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Quantz setzte sich in Bewegung, die Soldaten kamen mit, doch sie waren kaum ein Dutzend Schritte gegangen, da näherte sich das Gerassel von eisenbeschlagenen Rädern auf Pflaster und Pferdegetrappel. Eine kleine schwarze Kutsche kam in hoher Geschwindigkeit aus Richtung der Burgstraße. Das Metall schlug auf den Steinen Funken. Schwarz waren auch die Pferde, die der Kutscher vorgespannt hatte.

Weyhe, dachte Quantz. Das musste Weyhe sein.

Auf dem Bock saß Brede. Kaum hatte das Gefährt die Patrouille mit Quantz erreicht, zügelte er die Pferde und sprang herab. »Herr Quantz? Ihr seid da?«

»Brede? Natürlich bin ich da. Was hat das zu bedeuten? Wen bringt Er?«

»Bringen? Niemanden. Die Kutsche ist leer. Sie ist für Euch.«

Quantz hatte keine Ahnung, was hier los war. Aber er erkannte seine Chance. Wenn er den Grenadieren klarmachte, dass er mit der Kutsche nach Hause fuhr, war er sie los, und er und Brede konnten zum Brandenburger Tor fahren.

»Meine Herren, das ist mein Fuhrmann«, sagte er zu den verdutzten Grenadieren. »Er bringt mich nach Hause. Sie brauchen sich nicht zu bemühen.« Ohne eine Reaktion abzuwarten, bestieg er das Gefährt.

Brede spielte mit, und schon ging es los. Quantz wollte ihm schon sagen, wo er hinwollte, doch als sie sein Haus erreichten, dachte Brede gar nicht daran, anzuhalten, sondern fuhr weiter, links hinauf zur Brandenburger Straße.

Quantz öffnete den Schlag. »Brede, wohin fährt Er?«

»Zum Tor, Herr Quantz, zum Tor. Wie gewünscht.«

»Wie gewünscht? Brede, wir haben kein Wort über das Ziel gewechselt. Halte Er sofort an.«

Der Kutscher stoppte. Quantz verließ die Kabine und stieg auf den Bock. »Wie kommt Er darauf, dass ich zum Tor will?«

»Der Botenjunge hat es gesagt.«

»Welcher Botenjunge?«

»Ja, wenn Ihr es selbst nicht wisst.« Brede zuckte mit den Schultern.

»Was soll ich wissen?«

»Mich hat vor einer Stunde jemand aus dem Schlaf geholt. Ich soll den Herrn Quantz, also Euch, am Stadtschloss abholen und fahren. Ich habe den Jungen erst zum Teufel geschickt, doch er ließ nicht locker. Er hatte zwei Taler dabei und sagte, sie kämen von Euch. Ich solle sofort kommen. Es sei dringend. Und ich dachte, ich kann den Unfall wiedergutmachen, der Euch auf dem Weg nach Berlin widerfahren ist. Natürlich war nur Franz daran schuld. Ich habe ihn auch bestraft, aber trotzdem habt Ihr was gut bei mir …«

»Wer war der Junge, der Ihn aus dem Schlaf geholt hat?«

»Das müsstet Ihr doch wissen. Ich kenne ihn nicht. Stimmt etwas nicht?«

»Doch, doch, Brede. Er hat alles richtig gemacht.«

»Und ich darf die zwei Taler behalten?«

»Ja, ja … behaltet Sie nur. Was hat der Junge gesagt, wohin Ihr mich fahren sollt? Bis zum Tor? Da hätte ich ja auch zu Fuß gehen können.«

Brede sah Quantz an. »Herr Kammermusikus, nicht bloß zum Tor. Das müsst Ihr doch auch wissen. Hinauf nach Bornstedt soll es gehen.«

»Nach Bornstedt? In der Nacht?« Das wurde immer seltsamer. Das Dorf Bornstedt befand sich außerhalb der Stadtmauer. Noch hinter Sanssouci. Ein seltsames Ziel mitten in der Nacht.

»Das habe ich den Jungen auch gefragt, aber wen gibt es, der es besser weiß als Ihr? Wollt Ihr stattdessen nach Hause?«

»Nein. Mach Er sich keine Gedanken. Hat der Junge genauer beschrieben, wo es hingehen soll?«

»Zum Friedhof. Und dann noch ein Stück.«

»Also gut. Fahr Er los.«

Brede hob die Zügel, offensichtlich froh, dass das seltsame Gespräch vorbei war. Wahrscheinlich zweifelte er an Quantz’ Verstand.

Quantz blieb auf dem Bock sitzen. Kaum standen sie vor dem Tor, wurden sie wieder von Soldaten umringt. Auch hier trat ein Offizier aus dem Wachhaus. Quantz’ war dieses ewigen Spiels müde, aber er musste es über sich ergehen lassen.

»Er will mitten in der Nacht die Stadt verlassen? Wo will er hin?«

Quantz stieg von der Kutsche. »Ich bin der Kammermusikus des Königs. Ich habe oft nach Zapfenstreich dieses Tor durchschritten. Mein Dienst erlaubt solche Einschränkungen nicht. Lassen Sie mich durch.«

Der Soldat beäugte Quantz von oben bis unten. »Ich kenne Ihn nicht. Da könnte jeder kommen.«

»Ich bin nicht jeder.«

»Nicht vor Morgengrauen. Ansonsten nur, wenn Er mir eine Ordre Seiner Majestät persönlich bringt. Bis dahin haben wir Befehl, niemanden durchzulassen. Oder nur diejenigen, die ein Recht dazu haben.«

»Das Recht habe ich.«

»Und die ich persönlich kenne«, fügte der Offizier hinzu. »Wer sagt mir, dass Er in dieser Kutsche keine Grenadiere versteckt nach draußen bringt?«

»Durchsuchen Sie die Kutsche, wenn Sie wollen. Aber lassen Sie mich durch.«

»Ich kenne ihn«, rief plötzlich einer der Wachsoldaten, die aus dem Wachhaus getreten waren. »Es ist der Flötenspieler seiner Majestät. Wir haben ihn schon oft vom Schloss zurückgebracht.«

Der Offizier verzog das Gesicht. Er war sichtlich verärgert darüber, dass ihm einer seiner eigenen Leute in den Rücken fiel.

»Es ist Herr Quantz«, fuhr der Grenadier fort. »Königlicher Leibmusikus.«

»Scher Er sich zum Teufel«, brüllte der Offizier Quantz so heftig an, dass die Spucke flog. »Von mir aus auch durch das Tor. Aber dafür unterschreib Er mir eine Erklärung. Ich lasse den Schlüssel von der Wache holen.«

Die Formalitäten zogen sich hin, mindestens eine halbe Stunde verstrich. Als Quantz seine Unterschrift im Wachbuch geleistet hatte, ging er hinaus auf den Platz. Falls der Treffpunkt doch hier vor dem Tor gewesen sein sollte, hatte der Unbekannte genug Zeit gehabt, um sich bemerkbar zu machen. Oder hielten ihn die Soldaten ab, sich zu zeigen?

Quantz blickte in die Runde und sah nichts als dunkle Häuser, hinter denen die Bürger schliefen. Andreas, wo bist du nur?

13

Draußen vor dem Seitenfenster herrschte Finsternis. Nur das Ruckeln der Kutsche machte Quantz überhaupt bewusst, dass sie fuhren.

Brede hatte versichert, den Weg nach Bornstedt im Schlaf zu kennen. Die Straße führte an Sanssouci vorbei, und schon dieser Gedanke erfüllte Quantz mit Herzklopfen. Hoffentlich fielen sie nicht den Soldaten auf, die auf dem Ehrenhof Wache hielten. Er hatte keine Lust, ein weiteres Mal seinen mysteriösen Ausflug zu erklären.

Dass Bredes seltsamer Auftrag, ihn abzuholen, mit der Begegnung auf dem Faulen See zusammenhing, stand für Quantz außer Zweifel. Und dass Andreas in Bornstedt sein sollte, passte zu dem, was ihn die ganze Zeit beschäftigte: Der Lakai musste untertauchen, weil er bedroht wurde und um sein Leben fürchtete. Quantz war für Andreas eine Art Vertrauensperson. Warum sonst hatte er sich so oft bei ihm herumgetrieben? Die Noten, die Andreas schrieb, hatten mit Musik nichts zu tun – sie zeigten nur, dass der Junge auf seine eigenartige, naive Weise auf ihn zugehen wollte. Wie ein Hund, der seinem Herrn etwas bringt, ohne zu ahnen, was es ist. Und der nur weiß, dass es für den Herrn wichtig ist.

Aber Andreas hatte auswendig das Thema für den alten Bach aufgeschrieben! Er musste eine Begabung haben. Wie die eines Mädchens aus Rom, von dem Quantz auf seinen Reisen gehört hatte.

Die Kutsche erreichte die Straße vor dem Ehrenhof. Quantz riskierte einen Blick zum Schloss hinauf. Die Rampe war so steil, der Vorplatz so hoch, dass kaum etwas von der Sommerresidenz des Königs zu sehen war. Nur ein heller Schein loderte in den Nachthimmel. Das mussten die Fackeln der Wache sein. Dann hatten sie den Ehrenhof hinter sich, und es wurde wieder dunkel. Der Wald, hinter dem Bornstedt lag, umgab sie.

Und in dieser Finsternis wurde in Quantz die Erinnerung an das Mädchen lebendig, das in Rom von sich reden gemacht hatte.

Dem Kind war ein Unfall zugestoßen. Quantz wusste nicht mehr genau, was geschehen war. Ein Sturz – aus dem Fenster eines Hauses oder von einer Brücke. Das Kind hatte mehrere Tage bewusstlos dagelegen, und die Eltern hatten schon die Hoffnung aufgegeben, nachdem der Vater – ein Kaufmann – jeden erreichbaren Arzt konsultiert hatte. Ein Priester hatte sich am Lager der Kleinen eingefunden, hatte ununterbrochen gebetet, die Nachbarn, die Familie – alle nahmen Anteil an dem Unglück. Und dann schlug das Mädchen plötzlich die Augen auf, wurde gesund, doch das war noch nicht alles. Nach der wundersamen Heilung konnte das Kind alle Rechnungen, alle Kontenbücher, alle Zahlen, die im Kontor seines Vaters eine Rolle spielten, im Kopf behalten. Es war in der Lage, sich die Lagerbestände zu merken und atemberaubend schnell zu rechnen.