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Die Grenadiere beachteten ihn nicht. Sie klopften mit ihren Gewehrkolben die Dielen ab, tasteten sich die Wände entlang und schoben alles beiseite, was sie störte – egal, ob es begonnene Flöten oder Werkzeuge waren. Einiges ging beim Fallen zu Bruch, anderes unter den Schritten der Stiefel.

Als sie die Werkstatt verließen und sich dem Keller zuwandten, kam Weyhe herein. »Hier befindet sich also Ihr kleines Reich, Herr Musikus. Wo die Flöten für den König entstehen. Interessant.«

Quantz hatte damit begonnen, alles wieder aufzuheben und zu sortieren. Weyhe sah ihm ruhig zu. »Ihnen ist klar, was dieser Vorfall bedeutet?«

Einer der Flötenrohlinge war durch einen drei Finger breiten Riss zerstört. Quantz versetzte der Anblick ein Gefühl, als hätte ihm jemand ins Herz geschnitten. »Ich weiß nur, dass ich hier meinen Dienst für Seine Majestät versehe. Ich arbeite auf seinen Befehl. Auch wenn Sie selbst keine Freude an der Musik haben, so müssen Sie das respektieren.«

»Wer sagt, dass ich keine Freude an der Musik habe? Respektieren Sie wiederum, dass ich dem König Rechenschaft über die Dinge geben muss, die seit einiger Zeit in seiner Umgebung geschehen. Und an denen Sie, Herr Musikus, wie durch einen wundersamen Zufall stets beteiligt sind.«

»Ich habe Ihnen alles berichtet, was ich weiß. Es kommt in Potsdam immer wieder zu Desertionen. Damit habe ich nichts zu tun. Ich bin meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe Soldaten aufgenommen. Ich pflege keinen persönlichen Umgang mit ihnen. Was übrigens auch an den Dienstzeiten der Männer liegt. Wie Sie wissen, habe ich meine Dienste beim König eher am Abend zu leisten.«

»Ich würde gern mit Ihnen weiter über Ihre Pflichten und Ihre Dienste, über Musik und Flöten plaudern. Aber ich fürchte, das ist alles schon Vergangenheit.«

»Vergangenheit?«

»Nun, Herr Musikus, Seine Majestät hat Ihnen diese Frage sicher auch schon gestellt. Der König liebt rhetorische Fragen, wie er sich überhaupt gern mit seinen literarischen Fähigkeiten schmückt, die ja seinen Fähigkeiten als Herrscher oder als Feldherr in nichts nachstehen. Sie wissen schon – eine rhetorische Frage ist eine Frage, auf die man keine Antwort erwartet. Doch in diesem Fall erwartete Seine Majestät doch eine, und zwar – Sie können es sich denken – von mir …«

»Weyhe«, schrie Quantz. »Wovon reden Sie?« Der Rat fing schon wieder an zu philosophieren. Am liebsten hätte Quantz ihn niedergeschlagen.

»Glauben Sie wirklich, dass Seine Majestät Sie weiter auf dem vertrauensvollen Posten halten kann, den Sie so lange innehatten? Sehen Sie, das ist die Frage. Und wenn ich sie beantworten will, so sehe ich einen entlaufenen Lakaien, der in Ihrem Beisein, vielleicht sogar durch Ihre Schuld ums Leben kam. Vielleicht ist Freiberger ja gestorben, damit er nicht etwas ausplaudert? Ach ja, und ich sehe, dass dieser Lakai sehr vertraut mit Ihnen war. Dass er Noten von Ihnen und vom König gehortet hatte. Welchen Reim soll ich mir darauf machen? Aber das ist noch nicht alles: Just in derselben Nacht, in der dieser Lakai umkam, desertiert ein Soldat, der bei Ihnen einquartiert ist. Sein Kamerad kommt in derselben Nacht ums Leben – ich mutmaße, durch einen Angriff seines flüchtigen Kollegen. Und nun muss ich die Frage erneut stellen: Kann ein Mensch, der in solche Dinge verwickelt ist, in direkter Umgebung einem König dienen und seine Privatgemächer betreten? Darf er im direkten Umkreis Seiner Majestät wirken?«

Damit drehte sich Weyhe um und ging.

Gegen Mittag war auch das Militär endlich aus dem Haus abgezogen. Quantz hatte Sophie beauftragt, ein Bad vorzubereiten, und während sie die Kessel einheizte, räumte er weiter auf. Er sortierte seine Noten, in denen nicht nur die Grenadiere, sondern auch Weyhes Soldaten mit ihren groben Fingern herumgewühlt hatten – freilich ohne das geringste Verständnis für das, was sich hinter den Notenzeichen verbarg. Viele Grenadiere, die im Dienst des Königs standen, waren noch nicht einmal des Lesens und Schreibens mächtig.

Quantz richtete seine Werkstatt wieder her. Die angefangene Flöte, die durch die Gewalttätigkeit der Soldaten einen Riss bekommen hatte, warf er auf den Abfall.

Schließlich lagen die Kanteln wieder akkurat bereit, die Räumer exakt parallel auf dem Arbeitstisch. Der Anblick der wohlsortierten Geräte brachte auch ein wenig Ordnung in Quantz’ Kopf – und er versetzte ihm gleichzeitig einen Stich. Welchen Sinn hatte das denn alles noch? Der König legte keinen Wert mehr auf seinen Dienst.

Er ging in die Soldatenstube. Das Blut auf dem Boden war zu einer schwarzen Fläche getrocknet. Die Habseligkeiten der beiden Grenadiere lagen in den Ecken herum, die Betten waren zerwühlt.

Sophie rief von oben, dass das Bad fertig sei. Quantz ging hinauf. Die Sitzwanne stand in der Küche gleich neben dem heißen Ofen, auf dem noch ein Kessel mit Wasser dampfte.

Endlich war der Moment gekommen, in dem er seine verschmutzten Kleider ablegen konnte. Das heiße Wasser war eine Wohltat und versetzte ihn in eine bleierne Müdigkeit, die in wüste Träume überging, in denen Flammen flackerten und Kanonenschüsse fielen.

Quantz schreckte hoch, als das Glockenspiel der Garnisonkirche losklimperte. Schnelle Schritte kündigten Sophie an. Er hatte anderthalb Stunden in der Wanne verbracht. Das Wasser war kalt geworden.

»Der verletzte Grenadier ist tot«, sagte sie, als sie in die Küche kam. »Die ganze Stadt spricht über nichts anderes. Und gerade als ich die Haustür erreichte, kam ein Bote und hat das abgegeben.« Sie zeigte Quantz einen Brief. Das Siegel war das des Königs. »Ich lege ihn ins Musikzimmer.«

Am liebsten wäre er ihr sofort gefolgt, um den Brief zu lesen. Doch er ging zuerst in die Schlafstube und kleidete sich an. Nicht die Angst ließ ihn zögern. Es war die Vorstellung, dass er beim Lesen des Schreibens gewissermaßen symbolisch Seiner Majestät gegenüberstand. Und bei einer solchen Gelegenheit hatte er korrekt gekleidet zu sein. Was in dem Brief stand, ließ sich nicht mehr ändern. Wenn der König ihn entließ, wenn er ihn in Haft schickte oder sonst etwas mit ihm vorhatte, dann war das längst entschieden. Trotzdem fühlte Quantz sich in frischem Unterzeug, in weißen Strümpfen und tadellosem Rock besser.

Sein Herz begann zu rasen, als er das Siegel brach und das dicke Papier auseinanderfaltete.

Wie es bei dienstlichen Mitteilungen seine Art war, hatte sich Seine Majestät kurzgefasst.

Er hat mich sehr enttäuscht, Quantz. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass mir die Musique mit Ihm verleidet ist. Ich will Ihn nicht sehen. Noch glaube ich an das Gute in Ihm, doch ich habe mich in meinem Leben in einem solchen Glauben schon oft eines Besseren belehren lassen müssen.

Friedrich

Quantz legte das Blatt weg, trat an sein Schreibpult, wo ein frischer Bogen Notenpapier auf die neue Komposition wartete. Die akkuraten Linien verschwammen vor seinen Augen. Eine unsichtbare eiserne Faust schien seine Brust zu umschlingen. Er versuchte sich dagegen zu wehren, doch er musste alle Kräfte aus dem Innersten zusammenraffen, damit es ihm gelang, wieder tief Luft zu holen. Die Anstrengung war so gewaltig, dass er taumelte und auf die Knie fiel. Der Schlag auf die Dielen musste Sophie alarmiert haben, denn plötzlich stand sie in der Tür.

»Was ist geschehen?«, fragte sie.

»Zu viel«, sagte Quantz und ließ sich auf einen der Stühle sinken. »Es ist zu viel geschehen. Etwas umkreist mich, und ich weiß nicht, was es ist. Und es wird mich besiegen.« Er seufzte. »Kannst du mir nicht helfen?«

Sie blieb stocksteif stehen. »Wie könnte ich das?«

Ja, wie könnte sie das? Sie hatte keine Ahnung von Hofintrigen, noch nicht mal die leiseste Vorstellung, wie es zuging im Umkreis des Königs.

»Indem du zuhörst. Wieder einmal. Setz dich.«

Sie gehorchte und nahm Platz, aber mehr war es nicht. Sie besaß keine innere Bereitschaft. Sie versteckte sich hinter der Fassade der Diensterfüllung. »Ich höre zu«, sagte sie. »Bitte beginnen Sie.«