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»Sie müssen es versuchen, Herr Quantz. Sie müssen mehr herausfinden.«

Es war richtig, was sie sagte. Aber trotzdem … »Womöglich ist es dafür schon zu spät«, sagte er.

»Warum?«

»Ich kann nicht noch einmal hinüber in die ›Goldene Krone‹ gehen und mich in der Unterkunft von Monsieur La Mettrie umsehen.«

»Aber die Gelegenheit wäre günstig. Sie haben doch selbst gesagt, dass er heute Abend im Schloss ist. Bei der königlichen Tafel.«

»Wenn uns von da drüben tatsächlich jemand beobachtet, wird man mich sehen. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, ist es nicht so leicht, in das Zimmer zu kommen, auch wenn La Mettrie nicht anwesend ist. Ich habe es einmal geschafft, aber da war Schulze dabei. Und leicht war es trotzdem nicht.«

»Ich denke, dann haben wir nur eine Möglichkeit.«

»Und welche?«

Sophie lächelte Quantz an. »Ich könnte es versuchen.«

»Das kannst du nicht. Es ist viel zu gefährlich. Und wie willst du in das Zimmer eindringen? Was geschieht, wenn du erwischt wirst?«

»Mir fällt schon etwas ein.« Jetzt strahlte ihr Gesicht wieder vor Fröhlichkeit, und Quantz begriff, was sie glücklich machte. Es war die Möglichkeit, ihm zu helfen.

***

»Endlich kehrt dort drüben Ruhe ein.«

Michael Kilian nickte. Sie hatten Quantz seit etwa einer Stunde genau im Blick. Es war sehr bequem auf dem Dachboden, und die Sicht war gut, denn die beiden Häuser waren etwa gleich hoch.

Der Flötenmeister des Königs war eine Weile unschlüssig herumgelaufen. Nach einer Weile war seine Magd aufgetaucht.

Die beiden Brüder hatten die Augen aufgerissen. Es war kein Geheimnis, dass Quantz und seine Sophie das Lager teilten. Man munkelte darüber. Doch so etwas mit eigenen Augen selbst zu beobachten – das war schon etwas anderes.

»Das werden wir nicht zu Gesicht bekommen«, sagte der junge Kilian, Johannes. »Wenn sie es tun, verziehen sie sich bestimmt in eine der Kammern. Und die können wir von hier aus nicht sehen.«

»Und wenn sie sich ein bisschen auszieht?«, entgegnete der Bruder. »Wäre ja auch schon was.«

Sie wurden enttäuscht. Quantz und Sophie redeten nur. Der Musikmeister ging ab und zu im Raum hin und her, während die Magd im Sessel saß. Es war ein seltsames Bild. »Sie ist doch nicht die Herrin, oder?«, fragte der junge Kilian.

Ab und zu kam Quantz ans Fenster und sah ihnen direkt ins Gesicht. Natürlich konnte er sie nicht erkennen, obwohl es den Anschein hatte. Schließlich gingen er und Sophie hinaus. Quantz löschte das Licht, und das Haus lag im Dunkeln.

»Das wird eine langweilige Nacht«, sagte der junge Kilian. »Wer übernimmt als Erster die Wache?«

»Keiner«, brummte der andere. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da noch was tut. Wir können uns aufs Ohr hauen.«

»Um noch mal beim Rat Weyhe aufzufallen? Kommt nicht in Frage.«

»Du hast recht. Losen wir’s aus.«

Michael bückte sich und sammelte zwei von den Holzspänen auf, die in der heruntergekommenen Mansarde auf dem Boden herumlagen. »Ich breche zwei Hölzchen. Ein langes und ein kurzes. Wer das kürzere zieht, der kann sich aussuchen, ob er die erste oder die zweite Hälfte der Nacht –«

»Still«, zischte Johannes. »Schau doch.«

»Was ist?«

Vor der Eingangstür des Quantzschen Hauses regte sich etwas. Die Brüder legten sich wieder in Position. Eine dunkle, schmale Figur war auf die Straße getreten, ein Tuch über Kopf und Schultern. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, sah sie sich um.

»Das ist Sophie«, brummte der alte Kilian. »Was will die nach Zapfenstreich noch draußen?« Die Magd eilte in Richtung Plantage. »Geh ihr nach.«

»Warum ich? Das müssen wir auslosen. Gib die Hölzchen.«

»Zum Teufel damit. Sie läuft uns davon. Los, hinterher!«

***

Sophie unterdrückte den Drang, sich umzudrehen und nachzuschauen, ob sie vielleicht tatsächlich jemand verfolgte. Es war nicht so wichtig. Jetzt kam es darauf an, dass sie nicht auf halbem Wege von einer Patrouille angehalten wurde. Denn das würde sie unter Umständen viel Zeit kosten. So viel, dass der Kammerherr vom Schloss zurückkam, bevor sie etwas ausrichten konnte.

Schulze schlief sicher noch nicht. Schon oft war sie abends zu ihm hinübergelaufen, um für Herrn Quantz etwas zu holen – Brot, eine Flasche Wein oder einen Krug Bier. Genau das sollte nun auch der Vorwand sein, unter dem sie die »Goldene Krone« besuchte. Dafür hatte sie eigens einen Korb mitgenommen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie die dunkle Plantage passierte. Ihr kam in den Sinn, was Herr Quantz über den seltsamen Unbekannten berichtet hatte. Was, wenn er immer noch dort im Dunklen zwischen den Bäumen wartete?

Endlich kam das Gasthaus in Sichtweite.

Sie lief schnell darauf zu und klopfte. Ein, zwei Minuten geschah nichts, aber Sophie hörte aus dem Inneren des Hauses Stimmen. Sie schienen aus der Gaststube zu dringen. Sie hämmerte erneut an die Tür, und endlich näherten sich Schritte. Drinnen rief jemand etwas: »Das wird die Patrouille sein. Und dann werden wir ja sehen …«

Schulze öffnete. Er sah zuerst ängstlich drein, doch er zeigte Erleichterung, als er Sophie erkannte. »Ach du bist es nur. Was willst du?«

»Etwas holen für Herrn Quantz. Kann ich hinein?«

»Das ist jetzt gerade nicht möglich«, hob der Wirt an, doch da hatte sich Sophie schon an ihm vorbeigedrängt. »Oh, da kommt junge Gesellschaft«, brüllte eine raue Stimme. »Ein Lob auf den Wirt, dass er uns so was beschert. Komm, Kleine, setz dich zu uns.«

In der Ecke saßen drei Soldaten inmitten einer Rauchwolke. Sie hatten Pfeifen im Mund und zwischen benutzten Tellern und Besteck Bierkrüge vor sich stehen. Keine anderen Gäste waren im Raum.

»Und Herr Wirt, bring uns gefälligst noch Bier. Jetzt geht die Nacht erst richtig los.«

Einer stand auf, ging schwankend auf Sophie zu und wollte sie am Arm packen.

»Was erlaubt Er sich?« Schulze stieß ihn weg.

Die anderen erhoben sich ebenfalls, lautes Stühlerücken erfüllte den Raum, einer zog den Säbel und ging auf Schulze los.

Sophie schrie auf und ging hinter den Tresen.

»Verlasst meine Stube«, schrie der Wirt, während er stocksteif zusah, wie der Soldat die Säbelspitze unter seiner Nase hin- und herbewegte. »Zapfenstreich ist vorbei. Ich werde mich bei Seinem Offizier beschweren.«

Die Soldaten sahen sich grinsend an. Ihre Gesichter glänzten. »Schau an, beschweren will Er sich«, sagte ein anderer von hinten. »Dabei kitzelt ihn der Kamerad nur ein bisschen. Aber vorher will Er sicher noch sein Geld haben, oder nicht? Und was ist nun mit dem Mädchen?«

»Vergesst die Zeche«, rief Schulze. »Hinaus.«

Sophie drückte sich durch die Türöffnung in die Küche, wo es bis auf das Licht, das von der Gaststube hereindrang, stockdunkel war. Am Tresen hinter ihr gab es ein Gerangel. Der Wirt versuchte immer noch, die Soldaten aufzuhalten.

Die Grenadiere mussten neu in der Garnison sein. Wahrscheinlich waren es Rekruten, die noch nicht wussten, wie ernst die Strafen waren, die einem Soldaten drohten, wenn er den Zapfenstreich ignorierte.

»Ihr werdet doch dem Mädchen nichts antun?«, rief Schulze, doch sie wischten ihn mit einem einzigen Stoß zur Seite. Sophie kauerte sich hinter einen Stuhl. Von der Küche aus gab es einen Ausgang auf den Flur, der wiederum zur Haustür führte. Wenn sie Glück hatte, konnte sie fliehen und an der nahen Hauptwache Hilfe holen. Doch dann war der Plan, an Herrn La Mettries Schriften zu kommen, dahin.

»Na, wo ist denn die Kleine?«, grölte es aus der Gaststube.

Einer kam in die Küche. Es war der Grenadier, der den Säbel gezogen hatte. Panik ergriff Sophie.