Majestät schien davon angespornt zu sein. Er legte das Solo mit Bravour hin, sodass Quantz in das Nachspiel der anderen hinein applaudierte.

Der letzte Ton war noch nicht verklungen, da öffnete sich die Tür zum angrenzenden Audienzzimmer, und ein Lakai trat herein mit einem silbernen Tablett in der Hand, auf dem ein zusammengefaltetes Papier lag. Die Szene erinnerte an die Ankunft des alten Bach, damals, vor etwa einem Jahr, im Stadtschloss.

Friedrich las, was auf dem Zettel stand, legte die Flöte auf den Flügel und rief in Richtung Tür: »Ich lasse bitten. Soll aber noch warten.« Zu den Musikern gewandt sagte er: »Das Konzert ist beendet. Au revoir. Quantz, Sie bleiben noch.«

Die Musiker verneigten sich und zogen sich zurück. Seine Majestät hatte bereits die Tür zu seinem Arbeits- und Schlafzimmer geöffnet und winkte Quantz, ihm zu folgen.

Drinnen sah er ihn streng an. »Was ist mit Ihnen los?«

»Was meinen Sie, Eure Majestät?«

Friedrich setzte sich an seinen Schreibtisch. »Ich meine, dass etwas mit Ihnen los ist, Mensch.«

Es war undenkbar, aber am liebsten hätte Quantz die Frage zurückgegeben und den König gefragt, was mit ihm los sei. So unkonzentriert hatte er seinen Schüler selten erlebt.

»Sie finden, ich hätte schlecht gespielt?«, fragte Friedrich.

Quantz schluckte. Seine Kehle war wie zugeschnürt, er brachte kein Wort heraus.

»Geben Sie es zu. Ich glaube, wir sind beide mit anderen Dingen beschäftigt, die uns der inneren Ruhe, die man für die Musik nun einmal braucht, berauben. Nur was Sie betrifft –«

»Majestät, ich –«

»Lassen Sie mich ausreden. Was Sie betrifft, so rate ich Ihnen, bei Ihren Leisten zu bleiben und mir mit Musik zu dienen, wie es Ihre Aufgabe ist. Von Ihnen erwartet niemand, einen Staat zu führen oder dafür zu sorgen, dass eine verrückte Österreicherin, die sich Kaiserin nennt, Preußen nicht ans Leder will.«

»Jawohl, Majestät.«

»Schätzen Sie sich glücklich, allein der Tonkunst dienen zu dürfen. Und natürlich mir. Das wäre alles.«

Quantz verbeugte sich und zog sich zurück. Als er rückwärts gehend ins Musikzimmer trat, stieß er jemanden an, der dort vor der Tür bereits wartete.

»Herr Musikus, so sieht man sich wieder.«

Weyhe. Er war es, der für den Abbruch des Konzerts gesorgt hatte. Quantz hätte es sich denken können. Er grüßte höflich und mehr aus Reflex.

Als er weitergehen wollte, hielt der Rat ihn am Arm fest. »Herr Musikus, gibt es etwas Neues von Andreas Freiberger?«

»Das fragen Sie mich?«

»Natürlich frage ich Sie. Sie kennen ihn ja gut. Hat er sich noch einmal bei Ihnen blicken lassen?«

»Nein, aber ich war auch bis heute Mittag in Berlin.«

»Berlin, so, so. Ach ja, ich weiß. Das Souper der alten Königin.«

»So ist es.«

»Sonst hatten Sie nichts in Berlin zu tun?«

»Nein.«

»Soll reinkommen«, rief die helle Stimme des Königs. Weyhe gehorchte und Quantz verließ das Schloss. Der Ehrenhof, wo die Kutschen hätten warten sollen, war leer.

»Schon weggefahren«, sagte einer der Lakaien. »Sie meinten, sie wüssten nicht, wie lange Sie bei Seiner Majestät bleiben.«

Quantz kehrte zu Fuß in die Stadt zurück. Als er endlich zu Hause war, empfing ihn Sophie. Er verzichtete auf den gewohnten Imbiss und zog sich gleich in seine Stube zurück.

Nun war es klar und nicht mehr hinter ironischen Tändeleien verborgen: Seine Karriere, sein Posten, seine Existenz am Hof – alles hing an einem seidenen Faden, der jeden Moment zu reißen drohte. Der König war nervös und unzufrieden, die Musiker mit einem Komplott beschäftigt. Da gärte etwas …

Jahrelang hatte er Konzert um Konzert, Sonate um Sonate geschrieben. Die Ideen waren ihm immer nur so zugeflogen. Schon in seiner Jugend. Damals hatte ihm das gründliche Studium der Tonsetzkunst gefehlt, aber er hatte so viele Einfälle gehabt, dass er darin baden konnte. Doch dann – viel zu schnell, wie ihm schien – war der Strom versiegt. Und nun half ihm auch das ganze Handwerk nichts, weil die Ideen ausblieben. Alles, was er sich in den Jahren mühsam angeeignet hatte, schien nur noch eine leere Hülle zu sein, ein Schema, das er vielleicht mit etwas Trickserei ausfüllen konnte, das aber weder ihn noch den König zufriedenstellte.

Alles, was er sich ausdenken konnte, wirkte kümmerlich. Vor allem, wenn er an die wunderbaren Klänge dachte, die er in Berlin hinter den geschlossenen Türen vernommen hatte.

Der Geist des alten Johann Sebastian Bach musste da im Spiel sein – und Bach war ein gigantischer Geist, mit dem es Quantz nicht aufnehmen konnte.

Quantz selbst hatte die strenge Kunst des Kontrapunkts, die mathematischen Verzahnungen der einzelnen musikalischen Stimmen gern spöttisch als »Augenmusik« abgetan. Sie sah auf dem Papier herrlich aus, klang auch schön, und es war nötig, sie zu erlernen, um reiche Harmonien und Stimmenvielfalt erschaffen zu können. Doch jenseits aller Mathematik ging es bei der Musik doch nicht nur um die harmonischen Proportionen, um Satzregeln und Harmonielehre – es ging doch um Gefühl, um Ausdruck …

Quantz stand an seinem Stehpult, vor sich ein leeres Blatt Notenpapier. Nein, er betrog sich selbst. Diese Komponisten um Bach, sein Sohn Carl Philipp Emanuel und wer alles noch dazugehörte – ihnen gelang es, Mathematik mit Schönheit zu verbinden. Quantz’ Konzerte waren nett gebaute, kleine Parkanlagen. Doch die Musik, die Bach und sein Sohn zu schreiben imstande waren, ähnelte eher einer ganzen Welt mit vielen Städten und Palästen und mit einer Pracht, die Quantz’ Kunst spielend in den Schatten stellte. Sie brauchten nur ein paar Töne anzuschlagen und waren Herrscher in ihrem selbst geschaffenen Reich.