Der Wirt kratzte sich am Kopf. »Da ist was dran … wenn Ihr es sagt.«
»Kommen wir auf Herrn La Mettrie zurück … Ist er da? Ich muss ihn sprechen.«
»Habt Ihr beim König etwas erreicht? Ich dachte, wo Sie nun bei Seiner Majestät nicht mehr so gut angesehen sind, hat das alles keinen Zweck mehr.«
»Ich werde selbst nachsehen, ob er da ist.«
»Von mir aus.«
Der Wirt kehrte in die Küche zurück. Quantz stieg die Treppe hinauf. Als er an La Mettries Zimmer klopfte, kam von drinnen ein unartikulierter Laut – eine Art Quieken. Quantz konnte sich keinen Reim darauf machen. Er klopfte erneut, dann trat er einfach ein.
Die Stube war noch im selben unordentlichen Zustand – mit dem einen Unterschied, dass zwischen all den Papieren, inmitten all der aufgehäuften Wäschestücke, Perücken und Schuhe La Mettrie mit irrem Blick auf dem Fußboden lag und schrieb.
Er hatte sich auf den Bauch gelegt. Der nackte Dielenboden diente ihm als Schreibunterlage, und Quantz beobachtete erstaunt, wie der Franzose manisch Wort um Wort auf den Bogen vor ihm kritzelte. Mit der einen Hand hielt er das Papier fest, damit es nicht rutschte, mit der anderen ließ er den Text in einer winzigen Schrift dahinfließen, wobei er immer wieder die Feder in ein Tintenfass tauchte, das neben ihm stand.
»Schulze, ich habe Ihm gesagt, ich möchte keinen Wein mehr. Sein brandenburgisches Gesöff dient nicht meiner Inspiration, es hindert sie nur. Verschwinde Er jetzt.« Während er redete, unterbrach La Mettrie seine Schreibbewegungen keine Sekunde.
»Monsieur, ich bin es – Quantz.«
Der Philosoph streckte die Zunge aus dem Mundwinkel, als würde er seine Anstrengungen verstärken, und tatsächlich erschien es Quantz, als würde die Geschwindigkeit, mit der die Wörter und Zeilen aus der Feder glitten, noch zunehmen.
»Hören Sie mich, La Mettrie? Ich möchte mit Ihnen sprechen.«
»Un moment, s’il vous plaît.« Er füllte weiter die Seite, während Quantz vorsichtig, ohne auf eines der Blätter zu treten, ins Zimmer kam und die Tür hinter sich schloss.
»Uff.« Der Franzose warf die Feder in das Tintenfass, schob alles beiseite und rollte sich auf den Rücken. Dabei wirkte er so erschöpft, als habe er gerade den legendären Lauf von Marathon nach Athen hinter sich gebracht. Er atmete schwer, seine Wangen waren gerötet.
»Monsieur, was hat das zu bedeuten?«, rief Quantz. »Geht es Ihnen nicht gut?«
La Mettrie streckte einen Arm aus, schob Papiere beiseite und erfasste ein sehr kleines Glas, das unter den Bögen verborgen gewesen war. Eine wässrige rotbraune Flüssigkeit befand sich darin. Er nahm einen Schluck, legte sein glatzköpfiges, kugelrundes Haupt in den Nacken und hob das Rückgrat ein wenig. Mit offenem Mund sah er zu Quantz hinauf.
»Man glaubt, die Welt stehe Kopf«, sagte er. »Dabei bin ich es, der auf dem Rücken liegt.«
Er war betrunken. Und das so stark, dass er nicht bei Sinnen war.
»Keine Sorge, mir geht es superb«, rief der Franzose. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und plötzlich stand er auf den Beinen. La Mettrie war deutlich kleiner als Quantz, weshalb er zu ihm aufschauen musste. Er trug nur Unterzeug, rupfte die spärliche Kleidung zurecht, taumelte ein paar Schritte, trat auf herumliegende Papiere, schaffte es aber gerade noch, einige davon zur Seite zu wischen, bevor er sich auf dem Bett niederließ.
»Geht Ihnen das auch so, Maître de Musique? Wenn Sie etwas Wunderbares geschrieben oder in Ihrem Fall komponiert haben?« Er stöhnte auf. Der Laut hatte etwas Tierisches.
»Was meinen Sie?«, fragte Quantz, der das Treiben mit einer Mischung aus Abscheu und Neugierde verfolgte.
»Diese wunderbare Erschöpfung. Sie ähnelt dem Gefühl, das einen nach dem Beischlaf überkommt. Man hat etwas Wertvolles aus sich herausgelassen, man fühlt sich müde, ein bisschen traurig, aber man weiß, man hat Großes erlebt. In diesem Fall allerdings war es eher eine Art Coitus interruptus, da Sie einfach in meine Kammer gedrungen sind, während ich –«
»Monsieur, wovon reden Sie?«, fragte Quantz scharf.
Der Franzose kniff die Augen zusammen und fixierte ihn. »Es soll Menschen geben, die so etwas nicht oft erleben. Ich hoffe für Sie, lieber Compositeur royal, dass Sie keiner von ihnen sind. Aber demzufolge, was man in Potsdam über Sie erzählt, scheint das gerade kaum der Fall zu sein.« Er lachte.
Quantz versuchte, sich in diesen verworrenen Verneinungen zurechtzufinden. Dann ahnte er, was gemeint war, und spürte, wie ihn ein plötzliches Hitzegefühl überwältigte. Wahrscheinlich wurde er sogar rot. »Was erzählt man sich in Potsdam?«
»Nichts, wofür man sich schämen müsste, Monsieur. Setzen Sie sich. Ich freue mich ja, dass wir uns endlich einmal näher kennenlernen. Ich habe Sie schließlich selbst eingeladen. Wie kann ich Ihnen dann vorwerfen, dass Sie der Einladung folgen?«
La Mettrie erhob sich von seinem Bett, nahm einen Stapel Blätter von einem Schemel vor dem Waschtisch, der wahrscheinlich in der letzten Zeit auch mehr Papier als Wasser gesehen hatte.
»Mehr kann ich Ihnen leider nicht anbieten. Demnächst wird mir Seine Majestät hoffentlich eine Unterkunft im Schloss überlassen, aber bis dahin …« Er hob die Hände. »Das heißt, so direkt beim König zu wohnen, hat auch seine Nachteile …«
Quantz setzte sich auf den Schemel. La Mettrie sah sich suchend im Raum um, erspähte auf dem Boden das kleine Glas, nahm es an sich und setzte sich wieder auf das Bett. Er blickte die rötliche Flüssigkeit an, als wolle er sie auf eine seltsame Art beschwören, dann nahm er wieder einen Schluck.
»Die Geschichten, die man über Sie erzählt, sind vielfältig. Da ist die Liaison mit Ihrer Magd. Und nun kommen allerlei Geschichten hinzu, die mit einem Lakaien und einem toten Soldaten zu tun haben. Was die Sache mit Ihrer Magd betrifft, da kann ich Sie verstehen – auch ich würde ihr vor Ihrer Frau den Vorzug geben. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, Ihre Gattin in Berlin kennenzulernen.«
Quantz war kurz davor, aufzuspringen und hinauszugehen. Solche Reden über Anna konnte er sich eigentlich nicht bieten lassen.
»Monsieur, was Sie für Ihre Magd empfinden und für Ihre Frau nicht empfinden, ist doch menschlich. Es gibt so viel Menschliches auf der Welt, wie es Menschen gibt. Schauen Sie sich unseren König an. Für den sind Weiber gar keine Menschen, dafür die Männer. Jedem das Seine.« Er hob das Glas, prostete dem Gast zu und leerte es.
»Was fällt Ihnen ein, unseren König zu beleidigen?«
»Ich beleidige nicht, Maître de Musique. Ich spreche nur aus, was wahr ist.«
»Und was trinken Sie da für ein Zeug?« Quantz stand auf und schnupperte an dem Glas, das La Mettrie auf einem Bücherstapel abgestellt hatte. Es roch exotisch, wie ein seltsames Gewürz. Von Opiumtinktur, die aus dem Extrakt des Schlafmohns gewonnen wurde, war besonders in Künstlerkreisen viel die Rede. Man hörte wahre Lobpreisungen, welche Wirkungen die verdünnte Mohnessenz besaß. Angeblich regte die Substanz die Phantasie an, sorgte aber nicht für eine Umnebelung wie beim übermäßigen Genuss von Alkohol. Man blieb geistig vollkommen klar, hieß es. Und diese Klarheit steigere sich ins Unermessliche. Wahrscheinlich war es das Geheimnis von La Mettries riesigem schriftstellerischem Ausstoß. Quantz hatte sich von Opium immer ferngehalten.
»Sagen Sie nur, Sie kennen diese herrliche Essenz nicht, die Menschen wie uns die Kraft verleiht, ganz neue Welten zu schaffen – seien es Welten der Gedanken wie bei mir oder Welten der Klänge wie bei Ihnen. Oh, offenbar nicht.« Er nahm Quantz das Glas weg und sprach weiter. »Und wo wir gerade von der Wahrheit sprechen … Genauso wahr, mein lieber Compositeur, ist, dass Sie wohl nicht mehr viele Noten auf Ihr fünffach liniertes Papier bringen werden. Jedenfalls nicht im Dienste Seiner Majestät.«