Quantz schluckte. Sein Mund war trocken. Er räusperte sich. »Ich hatte einen Hinweis, wo sich der gesuchte Andreas Freiberger aufhalten könnte … Ich habe ihn gesucht. Und gefunden.«
»Was für ein Hinweis?«, fragte der König. »Von wem? Keine neuen Rätsel.«
»Ich war am Abend in der Stadt unterwegs. Ich suchte … Inspiration. Für das neue Konzert.«
Von Weyhe kam ein Schnaufen, das wie unterdrücktes Lachen klang.
»Weiter«, befahl Friedrich. »Etwas schneller. Allegro, wenn nicht gar presto.«
»Mein Weg führte mich zur Plantage auf dem Faulen See. Dort war ein Mann. Er sagte, ich solle mich zum Brandenburger Tor begeben. Dort würde ich Andreas finden. Das habe ich getan. Auf dem Weg traf ich Brede, dem ein Unbekannter befohlen hatte, mich zu fahren. Ich ahnte, dass es einen Zusammenhang geben musste, und ließ mich chauffieren.«
»Wer war der Mann? Wie sah er aus?«
»Ich weiß es nicht, Eure Majestät. Er hielt sich im Dunkeln.«
»Warum haben Sie auf eigene Faust etwas unternommen? Warum haben Sie nicht Rat Weyhe verständigt oder die Wache?«
»Eure Majestät, ich habe es versucht. Ich war beim Stadtschloss. Die Wache sagte mir, der Herr Rat sei abwesend. Und ich wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, Andreas zu finden.«
Der König drehte sich zum Rat und fasste ihn ins Auge. »Weyhe, wo waren Sie?«
»Wahrscheinlich noch bei Ihnen, Majestät. Hier.« Der Rat machte eine kreisende Bewegung mit dem Arm, als präsentiere er dem König dessen eigenes Gemach.
Der Monarch wandte sich wieder Quantz zu. »Und wie ist es Ihnen gelungen, durch das Tor hinauszukommen?«
»Ich war den Soldaten dort persönlich bekannt.«
Weyhe hob die Hand. »Wir haben das überprüft, Majestät. Es stimmt.«
»Was stimmt, Weyhe?«, fragte der König. »Ich bitte um Präzision, das habe ich Ihnen schon tausendmal gesagt.«
»Beides«, fuhr der Rat fort. »Dass der Herr Musikus an der Wache am Stadtschloss war und dass er durch das Brandenburger Tor kam. Davor war er schon der Wache am Jägertor aufgefallen.«
»So sind Sie, Herr Quantz, weit herumgekommen in dieser Nacht.«
Quantz hatte das Gefühl, ein Gewicht lege sich auf seine Brust. »Wie gesagt, ich war auf der Suche nach Inspiration. Mir ging ein Thema im Kopf herum. Ich habe nicht so genau auf meine Schritte geachtet.«
»Ich denke, der Herr Musikus hat einen Weg hinaus aus der Stadt gesucht«, rief Weyhe dazwischen. »Über die Mauer. Vielleicht, um einem Soldaten Eurer Majestät zur Desertion zu verhelfen.«
»Das ist absurd«, rief Quantz. »Wie kommen Sie denn auf so etwas?« Es beruhigte ihn ein wenig, dass Weyhe solche Anschuldigungen erhob. Der Rat machte sich damit selbst lächerlich.
»Weyhe«, rief der König, »mäßigen Sie sich. Das ist eine schwere Anschuldigung.« Zu Quantz gewandt, fügte er hinzu: »Allerdings kann ich tatsächlich nicht an den Unbekannten glauben, Herr Quantz. Merken Sie nicht selbst, wie unwahrscheinlich sich Ihre Geschichte anhört?«
»Es ist die Wahrheit, Majestät. Man verlangte von mir, dass ich Andreas rette.«
»Hätte das der unbekannte Mann nicht selbst tun können?«, fragte Weyhe.
Quantz schüttelte den Kopf. »Ich verstehe es ja selbst nicht.«
Nun sprach mit ruhiger Stimme aus dem Hintergrund zum ersten Mal Fredersdorf: »Seine Majestät hat Herrn Quantz das Wort erteilt, Herr Rat. Würden Sie bitte schweigen?«
»Danke, mein Lieber«, sagte der König. »Also gut, Quantz. Was ist geschehen, als Sie am Ziel Ihrer nächtlichen Reise ankamen?«
Quantz berichtete von seiner Ankunft am Bornstedter Friedhof. Seiner Unschlüssigkeit. Dem Licht, das er erspäht hatte. Der Szene in der Scheune. »Plötzlich brannte alles. Jemand muss von außen die Fackel hereingeworfen und dann das Tor verschlossen haben. Es war furchtbar.«
»Und warum sollte das jemand getan haben? Um Sie zu töten? Nachdem er Andreas getötet hat? Und erst alles daransetzte, damit Sie ihn finden? Warum, Quantz? Erklären Sie es mir.«
Quantz rang nach Worten. Er wäre am liebsten auf die Knie gesunken. »Eure Majestät …« Er spürte, dass seine Stimme flehend klang. »Ich weiß, dass es sich seltsam anhört. Aber es ist die Wahrheit. Bitte glauben Sie mir.«
»Es fällt mir schwer. Wenn Er Unglaubliches berichtet, lässt Er mir keine andere Wahl, als es nicht zu glauben, oder? Weyhe – referieren Sie, was der Mietkutscher Brede dazu gesagt hat.«
»Er hat ausgesagt, ein Junge habe in der Nacht gegen seine Tür gehämmert. Er habe behauptet, er komme von dem Herrn Musikus. Brede solle ihn sofort fahren. Der Junge hatte zwei Taler als Anzahlung dabei.«
»Zwei Taler«, wiederholte der König. »Eine schöne Summe.«
»Ich weiß nicht, wer der Junge war«, sagte Quantz. »Ich weiß davon nichts. Der Junge wurde vielleicht auch von dem Unbekannten geschickt. Ich habe keinen Jungen zu Brede geschickt.«
»Immer wieder der Unbekannte«, warf Weyhe ein. »Wir haben natürlich versucht, den Jungen zu finden, Eure Majestät. Aber es ist schwer, denn Brede hat nicht darauf geachtet, wie er aussah.«
»Sie hätten auch andere Möglichkeiten gehabt, sich der Ordnungskräfte zu versichern, Quantz«, sagte der König. »Es gibt Wachen in dieser Stadt. Patrouillen. Offiziere. Es ging schließlich darum, einen flüchtigen Lakaien aufzuspüren. Dafür hätten Sie jede Hilfe erhalten. Aber Sie haben sie nicht verlangt. Würde Ihnen das nicht selbst verdächtig vorkommen?«
»Ich wollte Andreas selbst finden«, sagte Quantz. »Ich habe mich schuldig gefühlt an seinem Verschwinden.«
»Ach ja?«, fuhr Weyhe auf. »Interessant. Warum das denn?«
»Das würde mich auch interessieren«, fügte Friedrich hinzu.
Quantz wand sich. Wie sollte er das erklären? Er fand die Worte nicht.
»Gehen Sie hinaus«, sagte der König.
Quantz verbeugte sich kurz und wollte sich schon in Richtung Tür in Bewegung setzen.
»Nein, nicht Sie. Weyhe, Fredersdorf, die Lakaien. Gehen Sie hinaus. Ich will mit dem Herrn Kammermusikus allein sprechen.«
Der Befehl wurde ausgeführt, die Tür schloss sich. Der Monarch stand auf. »Das ist eine sehr ernste Sache, Herr Quantz. Sie sagen mir nicht die Wahrheit.«
»Aber Majestät –«
»Seien Sie still. Sie wissen, ich bin ein strenger, aber gerechter König. Ich habe Weyhe mit allen Mitteln ausgestattet, um dem auf den Grund zu gehen. Sie haben nur noch eine Möglichkeit, mein Vertrauen zurückzugewinnen. Unterstützen Sie ihn.«
»Majestät, es ist nicht, wie Sie glauben –«
»Mehr habe ich nicht zu sagen. Gehen Sie.«
Eine Mischung aus tiefem Schmerz über die Ungerechtigkeit, die ihn traf, und aus Scham breitete sich in Quantz aus. Damit sollte er seinen König verlassen? Er blickte den Monarchen an, der reglos dasaß – neben ihm der Schreibtisch mit der großen Uhr, auf der Arbeitsfläche ein Stapel Schriftstücke.
»Na los.«
Mit weichen Knien schritt Quantz davon. Im Vestibül warteten Weyhe und Fredersdorf. Er wollte sich vorbeidrücken, doch der Rat stellte sich ihm in den Weg.
»Wir hätten Sie schon früher genauer beobachten sollen, Herr Musikus. Dann wäre das alles nicht geschehen, und Ihre undurchsichtigen Ziele wären schon früher offenbart worden. Oder soll ich sagen, Ihre durchsichtigen Ziele? So eine Position im Umfeld des Königs ist etwas Wunderbares, oder? Sie verschafft Möglichkeiten.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, zischte Quantz und drängte den Rat zur Seite. »Ich habe die Erlaubnis zu gehen, und das werde ich jetzt tun.«
»Seine Majestät hat Ihnen sicher mitgeteilt, welche Verantwortung ich übernommen habe. Und deswegen ist unser Treffen noch nicht zu Ende, Herr Musikus. Er mag mit Ihnen fertig sein. Ich bin es nicht.«