Vor dem Unfall hatte niemand dieses Talent bemerkt. Der Vater versuchte vergeblich, es geheim zu halten, denn es war ihm unheimlich. Das Mädchen ging nicht spielerisch mit den Zahlen um, sondern es legte eine Verbissenheit an den Tag, die fast krankhaft war. Es schrieb lange Kolonnen von Ziffern und Berechnungen in Bücher. Es beschäftigte sich mit komplizierten Berechnungen, die niemand verstand. Natürlich war so etwas nicht zu verbergen.
Die Menschen sahen in dem hereinbrechenden Talent ein Wunder, das Gott an dem Kind vollbracht hatte. Bald war das Haus des Kaufmanns ein Wallfahrtsort. Alle wollten die Gottbegnadete sehen. Manche erhofften sich von ihr tiefere Erkenntnisse. Bald waren Gerüchte im Umlauf, das gerade einmal zwölf Jahre alte Mädchen könne die Zukunft voraussagen.
Die Aufregung nahm ein Ende, als die Kaufmannstochter eines Morgens tot im Bett lag. Die Ärzte konstatierten als Todesursache nervliche Überreizung.
Die medizinisch gelehrten Herren griffen oft zu solchen Erklärungen, wenn sie nicht weiterkamen. Aber das eigentliche Rätsel, die seltsame, plötzlich aufgebrochene Begabung, war das Interessante an der Geschichte.
War Andreas auch so ein Mensch wie dieses Mädchen?
Die Kutsche wurde merklich langsamer und blieb schließlich stehen. Quantz hörte, wie Brede vom Bock stieg, dann erschien der Fuhrmann mit einer Lampe neben der Tür und öffnete sie.
»Wo sind wir hier?«, fragte Quantz.
»Wo ich Euch hinbringen sollte. Hinter den Bornstedter Friedhof.«
Hierher sollte er gebracht werden? Warum nicht zu einem der Häuser? Er wollte die Frage nicht aussprechen, immerhin glaubte der brave Brede ja immer noch, Quantz habe ihm den Auftrag zu diesem seltsamen nächtlichen Ausflug erteilt. Es war schon erstaunlich genug, wie selbstverständlich der Kutscher das alles hinnahm. In seiner einfachen Welt waren die Entscheidungen der hohen Herren – und dazu gehörte Quantz in Bredes Augen – oft kaum zu verstehen. So hatte er sich wie alle dienstbaren Geister abgewöhnt, darin nach einem Sinn zu suchen.
Der Fuhrmann hatte in kluger Voraussicht zwei Lampen in der Hand. Eine davon gab er Quantz. Der Schein reichte abseits des Weges über einen Streifen Gras bis zu einer niedrigen Mauer, hinter der die Gräber lagen.
»Wollt Ihr weiterfahren?«, fragte Brede. »Oder soll ich warten?«
Quantz hatte keine Ahnung. »Was glaubt Er, was ich hier vorhabe?«, fragte er.
»Ich verstehe nicht …«
»Warum glaubt Er, mache ich mitten in der Nacht eine solche Ausfahrt?« Quantz wusste selbst nicht, welcher Teufel ihn ritt. Aber vielleicht hatte der Fuhrmann in seiner einfachen Art eine Idee, was nun zu tun war.
»Nun, da gibt es viele Möglichkeiten …«
»Welche zum Beispiel?« Quantz leuchtete Brede in dessen grobes Gesicht.
Der Kutscher zog die Stirn in Falten. »Der Friedhof ist vielleicht ein seltsamer Ort dafür aber …«
»Wofür meint Er?«
Brede holte tief Luft, als müsse er sich anstrengen, das Wort, das er im Sinn hatte, hervorzubringen. »Die Liebe«, sagte er schließlich. »Ein … Sie wissen schon …«
»Er meint ein Rendezvous?«
»Ja. Genau.«
»Gut. Setz Er sich auf den Bock und warte Er. Ich werde schauen, ob es zum Rendezvous kommt …«
Der Fuhrmann grinste und stieg auf. Für ihn war die Welt offenbar wieder in Ordnung.
Man hatte ihn zum Narren gehalten. Das war die einzige Erklärung. Warum soll Andreas sich in der Dunkelheit verbergen, noch dazu an einer Friedhofsmauer?
Quantz versuchte, sich an die Worte des Schattens zu erinnern, aber jetzt kam ihm das Erlebnis vollends wie ein Traum vor.
Und doch stand er hier. Eine unbekannte Macht hatte dafür gesorgt, dass Brede gekommen war. Das Ganze schien Teil eines Plans zu sein, der sich erfüllen musste.
Quantz ging ein Stück an der Mauer entlang. Wenn er der Straße folgte, gelangte er auf das Bornstedter Feld – ein weites Areal, auf dem der König seine Soldaten die offene Feldschlacht üben ließ. Die Bauern hatten das Gebiet für das Militär frei zu halten. Nur abseits gab es ein paar Scheunen, wo Heu und Stroh lagerten.
Wo war nur Andreas? Verbarg er sich in der Dunkelheit? Oder war er verschmolzen mit den seltsamen Schatten, die Quantz umgaben?
Er war an die zweihundert Schritte weitergegangen. Laue Mailuft umfing ihn, hin und wieder streifte ihn ein Windhauch. Neben der Straße lag der Bornstedter See. Von dort drang ein krächzendes Quaken herüber – das Konzert der Frösche.
Nur ein kleines Stück noch, dann würde er sich ein letztes Mal umsehen. Und wenn er dann niemanden entdeckte, würde er zur Kutsche zurückkehren. Es war sinnlos, den Rest der Nacht hier oben zu verbringen.
Zudem spürte Quantz, wie müde er war. Er hatte Schlaf dringend nötig. Und überhaupt hatte er anderes zu tun. Er musste komponieren und die neue Flöte für den König fertig machen.
Da war es ihm mit einem Mal, als habe weit hinten, in Richtung des Bornstedter Feldes, ein Licht aufgeleuchtet.
Quantz starrte in die Dunkelheit. Kein Zweifel. Da brannte eine kleine Lampe oder eine Fackel. Wer auch immer sie in der Hand hielt, deckte sie in regelmäßigen Abständen ab, sodass eine Art Signal entstand. Manchmal gaben Soldaten oder Seeleute auf diese Weise Zeichen.
Galt das ihm?
Wem sonst?
Er zögerte, seinen Weg fortzusetzen. Vielleicht war es besser, Brede mitzunehmen. Er war noch gar nicht darauf gekommen, dass dies alles auch Gefahr bedeuten konnte.
Doch nein. Warum sollte dieses geheimnisvolle Treffen denn gefährlich sein? Wenn jemand ihn in eine Falle locken wollte, gab es einfachere Möglichkeiten.
Das Lichtsignal war immer noch zu sehen, und Quantz entschloss sich, weiterzumarschieren. Er wollte endlich wissen, was hinter der ganzen Sache steckte.
Die Fackel wurde schnell größer. Sie steckte im Boden, vielleicht zwei Dutzend Schritte von einer Scheune entfernt, mitten auf einem von tiefen Fahrspuren zerfurchten Vorplatz.
»Ist da jemand?«, rief Quantz.
Nur der nächtliche Wind wisperte. In der Ferne war immer noch das Froschkonzert zu hören.
Hier musste jemand sein. Eine Fackel entzündete sich nicht von selbst, und Quantz hatte ja beim Näherkommen immer wieder bemerkt, dass die Flamme von einem Schatten verdeckt wurde.
»Andreas, bist du hier?« Er verharrte und lauschte. Vergeblich.
Das Tor der Scheune, eine große narbige Fläche, war geschlossen. Aus dem Inneren des Gebäudes kamen tappende Schritte. Dazu ein Schleifen und das Knistern von Heu.
»Andreas? Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin es, Herr Quantz.« Ein Gefühl der Beklemmung erfasste ihn, als er auf das Tor zuschritt. Ein grober Holzriegel hielt es verschlossen. Quantz schob ihn zur Seite. Mit einem Seufzen schwang der hölzerne Flügel auf. Nun gähnte Quantz die Öffnung wie eine gewaltige Höhle entgegen. Er hob die Laterne und leuchtete auf helle Haufen von Heu. Ein staubiger Duft erfüllte den riesigen Raum.
Schritt für Schritt ging Quantz weiter. Der Schein seiner Lampe traf auf eine Leiter. Oben verlor sich das Licht in der Schwärze.
Etwas Dunkles huschte vor ihm davon. Quantz bewegte die Lampe und sah eine Maus über die nackte Erde laufen.
Die Scheune hatte keinen zweiten Ausgang. Und hier war jemand. Die Maus konnte die Geräusche, die er gehört hatte, nicht verursacht haben. Quantz betrachtete das Heu, das sich in unregelmäßigen Haufen weiter hinten verlor. Dann begann er mit dem Anstieg die Leiter hinauf.