16
»Es ist nicht zu glauben, mit welch seltsamen Menschen sich der König umgibt. Ein angeblicher Gelehrter, der auf allen vieren kriecht und sich wie ein Tier benimmt. Der die schlimmsten Beleidigungen von sich gibt – und doch ungeschoren bleibt.« Quantz, der auf einem Sessel in seiner Studierstube saß, schnappte nach Luft. Sein Herz klopfte stark, die Erregung erfüllte ihn wie Dampf einen verschlossenen Wasserkessel. »Unsereins gerät in Ungnade, und so ein Verrückter wird zur abendlichen Tafel geladen. Ich verstehe es nicht.« Er sprang auf und begann, unruhig im Raum herumzulaufen.
Sophie stand am Schreibpult. »Soll ich Ihnen einen Tee kochen?«, fragte sie. »Er wird Ihren Nerven guttun.«
Quantz ging nicht auf ihre Frage ein. Er stellte sich ans Fenster und sah hinaus. Draußen herrschte blaues Zwielicht. »Ich habe das Gefühl, ich stehe am Galgen, habe schon den Strick um den Hals, und jeden Moment öffnet sich die Klappe …«
»Aber Herr Quantz …«, rief Sophie.
Er ging zu ihr und nahm ihre Hand, die sich angenehm warm anfühlte. Sofort fühlte er sich etwas ruhiger. »Sophie, ich bitte dich um einen Gefallen. Behandle mich nicht wie einen Dienstherrn.«
Sie senkte den Blick und errötete leicht. »Sie wollen wieder … Ich meine, jetzt?«
»Nein, das meine ich nicht. Und es tut mir leid, wenn du den Eindruck hast, ich hätte dabei meine Stellung ausgenutzt. Aber ich brauche einen Menschen, der mir hilft. Zu dem ich Vertrauen haben kann. Wie du weißt, hatte ich mir solches von meiner Frau erhofft. Ich habe sie zu einer Zeit geheiratet, als ich niemals geglaubt hätte, jemals einen Menschen so sehr zu brauchen wie jetzt. Sophie, ich bin alleine. Die anderen Musiker gehen mir aus dem Weg. Sie teilen ein seltsames Geheimnis. Ich bin sicher, es hat damit zu tun …, dass man mich aus dem Amt drängen will. Und es ist ihnen fast gelungen.«
»Aber wie kann ich da helfen?« Ihre Augen glänzten.
»Das weiß ich auch nicht. Aber ich werde verrückt, wenn ich mit niemandem darüber sprechen kann. Vielleicht ist das allein schon die Hilfe.«
»Wenn es das ist …«
»Setz dich. Ich kann es nicht mit ansehen, wenn du dastehst wie eine Magd.« Er deutete auf den Sessel.
»Aber das ist Ihr Platz.«
»Ich bin zu unruhig zum Sitzen.«
»Dann lasst mich erst ein Licht holen, es wird ja bereits dunkel.«
»Also gut.« Ihre dienende Rolle war ihr einfach nicht auszutreiben.
Quantz stellte sich wieder an das Fenster. Hinter der Häuserfront auf der anderen Seite des Kanals ragte der Turm der Nikolaikirche in den bläulichen Himmel.
Sophie kam zurück, einen Leuchter mit angezündeten Kerzen in der Hand. In diesem Moment lenkte etwas seinen Blick ab. Er dachte zuerst, die Flammen der Kerzen würden sich in der Fensterscheibe spiegeln, doch dann wurde ihm klar, dass das Licht aus einem Haus auf der anderen Seite kam. Aus dem Dachgeschoss des Abbruchhauses.
»Hast du das dort drüben gesehen?«, fragte er.
Sophie kam näher.
»Nein, lass die Kerzen, wo sie sind.« Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Und wer auch immer von dort drüben herüberschaute, brauchte nicht zu wissen, dass Quantz ihn entdeckt hatte.
»Was ist denn?«, fragte sie.
Jetzt war das Licht verschwunden. »Mir war so, als sei dort drüben jemand.«
»Das Haus wird abgerissen«, sagte Sophie. »Es ist unbewohnt.«
»Ob uns jemand von dort beobachtet?«
»Meinen Sie, das könnte sein?«
»Ich weiß nur, dass viele Menschen in Potsdam über uns Bescheid wissen. Und dieser Rat Weyhe war sofort im Bilde darüber, dass mich Andreas besucht hat …«
Sie gingen vom Fenster weg. Sophie setzte sich in den Sessel, und Quantz stellte sich an das Pult. Die kleine Melodie kam ihm wieder in den Sinn, die er in der Nacht erdacht hatte, als er den Unbekannten getroffen hatte und nach Bornstedt gefahren war. Er hatte schon geglaubt, die Eingebung sei endgültig dem Vergessen anheimgefallen.
Er griff zur Feder und schrieb die Melodie auf. Und wie sie so auf dem Papier stand, wurde sich Quantz ihrer Banalität bewusst. Ein aufsteigender Dreiklang. Eine Fanfare. Wieder einmal. Das war keine Musik, das war nur rohes Material. Obwohl ein anspruchsloser Musikhörer damit vielleicht zufrieden war. Aber nicht der König.
Plötzlich fiel ihm etwas auf. Auch das Thema, über das Bach vor einem Jahr improvisieren sollte, begann mit nichts Originellerem. Doch in diesem Fall war es genial – durch seine raffinierte und ausgewogene Weiterführung.
Das Bild von La Mettrie kam Quantz in den Sinn. Wie der Franzose, vom Opium angetrieben, Seite um Seite füllte und voller Befriedigung seine Werke schuf. Gottlose Werke, aber Werke. La Mettrie war produktiv. So produktiv, wie Quantz selbst in seinen besten Zeiten kaum gewesen war.
»Wollen Sie arbeiten?«, fragte Sophie. »Soll ich Sie allein lassen?«
Er legte die Feder hin. »Nein. Wir haben anderes zu tun. Ich habe anderes zu tun. Ich glaube, das Beste wird sein, wenn ich mich als ein guter Diener Seiner Majestät erweise und den König vor den Machenschaften dieses La Mettrie warne.«
»Welche Machenschaften meinen Sie?«
»Seine seltsamen Schriften. Seine wahnwitzigen Ideen. Kann es nicht sein, dass sich der König mit ihm eine Gefahr in seine Nähe geholt hat?«
»Sie glauben, er nährt eine Natter an seinem Busen?« Sie lächelte. Quantz musste lachen. Diese blumige Ausdrucksweise kannte er von Sophie nicht.
»Das sagte meine Tante immer«, erklärte sie.
Er nickte. »Sie hatte recht. Man muss stets auf der Hut sein, zu wem man Vertrauen hat. Das gilt für einen König erst recht.«
»Herr La Mettrie soll also die Natter sein?«
»Und wenn dem so wäre?«
Sie beugte sich nach vorn und strich sich nachdenklich mit dem Finger am Kinn. »Es wäre vielleicht nützlich, Seine Majestät darüber aufzuklären. Um dadurch wieder in seiner Gunst zu steigen. Doch den Verdacht, mit Deserteuren zusammenzuarbeiten und etwas mit dem Tod von Andreas zu tun zu haben, werden Sie damit auch nicht los.«
Sie hatte recht. Wenn er jetzt mit seinen Anschuldigungen gegenüber La Mettrie zum König ging, dann tilgte das nicht sein Misstrauen. Aber es wäre ein Anfang. Quantz betrachtete das dürftige Thema, das er auf dem Papier notiert hatte.
»Ich wollte, ich wäre so wie er«, sagte er. »So voller Schaffensdrang, dass ich täglich ein neues Konzert komponieren könnte. Aber das ist vorbei.«
»Sie klingen bitter, Herr Quantz.«
»Habe ich nicht allen Grund dazu? Ich gehöre bald zum alten Eisen. Und das ist das Schlimmste, was einem im Leben widerfahren kann. Dieses Sprichwort kommt aus meiner Familie. Mein Vater hat es immer im Munde geführt, und er wusste, wovon er sprach.«
»Hat er auch das Ansehen seines Dienstherrn verloren?«
»Nein. Er war Schmied.«
Da mussten Quantz und Sophie beide lachen, und es war, als löse die Heiterkeit etwas in ihm. Die plötzliche Fröhlichkeit stand Sophie gut. Was war sie doch für eine wunderbare junge Frau. Wenn er da an sein griesgrämiges Eheweib in Berlin dachte. Sophie war gerade einmal achtzehn Jahre – im allerbesten Heiratsalter. Quantz stach die Eifersucht bei dem Gedanken, dass sie einmal einen Ehemann finden würde.
»Mir scheint, Herr Quantz, Sie müssen etwas unternehmen. Sie müssen um Ihr Ansehen kämpfen.«
»Wie würdest du das anfangen?«
»Ich bin nur eine Frau, Herr Quantz.«
»Stell dir vor, du wärst an meiner Stelle.«
»Nun …« Sie lehnte sich zurück und sah zur Decke. »Suchen Sie nach Beweisen, nach Verbindungen. Sie haben es doch selbst schon gesagt. Wenn Sie Herrn La Mettrie verdächtigen, etwas Böses gegen den König im Schilde zu führen, dann sollte doch in seinen Schriften auch ein Hinweis dazu vorhanden sein.«
»Aber eben hast du gesagt, dass ein solcher Beweis mir nichts nützen würde. Ein Verdacht schließt den anderen nicht aus. Flecken auf der Weste des Franzosen beseitigen nicht den Schmutz auf meiner.«