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»Danke«, brachte er hervor, als die Kutsche wieder anfuhr. »Danke, dass Sie mich empfangen.«

»Mein lieber Quantz, von empfangen kann ja keine Rede sein in einer solchen Umgebung. Aber ich denke, es ist der bestmögliche Ort für eine intime Unterhaltung. Und wo Sie mich so dringend darum gebeten haben … Aber ich möchte Ihnen gleich sagen, dass ich zwar einer der Menschen bin, denen Seine Majestät das größte Vertrauen entgegenbringt, doch ich habe nicht die Macht, gegen seinen Ratschluss zu handeln. Weder die Macht noch den Willen. Daher müssen wir das Gespräch kurz machen. Er wird nicht erfreut sein, sollte er von unserer Zusammenkunft erfahren.«

»Ich habe Sie nicht aufgesucht, weil ich möchte, dass Sie mich beim König in Schutz nehmen. Mir ist bewusst, dass dies gegen Ihre Grundsätze der Loyalität verstieße.«

»Warum dann?«

»Was wissen Sie über Andreas Freiberger?«

Fredersdorf sog scharf die Luft ein. Dann beugte er sich hinaus und klopfte mit einem Stock an das Holz der Kutsche. »Außen herum«, befahl er. »Nicht in die Stadt. Außen zum Nauenschen Tor.« Er wandte sich wieder Quantz zu. »Es ist besser, wenn wir die enge Stadt meiden, finden Sie nicht? Ach bitte, ziehen Sie doch den Vorhang vor Ihr Fenster. Das ist sicher klüger.«

Quantz zog den dunklen Stoff zwischen sich und die Frühlingslandschaft. »Bitte beantworten Sie meine Frage, dann sind Sie mich auch schnell wieder los.«

Fredersdorf hob die Augenbrauen. »Was ich über Freiberger weiß? Sie scherzen.«

»Ich scherze nicht. Er ist umgekommen. Der König bringt mich mit seinem Tod in Verbindung. Und mir ist klar, dass der König glaubt, Andreas könnte Verrätern in die Hände gespielt haben.«

»Da haben Sie ja Ihre Antwort. Ich sage immer: Wenn man richtig fragt, ist die Antwort bereits in der Frage enthalten.« Er lächelte verschmitzt.

»Ich bin kein Verräter. Aber ich will mehr wissen. Wer war Andreas? Wie ist er an den Hof gekommen? Wer waren seine Eltern? Ich bin sicher, Sie wissen das.« Wie er alles wusste, was an diesem Hof geschah.

Fredersdorf schüttelte den Kopf. »Warum wollen Sie das erfahren? Glauben Sie wirklich, Sie könnten durch eine eigene Untersuchung der Sache Ihre Unschuld beweisen? Sollten Sie unschuldig sein, wird das durch die Ermittlungen ans Licht kommen, die Seine Majestät angeordnet hat. Vertrauen Sie Seiner Majestät. Und bleiben Sie lieber bei Ihrer Musik.«

»Bitte überlassen Sie mir, was mich interessiert, Herr Fredersdorf.« Quantz erschrak selbst darüber, wie scharf seine Worte klangen. »Verzeihen Sie. Aber es ist wichtig. Bitte helfen Sie mir. Oder wollen Sie mir nicht helfen?«

»Sie echauffieren sich, mein Lieber. Ruhig Blut! Es bringt nichts, wenn Sie mehr über ihn wissen. Doch ich verrate es Ihnen gern. Freiberger war ein Waisenjunge, wie es viele in Preußen gibt. Über den Vater weiß man nichts. Seine Mutter war Wäscherin. Eines Tages wurde sie krank und starb. Sie arbeitete auf einem meiner Güter.«

»Das heißt, es ist Ihnen zu verdanken, dass Andreas in Dienste am Hof kam?«

»So ist es. Auch wenn ihn manche für dumm hielten, war er ein guter Lakai. Er hat nie etwas vergessen und war sehr zuverlässig. Er führte exakt aus, was man ihm befahl. Man musste niemals etwas zweimal zu ihm sagen. Er war verschwiegen, weil er nie sprach. Aber er konnte denken. Und verstehen.«

»Sie haben sich also selbst dafür eingesetzt, dass Andreas den Posten als Lakai beim König bekam?«

Fredersdorf lächelte. »Sie wissen doch, dass an mir niemand vorbeikommt, der in die direkten Dienste des Königs möchte.«

»Wer wüsste das nicht?«

»Nicht nur der König, auch andere haben von Andreas’ Diensten profitiert.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er hat kleine Botengänge gemacht. Für die Kammerherren zum Beispiel. Nichts Besonderes.«

»Auch für Monsieur La Mettrie?«

»Selbstverständlich.« Fredersdorf hob die Augenbrauen. »Aber wie kommen Sie gerade auf ihn?«

Quantz lag die nächste Frage auf der Zunge, aber er wusste nicht, wie er sie formulieren sollte. Er durfte auf keinen Fall Kritik am König zum Ausdruck bringen. Trotzdem würde die Frage Friedrichs Entscheidungen zumindest in Frage stellen.

»Sie scheinen auch einer von denen zu sein, die Herrn La Mettrie nicht gerade schätzen.« Fredersdorfs Worte brachen in Quantz’ Gedanken, bevor er etwas erwidern konnte.

»Schätzen Sie ihn denn? Dass der König ihn schätzt, ist unverkennbar.«

»Sie werden nicht erleben, dass ich mich in meiner Meinung gegen Seine Majestät stelle.«

»So widersprechen Sie ihm nie? Auch wenn die Gefahr besteht, dass er sich Leute an den Hof holt, die ihm schaden?«

»Schaden? Unser König ist weise. Einen solchen Fehler begeht er nicht.«

»Nun, Herr La Mettrie ist nicht überall in Europa gut gelitten. Seine philosophischen Ideen haben ihn ja fast zum Vogelfreien gemacht – zumindest spricht man davon. Manche seiner Ideen dürften vielen, besonders gläubigen Menschen, als Beleidigung erscheinen. Welche Meinung haben Sie dazu?«

»Meine Meinung zählt hier nicht«, sagte Fredersdorf. »Ich bitte Sie, sie nicht zum Gegenstand unserer Unterhaltung zu machen.«

»Sie halten sich also aus diesen Diskussionen heraus. Sehr diplomatisch. Nun frage ich mich nur noch, ob Sie im Fall des Herrn La Mettrie oder auch seines Landsmannes Herrn d’Argens mitzusprechen hatten, als es um deren Ernennung zu Kammerherren ging.«

Fredersdorf lachte lautlos in sich hinein. Quantz’ Gedanken schienen ihn zu amüsieren. »Wer für dieses Amt bestimmt ist, liegt allein im Ermessen des Königs, und ich betone: allein. Ich bestimme nur über Lakaien und andere Ämter. Wenn es um Kammerherren geht, wird Seine Majestät sich kaum meinen Rat holen. Er hört lieber auf die Gelehrten, die er um sich geschart hat. Und die sind zum Teil ja ebenfalls Landsleute der Herren d’Argens und La Mettrie. Sie sollten sich damit nicht befassen. Ich rate Ihnen, sich mehr auf die Musik zu konzentrieren, wie es Ihre Aufgabe ist.«

»Der König ist meine Musik leid. Das hat er mir heute selbst geschrieben.«

»Aber Sie sind nicht entlassen, Quantz. Und wenn ich Sie wäre, würde ich alles daransetzen, dass das so bleibt. Versehen Sie Ihren Dienst.«

»Aber wenn Seine Majestät doch nun mal keine Flötenkonzerte mehr will …«

Fredersdorfs Stimme wurde eindringlich. »Das wird sich auch wieder ändern, Quantz. Und dann müssen Sie bereit sein.«

»Wofür bereit? Dass Seine Majestät Gefallen an einem neuen Musikstil gewinnt? Soll ich nun Fugen statt Konzerte schreiben? Dafür braucht es einen klaren Befehl, Herr Fredersdorf. Man kann einem Dienstherrn schlecht in den Gedanken lesen und erahnen, welche Musik er haben will.«

»Was für ein neuer Musikstil?« Fredersdorf sah ihn von der Seite an. »Bleiben Sie ruhig, Herr Quantz. Der König ist mit Details beschäftigt, die die Verteidigung Preußens gegen Österreich betreffen. Er weiß nicht, wo ihm der Kopf steht. Und deshalb sieht er in jeder Ecke Feinde. Das ist alles. Sicher hat er deshalb weniger Lust auf die Musik. Aber wenn es so weit ist, müssen Sie wieder welche liefern.«

»Verteidigung? Das klingt nach Krieg. Aber wir leben doch im Frieden. Schlesien ist erobert, der König hat ein neues Schloss bezogen. Ich dachte, er gibt sich nun vor allem den Künsten hin …«

»Wir mögen Schlesien gewonnen haben, doch die Besiegten werden diesen Verlust nicht hinnehmen. Die Feinde Preußens ruhen nicht. Und was hier so aussieht wie ein herrlicher Frühling und der Aufbruch in eine wunderschöne paradiesische Friedenszeit, hat auch seine Kehrseite.«

»Welche Kehrseite?«

»Das muss ich Ihnen doch nicht erklären.«

»Glaubt der König, dass diese Vorfälle der letzten Tage etwas mit den Feinden Preußens zu tun haben?«

»Wenn Soldaten desertieren, hat das immer Auswirkungen auf die Moral der Truppe. Vor allem, wenn die Flucht gelingt und die Deserteure endgültig verschwunden bleiben. Und wenn es in der Residenzstadt geschieht und die Entflohenen obendrein zur königlichen Leibgarde gehören.«