Doch Weyhe war klar, dass diese neuartige Methode der Ermittlung in Potsdam schnell an ihre Grenzen stieß. Die Stadt war zu klein. Es war für jedermann leicht herauszubringen, dass seine beiden Kilians in irgendeiner Weise im Dienste des Königs standen. Außerdem waren die beiden diese Art von Arbeit nicht gewohnt. Das Prinzip des französischen Königs, das in der Riesenstadt Paris funktionierte, ließ sich nicht einfach auf Preußen übertragen. Man musste es den hiesigen Gegebenheiten anpassen. Und man musste die Leute, die man dafür brauchte, erst einmal ausbilden.
Viel Arbeit, dachte Weyhe, schloss die Mappe mit der königlichen Depesche und nahm sich vor, mit den beiden Kilians etwas nachsichtiger zu sein. Vorerst.
»Wenn Er etwas zu sagen hat, dann wünsche ich, dass Er freiheraus damit zur Sprache kommt. Seine Beobachtungen sind wichtig. Und sie sind dringend. Er sollte sich darüber klar sein.«
Kilian nickte und runzelte die Stirn.
»Hat Er das verstanden?«
»Ja, Herr Rat.«
»Nun?«
Kilian sah auf, dann ging ein Lächeln über sein Gesicht. »Wir haben den Herrn Quantz überwacht.«
»Und Er erstattet jetzt Bericht. Sehr gut. Beginne Er.«
»Herr Quantz war heute Mittag in der Stadt. Wir haben ihn nicht verfolgen können, denn er ist uns auf dem Weg zum Brandenburger Tor entwischt.«
»Entwischt? Das darf es nicht geben, Kerl. Wie kam das?«
»Mein Bruder ist ihm gefolgt, doch dann querte von der Lindenstraße eine Gruppe von Kutschen den Weg. Er kam nicht weiter, und als die Straße frei war … da war es zu spät.«
»Das darf kein zweites Mal geschehen, ist das klar? Weiter.«
»Herr Quantz ist nach einer Stunde zurückgekommen, hat aber sein Haus nicht betreten. Er wollte wohl durch die Tür, besann sich dann aber anders und eilte den Kanal entlang. Diesmal habe ich die Verfolgung übernommen.«
»Das war eine gute Entscheidung. Weiter.«
»Ich bin ihm nachgegangen. Herr Quantz ist vor dem Gasthaus ›Zur Goldenen Krone‹ stehen geblieben. An der Cavalierbrücke.«
Weyhe wurde ungeduldig. »Ich weiß, wo die ›Krone‹ liegt. Was hat der Herr Musikus weiter unternommen?«
»Eine halbe Minute blieb er stehen. Dann ging er hinein ins Gasthaus. Ich habe den Kanal überquert, denn ich war ja noch auf der anderen Seite. Herr Quantz ist etwa eine halbe Stunde in dem Gasthaus geblieben. Als er wieder herauskam, folgte ich ihm. Er ging wieder nach Hause.«
»Hat Er das Gasthaus nicht betreten?«
»Doch, Herr Rat, wie ich sagte –«
»Nein, ich meine Er … ich meine, Er, Kilian …« Verdammt. Er sollte sich doch dazu durchringen, die beiden zu siezen. Doch er hatte sich entschlossen, bei dem mehr herablassenden »Er« zu bleiben.
»Das wäre doch aufgefallen, Herr Rat. Man hätte mich gefragt, was ich dort will.«
»Eine Mahlzeit? Einen Krug Bier? Was man eben in so einem Wirtshaus will.«
»Herr Rat, ich war im Dienst.«
Gut. Man konnte nicht alles haben. Und man musste den Männern die Dinge nach und nach erklären. »Ich erläutere Ihm jetzt einmal etwas, Kilian. Sein Ziel ist es, herauszubringen, was Herr Quantz in dem Gasthaus gewollt hat. Und das erreicht Er nur, wenn Er selbst da hineingeht und sich so verhält, als sei Er ein Gast. Hat Er verstanden? So hätte Er erkennen können, mit wem Herr Quantz spricht, und vielleicht hätte Er sogar ein paar Fetzen der Unterhaltung aufgeschnappt. Das hätte uns weitergeholfen.«
»Ich verstehe, Herr Rat. Aber mit wem Herr Quantz gesprochen hat, weiß ich.«
»Tatsächlich? Hat Er nicht eben gesagt, Er sei nicht in dem Haus gewesen?«
»Das ist richtig. Aber ich habe aufgepasst und die Fassade beobachtet. Herr Quantz war einmal kurz an einem der oberen Fenster im ersten Stock zu sehen. Dort liegt das größte Zimmer des Gasthofes.« Kilian hob den Zeigefinger, als wolle er auf etwas ganz Besonderes hinweisen. »Das zeigt doch, dass Herr Quantz denjenigen besucht hat, der dieses Zimmer bewohnt, oder nicht?«
»Korrekt. Und wer bewohnt dieses Zimmer? Ich bin sicher, dass Er das auch weiß.«
Kilian machte ein erstauntes Gesicht. »Ganz Potsdam weiß es, Herr Rat.«
»Bin ich ganz Potsdam? Nun sag Er es schon!«
»Dort residiert dieser Herr Mettrie, der Franzose, und brütet dort seine verwerflichen Schriften aus.«
»Was für verwerfliche Schriften?«
»Dass wir alle keine Seele haben. Dass es keinen Gott gibt. Und noch einiges mehr.«
Weyhe hatte davon gehört, dass der König La Mettrie an den Hof geholt hatte, ohne ihm ein Zimmer im Schloss zur Verfügung zu stellen. Offiziell hieß es, dass die Räume in der Sommerresidenz noch nicht ganz fertig waren. Doch das konnte nicht stimmen, denn einige Personen, wie zum Beispiel der vom König überaus geschätzte Graf Rothenburg, wohnten schon dort.
Es musste daran liegen, dass die zur Schau gestellte Gottlosigkeit dieses seltsamen Maschinenmenschen, wie man ihn auch nannte, selbst dem freizügigen König zu weit ging. Deshalb wartete Seine Majestät erst einmal ab, bevor er zu La Mettrie wirklich Vertrauen fasste. Trotzdem hatte er ihn bereits zum Kammerherrn ernannt.
Einen Moment erwog Weyhe, La Mettrie in seine Überwachungen mit einzubeziehen, doch er verwarf den Gedanken gleich wieder. Wer dem König diente, durfte es sich keinesfalls mit den Franzosen verderben, die immer mehr Einfluss bei Hofe erlangten. Weyhe schlug die Mappe wieder auf. Er war gehalten, Seiner Majestät schriftlich Bericht zu erstatten. Er hatte mit dem Bericht schon begonnen, bevor der Gehilfe erschienen war. Sollte er Kilians neueste Beobachtung erwähnen?
»Und nun ist Herr Quantz wieder zu Hause?«, fragte er.
»Als ich den Posten verließ, war es so«, sagte Kilian. »Ich werde mich gleich zurückbegeben.«
»Es ist gut. Lass Er sich in der Küche Proviant mitgeben. Und pass Er auf, dass Er nicht gesehen wird. Die Beobachtung wird die ganze Nacht fortgesetzt. Er kann sich mit seinem Bruder beim Schlafen abwechseln. Sofortige Meldung bei außergewöhnlichen Vorkommnissen. Er kann gehen.«
Kilian nickte, verließ den Raum und schloss die Tür.
Weyhe sah nachdenklich auf den Schlosshof hinaus, über den sich langsam die Abenddämmerung senkte.
Was, wenn sich Quantz nun in sein Schneckenhaus zurückzog?
Es war seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich der Herr Musiker sein eigenes Grab schaufelte.
Es kommt nicht auf die Wahrheit an, dachte Weyhe. Man muss dem König nur etwas präsentieren, das dieser für die Wahrheit hält.
Zu zwei Dritteln hatte er das Ziel, Quantz zu diskreditieren, schon erreicht. Da konnte es nicht so schwer sein, das letzte Drittel auch noch zu inszenieren.
Weyhe nahm sich noch einmal den Bericht vor, las ihn sorgfältig durch und griff zur Feder.
Noch eine Bemerkung zu Herrn Quantz, schrieb er. Sein Verhalten wirkt verdächtig. Offenbar sucht er den Kontakt zu Vertrauensleuten bei Hofe. Vor allem bei der französischen Fraktion.
Weyhe sah auf. Das hatte er sehr gut ausgedrückt. Französische Fraktion. Man verstand, in welche Richtung das ging, und trotzdem hatte er es vermieden, Personen beim Namen zu nennen. Oder sie direkt zu beschuldigen.