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»Die Entflohenen? Gab es denn mehrere, die aus der Leibgarde desertiert sind?« Quantz wusste, dass immer wieder Soldaten flohen. Aber die Männer der Leibgarde galten als besonders königstreu.

»Das geht Sie nichts an. Schweigen Sie und versehen Sie Ihren Dienst. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.« Fredersdorf schlug zweimal an das Holz der Kutsche. Die Pferde hielten.

Quantz zog den kleinen Vorhang zurück. Durch das Seitenfenster war die Nauensche Vorstadt zu sehen. Die schnurgerade Allee verlor sich in der Ferne.

»Steigen Sie nun aus. Unser Gespräch ist beendet.«

Quantz wollte aufbegehren, wollte mehr erfahren, aber er wusste, dass es keinen Zweck hatte, Fredersdorf zu bedrängen. Er murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und verließ die Kabine. Die Kutsche rollte davon.

Als er das Nauensche Tor passierte, trafen Quantz abschätzige, ja feindselige Blicke. Als er nahe an einer Gruppe Grenadiere vorbeikam, spuckte einer unverhohlen vor ihm aus. Gemurmel erhob sich. Die Männer wandten sich von ihm ab. Quantz spürte, wie sich sein Gesicht erhitzte.

Wegen der Desertion mussten die Grenadiere nun schärferen Dienst schieben. Ausgangszeiten wurden gekürzt. Es wurde härter exerziert. Die Leibgarde, der Trakow entstammte, hatte an Ansehen eingebüßt. Und die Soldaten gaben Quantz die Schuld.

Er spazierte in die Stadt hinein, vorbei an den roten holländischen Backsteinhäusern, an der Plantage vorbei, die nun im hellen Sonnenlicht nicht im Geringsten unheimlich wirkte, sondern sehr harmlos, fast wie einer der arkadischen Haine, von denen Quantz hin und wieder träumte.

Es gab also eine Verbindung zwischen Andreas’ Tod und der großen Politik. Quantz glaubte, dies Fredersdorfs Andeutungen entnehmen zu können. Und eine Verbindung zu La Mettrie gab es auch. Dass der Franzose auf den Rat seines Landsmannes Pierre Louis Moreau de Maupertuis, dem Präsidenten der Königlichen Akademie der Wissenschaften, nach Berlin gekommen war, wusste Quantz bereits. Auf ihn hatte Fredersdorf wohl angespielt, als er von den einflussreichen Gelehrten gesprochen hatte.

De Maupertius war ebenfalls von sehr eigenartigen Gedanken beseelt. Es hieß, er widerlege in einer seiner Schriften die Tatsache, dass Gott die Lebewesen geschaffen habe. Stattdessen hätten sich Tiere, Pflanzen und sogar der Mensch nach und nach aus verschiedenen Lebewesen entwickelt, die dann jedoch wieder vom Angesicht der Erde verschwunden seien.

Eine unglaubliche Vorstellung. Das würde ja bedeuten, dass Gott die Welt sich selbst überließe. Dass es keine Schöpfung gab, dass die Menschen nicht – wie es in der Bibel stand – Gott gegenüber durch den alten und den neuen Bund der Evangelien verpflichtet waren. Dass sich die Dinge weiterentwickelten, alles nur ein Stadium in dieser Progression war und sich sogar die Ideen und die Vorstellungen der Dinge verändern konnten. Die Vorstellungen davon, was richtig und was falsch war. Auch das veränderte sich also. Wie sollte man dann ein gottgefälliges Urteil fällen? Wie sollte man sich moralisch verhalten? Immer wieder kam man auf solche Gedanken, wenn man sich mit den Franzosen befasste!

Der König wusste wohl, wen er sich da als Elite in seinem Reich heranzüchtete. Aber wusste er auch, welche Folgen das haben konnte? Oder bereits hatte?

Quantz erreichte den Kanal und trat an den kleinen, mit Holz eingefassten Abhang. Für den Monarchen war das alles nur Zeitvertreib. Wie die Musik oder die Dichtung. Es machte ihm Freude, Menschen um sich herum zu haben, die die seltsamsten Theorien vertraten und ihn damit von seinen Staatsgeschäften ablenkten. Mehr konnte nicht dahinterstecken. Oder doch?

Friedrich Wilhelm I., der Vater des Königs, war ein bigottes Monstrum gewesen, gezeichnet von übertriebener Frömmigkeit, der seinen Sohn damit bestrafte, dass er kniend bis zur Erschöpfung laut und im Beisein der höfischen Bediensteten Gebete sprechen musste.

Quantz wurde klar, was den König bewog, wenigstens in seiner selbst geschaffenen Welt, in Sanssouci, mit den Ideen von Gottlosigkeit zu spielen. Es war eine Art Rache an seinem religionshörigen Vater. Ein späte Rache. Ein spätes Ausleben der Freiheit.

Quantz dachte an Weyhes Reden im Schloss.

Man muss den König vor sich selbst schützen.

Hatte der Rat das nicht gesagt? Wie recht er hatte.

Weyhe nahm diese Aufgabe ernst. Und Quantz war dabei leider in sein Fadenkreuz geraten.

Lange blickte er auf das schwarze Wasser des Kanals. Dann machte er sich auf den Weg zur »Goldenen Krone«.

Anders als bei seinem letzten Besuch war die Gaststube voller Menschen. Sie dampfte wie eine Waschküche. Quantz wurde von der Geruchswolke aus Suppe, Kohl und Fleisch geradezu überwältigt.

»Alle Tische besetzt«, rief Liese, beide Hände voller Krüge, und drückte sich an ihm vorbei. Quantz verließ die Stube und ging den Flur entlang. Weiter hinten erschien Schulze. Der Wirt trug eine fleckige Schürze um den dicken Bauch.

»Der Herr Musikus beehrt uns also«, sagte er und zog die Augenbrauen hoch.

»Heute ist Ihr Haus gut besucht, Herr Wirt.«

»Alle Tische sind besetzt.«

»Liese sagte es bereits, aber –«

»Würdet Ihr bitte gehen, Herr Quantz? Wir haben viel Arbeit.« Er wandte sich wieder der Küche zu, von wo ein lautes Zischen und Brutzeln zu hören war, doch Quantz fasste ihn an seine massive Schulter und hielt ihn fest.

»Nicht so schnell, Herr Wirt.«

Schulze verdrehte die Augen. »Bitte geht«, flüsterte er. »Ihr seid nicht gut gelitten in der Stadt.«

»Wer sagt das?«

»Alle sagen es. Lasst mich bitte.«

»Habt Ihr unseren Handel vergessen?«

Schulze presste die Lippen aufeinander. »Welchen Handel?«, brummte er.

»Herr La Mettrie. Wohnt er noch hier?«

»Ach der …«

»Vor Kurzem habt Ihr Euch noch bei mir über ihn beschwert und mich gebeten, ein Wort beim König einzulegen. Und nun –«

»Bitte schweigt«, zischte der Wirt. »Das war, bevor man den toten Lakaien in Eurer Stube fand. Und wenn man Euch erst des Mordes anklagt und hängt, dann –«

»Was redet Ihr da?«, rief Quantz. »Ein toter Lakai in meiner Stube?« Das Gerücht hatte die Runde gemacht. Und es hatte sich wie alle Gerüchte bei jeder Station verändert. Und wenn es schon zu Beginn der größte Unsinn gewesen war, so hatte es sich am Ende ins Groteske verwandelt. Doch ein wirkliches Ende gab es nicht. Es wanderte weiter und weiter.

»Andere sagen, Ihr hättet Eure Magd Sophie getötet. Doch das kann nicht stimmen. Ich habe sie ja selbst auf dem Markt gesehen. Also war es der Lakai. Und ein Soldat. Euer Haus soll Schauplatz eines Blutbades gewesen sein. Und Feuer habt Ihr gelegt. Oben in Bornstedt. Bauern sind gestorben durch Eure Schuld.«

»Schulze, davon ist kein Wort wahr. Ihr dürft nicht so einfach glauben, was die Leute reden.«

»Was soll ich sonst glauben?«

»Hört mich an, ich habe niemanden getötet. Andreas Freiberger, der Lakai des Königs, kam in Bornstedt um. Ich habe noch versucht, ihn zu retten.«

»In Bornstedt? Wo Ihr Feuer gelegt habt?«

»Ich habe nirgends ein Feuer gelegt. Der Lakai war entlaufen und hat sich in einer Scheune versteckt. Sie ist in Brand geraten, und dabei ist er ums Leben gekommen.«

Der Wirt machte große Augen. »Davon habe ich nichts gehört. Seid Ihr sicher, dass das stimmt?«

»Schulze! Wir reden von meiner Person. Ja, ich bin mir sicher, weil ich es selbst erlebt habe. Ein Gerücht hat die Angewohnheit, sich mit jedem Mund, durch den es geht, zu verändern. Könnt Ihr mir folgen?«

»Nein. Jeder sagt doch nur das weiter, was er gehört hat. Und der Erste, der es weiß, der weiß doch die Wahrheit.«

»Aber der Erste in der Kette bin doch ich. Und mich hättet Ihr fragen sollen.«