Andreas … Quantz hatte gerade an ihn gedacht. Hatte jemand seine Gedanken gelesen?
»Bleibt stehen, aber lasst Euch nichts anmerken.«
Quantz drehte sich um. Ein Stück weiter lag das Haus, das seit einigen Wochen abgerissen wurde. Hatte sich dort ein Schatten bewegt? Aber die Stimme war viel näher.
»Wer ist da?«, rief er. »Wer hat da gesprochen?«
Seine eigene Stimme kam ihm laut vor. Auf seine Frage folgte nur das Wispern des Windes in den Bäumen.
Er ging ein Stück. Das Geräusch seiner eigenen Schritte auf dem Pflaster schien sich verdoppelt zu haben. Er drehte sich um und sah gerade noch eine Gestalt, die in die Nauensche Straße einbog. Er lief hinterher und erkannte etwas Dunkles, das sich vor dem Hintergrund der nächtlichen Plantage bewegte.
Der große Platz war ein Ort vollkommener Finsternis. Tagsüber konnte man hier das Grün genießen und auf geharkten Wegen spazieren gehen. Das Gelände, ein riesiges Viereck mitten in der Stadt, nannte man »Faulen See«. Es war wegen des sumpfigen Untergrunds nicht zur Bebauung geeignet. Der alte König, Friedrichs Vater, hatte die Warnungen seiner Baumeister ignoriert und Tag für Tag Bauschutt und Steine in den Sumpf schütten lassen, um ihn trockenzulegen – mit dem Ergebnis, dass der Morast all das Material in derselben Regelmäßigkeit wie von Zauberhand zurück ans Tageslicht brachte.
Immerhin hatte man es geschafft, einen begehbaren kleinen Park daraus zu machen. Nachts war er nicht beleuchtet und wurde auch von vielen abergläubischen Potsdamern gemieden. Viele erinnerte das Areal an einen verhexten Friedhof, der die Leichen immer wieder freigab.
Nun blieb Quantz am Rand des Platzes stehen.
»Angst«, flüsterte es ihm aus dem Dunkel entgegen. »Sie haben Angst …«
Der Schatten war nicht zu erkennen.
»Angst … ein Diener des Königs darf keine Angst haben«, raunte es leise. »Sind Sie nicht auch ein Soldat? Sozusagen ein Soldat der Musik? Und was ist ein Soldat, der Angst hat?«
»Was wollen Sie?«, rief Quantz. »Wer sind Sie?«
Er lauschte in die Dunkelheit und ging noch ein paar Schritte auf das Areal. Vier Wege führten sternförmig auf einen Platz in der Mitte. Dazwischen wuchsen Lindenbäume, die der König erst vor Kurzem hatte pflanzen lassen und die noch klein waren – anderthalb Mannslängen hoch. Doch sie verströmten bereits ihren betörenden Frühlingsduft.
»Helfen Sie Andreas«, flüsterte es zwischen den wispernden Lindenblättern. »Er kann Ihnen helfen, aber helfen Sie auch ihm.«
»Andreas? Wo ist er? Wissen Sie etwas?«
Quantz suchte vergeblich die Dunkelheit ab. Vor ihm stand einer der Bäume. Er tastete nach der Rinde. Das raue Gefühl auf der Handfläche gab ihm etwas Sicherheit.
»Brandenburger Tor …«
»Ist Andreas dort?«
»Kommen Sie vor das Tor«, wiederholte die Stimme. »Und beeilen Sie sich. Die Zeit wird knapp.«
Aufkommender Wind brachte die Blätter der jungen Bäume zum Rauschen.
»Wo sind Sie?« Es wurde noch dunkler um Quantz. Die Linden schirmten das ohnehin matte Licht der Öllampen auf den Straßen ab. Die Stimme schwieg. »Sind Sie noch da?«
Quantz hörte nichts als das Pumpen des Blutes in seinen Ohren und das Rascheln des Laubes.
Zum Brandenburger Tor sollte er gehen. Aber warum diese Geheimnistuerei?
Es gab nur eine Erklärung. Andreas war nicht einfach fortgelaufen. Er versteckte sich. Weil er etwas erfahren hatte, das gefährlich für ihn war. Etwas, das mit diesem Franzosenpack zusammenhing. Und vielleicht sogar mit der seltsamen Musikerverschwörung.
Doch Quantz besaß keinen Beweis. Nur Andreas selbst konnte Licht in die Sache bringen. Er musste gefunden werden, damit man ihn befragen konnte. Damit endlich klar wurde, dass Quantz mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. Damit Seine Majestät wieder Vertrauen zu ihm fasste. Und nicht nur Friedrich, auch der Rat Weyhe vom Kriminalkollegium musste überzeugt werden.
Weyhe musste mit ihm mitkommen! Wenn der Rat ihn zum Tor begleitete, würde er Zeuge sein, wie der Lakai wiedergefunden wurde. Quantz eilte die Straße hinunter auf die Königlichen Ställe zu. Von hier war es nicht mehr weit zum Stadtschloss.
Schon auf Höhe der Schwerdtfegergasse kam ihm eine Patrouille entgegen. Er blieb ruhig, als er wieder einmal militärisch angeblafft wurde. »Ich muss sofort zum Schloss«, sagte er zu dem Soldaten, den er für den Anführer hielt.
»Was will Er da? Er hat in seinem Quartier zu sein.«
»Ich muss zu Rat Weyhe. Es ist wichtig.«
»Rat Weyhe, so. Wer soll das sein?«
»Halten Sie mich nicht auf. Es ist eine dringende Angelegenheit. Es hat mit dem König zu tun.« Die Erwähnung Seiner Majestät würde ihm vielleicht freie Bahn verschaffen.
»Langsam. Wir werden Ihn begleiten. Und dann sehen wir weiter.«
Sie umringten ihn und führten ihn zum Wachhaus, wo Lichter brannten. Ein Offizier kam aus dem Haus. Wieder wurde Quantz gefragt, wo er hinwolle.
»Zum Rat Weyhe«, antwortete er. Und um der Sache einen offiziellen Anstrich zu geben, fügte er hinzu: »Er erwartet mich.«
Der Soldat sah Quantz ruhig an und nickte. »Rat Weyhe …«
»Er wohnt hier im Schloss. Seine Majestät hat ihm ein Zimmer zur Verfügung gestellt.«
Der Offizier nickte. »Ich weiß, ich weiß, Herr …«
»Quantz. Kammermusikus des Königs.«
Auf einen kurzen Befehl hin marschierten zwei Soldaten mit einer Fackel durch das Tor. Zuerst beleuchteten die Flammen noch das Portal mit den Balustraden über der runden Öffnung. Quantz glaubte sogar, einen Moment die goldene Fortunafigur auf dem Kuppeldach aufblitzen zu sehen – die Darstellung der Glücksgöttin, die das Tor krönte. Nach und nach wurde ihr Licht immer kleiner, dann hatte sie der große Komplex verschluckt.
»Warte Er«, sagte der Offizier und zog sich in das Wachhaus zurück. Die anderen Grenadiere behielten Quantz im Auge. Er starrte in das Dunkel, und seine Unruhe wuchs. Wer immer ihn erwartete, würde nicht ewig bleiben. Nachdem sich einige Minuten dahingedehnt hatten, trat Quantz ein paar Schritte auf das Häuschen zu, um noch einmal mit dem Offizier zu sprechen. Sofort kam Leben in die Wachen. Mit gekreuzten Gewehren verstellten sie ihm den Weg.
»Ich habe nicht so viel Zeit«, rief Quantz zur Tür des Häuschens hin. »Ich habe schon gesagt, dass es dringend ist. Bitte lassen Sie mich mit Rat Weyhe sprechen.«
Nach weiteren schier endlosen Minuten näherte sich Licht aus dem Inneren des Schlosses. Einen hoffnungsvollen Moment lang meinte Quantz, den Rat zwischen den Soldaten zu entdecken. Doch sie kamen allein. »Was ist?«, sprach er sie an, doch sie verschwanden im Wachhaus, ohne ihm Antwort zu geben. Wieder verging Zeit, dann kam der Offizier. »Der Herr Rat ist nicht im Schloss.«
»Aber wo soll er sein? Wann hat er sein Appartement verlassen?«
»Das wissen wir nicht, Herr Musikus. Entferne Er sich nun. Ich gebe Ihm eine Patrouille mit, die Ihn nach Hause bringt.«
»Haben Sie auch richtig nachgesehen? Vielleicht ist er in einem anderen Raum, als Sie dachten. Ich bin in seinem Quartier gewesen. Ich kann Sie hinführen –«
»Scher Er sich zum Teufel«, unterbrach der Offizier Quantz’ Redeschwall. »Geh Er nach Hause zu seinem Weib und komm Er morgen wieder.«
Der Soldat machte kehrt und ging in sein Häuschen zurück. Die Wachsoldaten nahmen ihre steife Position am Tor ein und schienen zu versteinern.
Es hatte keinen Sinn mehr, mit ihnen zu sprechen. Von irgendwoher hinter dem Wachhaus kamen zwei Grenadiere, schritten auf Quantz zu. Das war wohl seine Eskorte.
Vielleicht verbrachte Weyhe die Nacht auf Sanssouci – nach einem langen Gespräch mit dem König über den Fortgang der Ermittlungen. Hinauf zum Sommerschloss konnte Quantz nicht. Er musste also allein zum Tor gehen und sehen, was ihn erwartete.
»Geh Er los«, sagte der eine Soldat. »Worauf wartet er?«