Die Menschen, die an ein jenseitiges Leben glauben, geben sich zweifellos verführerischen Einbildungen hin, die sie über das Sterben trösten, und dies tun sie umso intensiver, je unglücklicher sie in diesem Leben sind.
Herr La Mettrie hielt den Glauben an das jenseitige Leben also nur für Einbildung? Wer so dachte, der glaubte nicht an Gott, glaubte an keine höhere Moral, der glaubte an nichts, nur an sich selbst. Konnte ein solcher Mensch die Autorität des Königs anerkennen? Nein, eigentlich war auch das unmöglich.
Der Kammerherr La Mettrie spielte ein falsches Spiel. Hier stand es schwarz auf weiß!
Wer zuerst an seinen Körper denkt und dann an seinen Geist, der macht es wie die Natur – und welche Richtschnur wäre verlässlicher als sie?
Das war ja noch besser! Man sollte also den körperlichen Lastern den Vorzug vor der Nahrung des Geistes geben.
Theologen werden einwerfen: Wo kommen wir hin, wenn es weder Laster noch Tugend geben soll, weder Gut noch Böse, weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit in einem objektiven Sinn?
War das eine rein rhetorische Frage? Oder stellte La Mettrie sie ernsthaft zur Diskussion? In beiden Fällen war diese These eine Ungeheuerlichkeit. Es sollte weder Gut noch Böse geben? Kein Laster und keine Tugend? Keine Gerechtigkeit und keine Ungerechtigkeit? Also gab es auch keinen Unterschied zwischen dem Verhalten eines Verbrechers und dem eines vorbildlich handelnden Bürgers?
Quantz’ Herzschlag beschleunigte sich, so nervös machte ihn das Gelesene. Es war obszön, krank, illoyal, verwerflich. Da kam ihm der Gedanke, dass es sicher gefährlich war, diese Schriften bei sich aufzubewahren. Was, wenn die Soldaten sein Haus noch einmal durchsuchten? Und wenn man dann diese Texte bei ihm fand?
Immerhin schrieb La Mettrie Französisch – eine Sprache, die vielleicht manche Offiziere ganz leidlich beherrschten, aber sicher nicht die einfachen Grenadiere. Und es war ja nicht seine Handschrift. Das bot einen gewissen Schutz.
Quantz nestelte ein Schnupftuch hervor und tupfte sich die Stirn ab, auf der sich Schweiß gebildet hatte. Er blätterte weiter, kämpfte sich durch die fliegenden Buchstaben, die aussahen, als hätten sie keinen Umweg über irgendeine prüfende Instanz im Bewusstsein des Autors genommen, sondern als wären sie geradezu aus dem Gehirn auf das Papier geflossen.
Begeben wir uns zurück in unsere frühe Kindheit, und wir befinden uns dort, wo das Schuldgefühl entsteht …
Kindheit? Wie kam La Mettrie auf so etwas? Quantz bemühte sich, die folgenden Zeilen zu begreifen, in denen La Mettrie eine weitere unglaubliche These aufstellte: Erlebnisse in der Kindheit, sogenannte Prägungen, seien für das verantwortlich, was man als erwachsener Mensch als Gut oder Böse empfand. Und wenn man später Böses tat oder nicht gut handelte, obwohl es ja gar nicht böse sein konnte, weil es ja kein Gut und kein Böse gab – dann entstanden Schuldgefühle. Und Schuldgefühle hätte La Mettrie am liebsten sofort abgeschafft, denn in seinen Augen waren Schuldgefühle überflüssig.
Schuldgefühle sind nichts anderes als das Aufleben alteingeschliffener Gewohnheiten. Die ärgsten seiner Feinde trägt der Mensch also in seinem Inneren.
Darauf ritt La Mettrie immer und immer wieder herum: Es gab keine Schuld. Keine Regeln. Keine Moral. Nur diese angeblich völlig überflüssigen und lächerlichen Schuldgefühle, die La Mettrie auf Prägungen in der Kindheit zurückführte und von denen er mit seinen Schriften die Menschheit befreien wollte.
Quantz legte das Blatt erst achtlos zur Seite, doch dann besann er sich und sortierte die Bögen, auf denen die umstürzlerischen Zitate standen.
Wenn er am frühen Abend noch gezögert hatte, war er nun vollkommen sicher: Der König musste von diesen Ungeheuerlichkeiten erfahren. Natürlich wusste Seine Majestät, dass er sich einen lockeren Vogel eingefangen hatte. Das Buch, in dem La Mettrie behauptete, der Mensch sei eine Maschine, war ja bereits vor einiger Zeit gedruckt worden. Aber dieses neue Buch hier war gerade erst im Entstehen. Und darin wurde geistiger Umsturz vorbereitet.
Friedrich war tolerant, gewiss. Aber würde er auch Thesen zustimmen, die seine eigene Autorität untergruben? Die unter Umständen den Feinden Preußens in die Hände spielten?
Wer keine Schuldgefühle hatte, konnte ja auch einfach den König verraten. Er brauchte nur La Mettrie zu lesen, um zu dem Schluss zu kommen, dass Moral, Treue und andere Werte, die in einem Staatswesen unverzichtbar waren, nur auf Einbildung beruhten. Jeder konnte tun und lassen, was er wollte. Hauptsache, man war glücklich, Hauptsache, man fühlte sich wohl.
Jedes Verbrechen war nicht nur erlaubt, sondern sogar gerechtfertigt, weil es ja laut Herrn La Mettrie keines war. Diebstahl, Mord, Verrat. Nicht nur Verrat – auch Desertion!
Der Franzose war also definitiv schuldig. Als geistiger Drahtzieher, wie hier zu lesen war.
Oder sogar darüber hinaus?
Quantz’ Wangen glühten vor Aufregung. Er war auf der sicheren Seite. Der Franzose war überführt. Er würde sich nicht herausreden können. Quantz hatte den Frevler in der Hand.
Doch irgendetwas sagte ihm, dass dies hier nur der Anfang war. Ein Stück von einer großen Hofintrige, die wahrscheinlich noch weitere Kreise zog und die auch den Mord an Andreas Freiberger, den Tod des Soldaten Trakow und die Desertion dieses Sperbers berührte. Ganz sicher. Es konnte gar nicht anders sein.
Er arbeitete fieberhaft weiter und fand voller Befriedigung immer neue verwerfliche Zitate. Da stieß er auf anderes Papier in einem anderen Format. Eine andere Schrift. Es war ebenfalls Französisch, aber es schien sich nicht um ein philosophisches Traktat zu handeln, sondern um eine Erzählung.
Eradice kniete auf dem Fußboden; ihre Arme hatte sie über den Fuß ihres Betschemels gekreuzt, und ihren Kopf stützte sie auf die Arme. Ihr Hemd war sorgfältig bis zum Gürtel aufgehoben, und ich konnte halb von der Seite ihren Hintern und eine Rückenlinie von herrlicher Schönheit sehen. Dieser lockende Anblick fesselte die Aufmerksamkeit des ehrwürdigsten Vaters, der sich selber auf die Knie geworfen hatte. Er hatte die Beine seines Beichtkindes zwischen die seinigen geklemmt, seine Hosen hatte er heruntergelassen, in der Hand hielt er seinen schrecklichen Strick, und in dieser Stellung murmelte er einige unverständliche Worte.
In dieser erbaulichen Stellung verharrte er einige Augenblicke; er musterte den Altar mit glühenden Blicken und schien unentschlossen zu sein, in welcher Form er das Opfer darbringen wollte.
Einen Moment stockte Quantz der Atem. Sein Mund wurde trocken. Er blätterte in den Bögen herum, fand aber keinen Hinweis, von wem der Text war. Doch dann erinnerte er sich an die Unterhaltung der beiden Franzosen in der Kutsche nach Berlin.
D’Argens hatte von dem Roman berichtet, an dem er gerade schrieb. Die Geschichte von dem Priester, der ein Mädchen verführte, indem er behauptete, sein Penis sei eine heilige Reliquie – der Strick des heiligen Franziskus. Dies hier mussten Ausschnitte aus dem Roman sein.
Zwei Mündungen boten sich ihm; ungewiss, welche er wählen sollte, verschlang er sie beide mit den Augen. Die eine war ein Leckerbissen für einen solchen Kuttenträger; aber er hatte seiner Büßerin Wonne, Verzückung versprochen. Wie sollte er’s also anfangen? Mehrere Male wagte er es, mit der Spitze seines Werkzeugs leise an die Lieblingstür zu pochen; endlich aber war die Klugheit stärker als die Lust. Ich muss ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen: Ich sah deutlich den rötlichen Priap Seiner Ehrwürden den kanonischen Weg einschlagen, nachdem der fromme Herr mit dem Daumen und Zeigefinger jeder Hand die rosigen Schamlippen zart zur Seite geschoben hatte.