»Was soll das heißen?«
Weyhe deutete nach draußen, wo der dunkle Schatten einer Kutsche zu sehen war. »Kommen Sie, dann werden Sie es sehen.«
Quantz und Weyhe saßen in der engen, fahrenden Kutsche und schwiegen. Schließlich erreichten sie die Stadt. Der Morgenappell war gerade vorbei. Die Kutsche folgte dem Kanal und hielt vor Quantz’ Haus. Sie stiegen aus, und erst in diesem Moment fiel Quantz auf, dass ein Trupp Soldaten vor der Haustür stand.
Weyhe hob die Augenbrauen. »Was ist da los? Eigentlich hätten die beiden auf dem Kutschbock ausgereicht.«
»Ausgereicht?«, fragte Quantz. »Wozu?«
»Natürlich um Ihr Haus nach verdächtigen Dingen zu durchsuchen. Was denken Sie denn?«
Ein Offizier schlug gerade gegen die Haustür und brüllte: »Öffnen. Sofort. Im Namen des Königs.«
Quantz drängte sich durch die Bewaffneten nach vorn. »Was ist geschehen?«, fragte er.
Erst jetzt bemerkte ihn der Soldat, dessen Gesicht vor Zorn rot angelaufen war. »Ist das Sein Haus?«, schrie er Quantz an. »Sofort öffnen.«
Quantz hatte keinen Schlüssel. Sophie war ja da. Er blickte die Fensterfront im Erdgeschoss entlang. Die Läden waren noch geschlossen. Da stimmte etwas nicht. Normalerweise hatte Sophie sie um diese Zeit längst geöffnet. Sie kümmerte sich morgens als Erstes um die Stuben der Soldaten, wenn diese zum Dienst gegangen waren.
»Sophie?«, rief er und klopfte nun ebenfalls an die Tür. »Sophie, ich bin es. Öffne bitte.«
»Das wäre noch schöner, wenn wir hier herumstehen und warten würden, bis uns einer aufmacht«, schrie der Offizier. Er gab seinen Leuten ein Zeichen. »Aufbrechen, sofort.«
Quantz sah zu Weyhe hinüber, der sich abseits hielt. Offenbar hatte dieser militärische Besuch tatsächlich nichts mit seinem Auftrag zu tun. Und deshalb legte er wohl keinen Wert darauf, die Soldaten an dem gewaltsamen Aufbruch zu hindern.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Sophie erschien. Quantz erschrak über ihren Anblick. Sie war blass wie der Marmor der Figuren im königlichen Schloss, und dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Sie schien nicht geschlafen zu haben. Sicher hatte sie sich Sorgen um ihn gemacht.
Die Soldaten besaßen nicht so viel Feingefühl. Sie schoben Sophie zur Seite und rannten in das Haus. Die Stiefel polterten auf der Treppe.
»Wollen Sie nichts unternehmen?«, fragte Quantz den Rat. Die beiden Soldaten, die er mitgebracht hatte, saßen immer noch auf dem Kutschbock.
»Ich unternehme ja etwas. Ich sehe mir an, was geschieht.«
Der Offizier brüllte von drinnen: »Verdammte Schweinerei.« Mit langen Schritten kam er herausmarschiert und baute sich vor Quantz auf. Die Feder auf seinem Hut schwang hin und her. »Ist Er der Besitzer des Hauses?«
»Wie gesagt, ja.«
»Wann ist Er von zu Hause weggegangen?«
»Gestern Abend.«
»Ist das Seine Magd?« Er deutete auf Sophie.
»Allerdings. Sie war zu Hause.« Quantz sah sie an. »Oder nicht?«
Sophie nickte. »Doch. Ich habe auf Sie gewartet … Sie sind nicht gekommen …«
»Ich stelle die Fragen«, brüllte der Offizier.
»Oder ich«, warf Weyhe ein. »Rat Weyhe, im direkten Auftrag des Königs. Sagen Sie mir, was Sie hier wollen. Und was geschehen ist.«
Der Soldat musterte Weyhe misstrauisch. »Sie sind Zivilist.«
»Das ändert nichts an dem, was ich gesagt habe.«
»Also gut. Schauen Sie es sich an. Sie können Seiner Majestät direkt Bericht erstatten.«
Er marschierte zurück ins Haus. Weyhe, Quantz und Sophie folgten ihm.
Die Grenadiere hatten sich in der Stube links des Eingangs versammelt. Zunächst lag die ganze Szenerie im Dämmerlicht, doch auf Anweisung des Offiziers öffnete einer einen Fensterladen. Nun konnte Quantz den auf dem Boden liegenden Mann erkennen. Die gezackte Narbe neben dem Mund war deutlich zu sehen. Es war Trakow. Er lag auf dem Rücken, den glasigen Blick nach oben gerichtet. Sein Hals und seine Brust waren blutgetränkt. Unter ihm bildete sich eine rote Lache. Er lebte noch. Seine Lippen versuchten, ein Wort zu formen.
Sophie schrie auf, rannte hinaus und polterte die Treppe hinauf. Quantz beugte sich über den Sterbenden, der immer wieder dieselben Silben hauchte. Schließlich verstand Quantz das Wort.
»Deserteur … Deserteur …«, flüsterte der Mann.
»Zum Chirurgen bringen, sofort«, befahl der Offizier. »Nehmt die Kutsche, die draußen steht.« Und zu Quantz sagte er: »Raus hier, wir haben zu reden.«
Quantz wurde weggedrängt und fand sich an der Tür zu seiner Werkstatt wieder. Der Offizier gab seinen Männern Befehl. »Das Haus durchsuchen. Sofort. Vielleicht ist der andere noch nicht weit. Zwei Mann zur Wache. Alarm geben. Laufschritt.«
Er wandte sich an Quantz. »Wo kann sich der Mann versteckt halten?«
»Ich … habe keine Ahnung.«
»Verstecke im Haus? Keller?«
»Ja, aber –«
»Wo kommt Er her? Warum ist Er so saumäßig dreckig?«
Quantz erklärte, dass es heute Nacht einen Brand in Bornstedt gegeben habe und er dabei gewesen war.
»Ich hörte davon«, sagte der Offizier. »Kann es sein, dass Seine Magd dem Sperber zur Flucht verholfen hat?«
»Sperber ist also … weg?«
»Hat Er’s immer noch nicht verstanden, Mann? Die beiden sind nicht zum Appell erschienen. Das erfordert sofortiges Nachsehen im Quartier. Trakow ist so gut wie krepiert, Sperber verschwunden. Zwei Soldaten aus der Leibgarde Seiner Majestät. Welchen Reim soll man sich darauf machen? Also? Was ist mit Seiner Magd?«
»Nein … Warum hätte sie …? Und wie hätte das geschehen können? Die Tore sind verschlossen.«
»Wir werden sie befragen.«
Der Soldat ging die Treppe hinauf, Quantz wollte hinterher, doch da stand Weyhe neben ihm und hielt ihn zurück. »Die Tore sind verschlossen, hm? Aber wenn jemand mit der Wache persönlich bekannt ist, darf er auch schon mal nachts hinaus, oder nicht?«
»Was unterstellen Sie mir, Weyhe?«
»Wurde die Kutsche durchsucht, mit der Sie aus der Stadt nach Bornstedt gefahren sind?«
»Glauben Sie, ich hätte den Soldaten weggeschafft und den anderen niedergestochen, während ich mit dem König gesprochen habe oder in Ihrer Kutsche saß?«
»Oder davor? In der Nacht? Rätsel über Rätsel, mein lieber Musikus, aber kein Rätsel ist unlösbar.«
Von oben ertönte ein spitzer Schrei. Weyhe hielt Quantz immer noch fest. Es war überraschend, welche Kraft der kleine Mann besaß. »Vielleicht hat Ihre Magd ja den Soldaten niedergestochen. Oder es hat ihr jemand geholfen, der auch über alle Berge ist.«
»Das glauben Sie doch selbst nicht.« Quantz drosch in einem plötzlichen Wutanfall auf Weyhe ein, kam frei und donnerte die Stufen hinauf. Sophie stand stocksteif in der Studierstube. Offenbar hatte man ihr nichts getan, doch der Offizier war gerade dabei, Quantz’ Papiere zu durchforsten – Bücher, Manuskripte, alles.
»Glauben Sie, der Soldat hat sich zwischen den Blättern versteckt?«, rief Quantz.
Ein dumpfer Knall erschütterte die Luft. Es war ein ferner Kanonenschuss, das Signal, das die Desertion eines Soldaten meldete. Es schallte weit über Potsdam hinaus über das Land und die Dörfer, um die Bauern zu warnen. Der Flüchtige würde sich nicht verstecken können. Es war bei schwerer Strafe verboten, ihm zu helfen.
Der Offizier legte die Noten hin. »Sie sind der Hofmusikus«, sagte er. »Ich habe von Ihnen gehört.«
»Dann wissen Sie, dass ich mit militärischen Dingen nichts zu tun habe.«
Unten rumpelte etwas. Offenbar durchsuchten die Soldaten gerade die Werkstatt. Quantz rannte wieder hinunter und stürmte in das Zimmer. Einer der Grenadiere hatte ein paar der Kanteln heruntergeworfen.
»Hier ist niemand«, rief Quantz. »Können Sie das nicht erkennen? Suchen Sie woanders.«