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Hinter Quantz’ Entrüstung meldete sich eine dumpfe Erregung und rieselte durch seine Adern. Er riss sich zusammen. So etwas durfte nicht geschrieben, geschweige denn gedruckt werden.

Er stand auf, ging im Zimmer umher und schüttelte die Bilder ab, die sich vor seinem geistigen Auge materialisiert hatten, als sei er selbst der Beobachter dieser schmutzigen Episode gewesen. Er konzentrierte sich auf das Manuskript selbst, darauf, wie es geschrieben war.

D’Argens war kein hemmungsloser Schreiber wie La Mettrie. Seine Schrift war ordentlicher, er ließ einen kleinen Rand, wo sein Landsmann Anmerkungen hinterlassen hatte. La Mettrie schien das Manuskript also gegenzulesen. Er fungierte als literarischer Berater.

Quantz, dem es endlich gelungen war, die vibrierenden Empfindungen im Zaum zu halten, jubelte innerlich. Mit diesen beiden Dokumenten hatte er einen Griff mitten hinein in die Machenschaften getan, die die Franzosen ausbrüteten.

Wie konnte er nun dem König am effektvollsten seine Erkenntnisse präsentieren? Es kam darauf an, Seine Majestät in einem Moment abzupassen, in dem er ihm auch ganz bestimmt zuhörte. Die Zeit drängte. Wer weiß, was die Herren Franzosen hinter seinem Rücken in die Wege leiteten, wenn La Mettrie den Diebstahl der Papiere bemerkte?

Aber wie kam er an den König heran? Über Fredersdorf? Oder sollte er Seiner Majestät direkt einen Brief schreiben?

Quantz’ Blick fiel auf das Notenpult, wo schon so lange das Fanfarenthema auf seine Ausarbeitung wartete.

Wie wäre es, wenn er Friedrich nicht nur die Dokumente seiner verschwörerischen Feinde übergab, sondern gleichzeitig ein neues, prächtiges Konzert? Und am besten dazu die neue Flöte? Das wäre der Effekt, der angemessen war.

Quantz stellte sich alles in bunten Farben vor: Er setzte Seine Majestät diensteifrig von den Umtrieben an seinem Hof in Szene. Friedrich als gerechter König belohnte ihn dafür. Und dann holte Quantz die neue Flöte und das neue Konzert hervor und legte es seinem König im wörtlichen Sinne zu Füßen. Keinen einzigen Taler verlangte er dafür. Seine Majestät sollte auf keinen Fall glauben, es gehe ihm um Geld.

Nein – es ging ihm um die Werte, die La Mettrie so sehr mit Füßen trat: Treue. Tiefe Ergebenheit. Loyalität. Allein die Ehre, seinem König zu dienen, ihn vor Verrat zu schützen, war Lohn genug.

Quantz erwachte aus seiner Vision. Zuerst musste er dazu das neue Konzert schreiben und die neue Flöte bauen. Das würde viel zu viel Zeit brauchen. Das Instrument konnte bis morgen Mittag fertig sein, aber das neue Musikstück … Ein Gefühl der Ohnmacht überfiel ihn, das auch die letzten Reste der Euphorie vertrieb. In seinem Kopf war nur Dürre. Da war nicht die geringste Idee.

Er ging zurück zu seinem Sessel und ließ sich nieder. Da fiel sein Blick auf die kleine Flasche, die Sophie mitgebracht hatte.

Sie hatte nicht nur mit diesen Schriften reiche Beute gemacht, sondern auch die Opiumtinktur mitgehen lassen, die das Geheimnis von La Mettries unglaublicher Produktivität sein musste.

Quantz stellte sich vor, seine Musik zu schreiben wie der Franzose seine Abhandlungen. Ein Sturz von Noten auf das Papier zu bringen wie ein Wasserfall. Ein Konzert, das in der kurzen Zeit fertig war, die man brauchte, um es nur hinzuschreiben. Also in etwa zwei, drei Stunden. In rasender Eile, gepackt von wahren Strudeln der Inspiration.

Aber wie wirkte dieses Opium? Konnte es Einfälle eingeben? Wie war das möglich?

Er nahm die Flasche in die Hand, bewegte sie ein wenig und ließ die dunkle Flüssigkeit darin herumschaukeln.

In seinem langen Leben als Komponist war es ihm schon oft so vorgekommen, als fände nicht er die Ideen für neue Werke, sondern als kämen die Ideen zu ihm – wenn er ihnen die Möglichkeit ließ. Denn manchmal war ihm, als hätte er selbst Schuld daran, dass die Tore, durch die ihm die Einfälle zuflogen, verschlossen waren. Aber es gelang ihm nur unter großer Mühe, sie zu öffnen. Wenn ihn nichts ablenkte. Wenn ihm nichts Angst machte. Wenn er gelassen in sich ruhte. Wenn er sich einbildete, die Musik sei keine Arbeit und kein Dienst, sondern ein Spiel.

Opium, das ja angeblich auch bei starken Schmerzen half, war nichts anderes als ein Mittel, das zu dieser Entspannung führte. Ähnlich wie ein Glas Wein, das Quantz sich gelegentlich genehmigte, wenn die Arbeit stockte. Allerdings vernebelte der Wein ihm den Geist und verbesserte zwar seine Fähigkeiten auf der einen Seite, auf der anderen jedoch schwächte er sie um dasselbe Maß.

Quantz musste alles auf eine Karte setzen, bevor seine Feinde zum nächsten Schlag ausholten. Ihm blieb nur diese Nacht, um das Opium zu versuchen. Wie auch immer es wirkte – entweder hatte er morgen ein neues Konzert oder nicht. Wenn nicht, hatte er nichts verloren. Wenn doch, hatte er La Mettrie mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Dieser Gedanke gefiel ihm außerordentlich.

Er öffnete die Flasche, nahm ein leeres Weinglas vom Pult und ließ etwas von der Tinktur hineinlaufen. Sicher war es besser, den Versuch nur mit einer kleinen Menge durchzuführen.

Er hatte die Flüssigkeit in La Mettries Glas gesehen. Bei dem Franzosen war es eine Lösung mit einem rötlichen Schimmer gewesen. Quantz beließ es bei der kleinen Probe und goss sie mit Wasser aus der Karaffe auf. Er ließ das Glas in seiner Hand rotieren. Nun sah der Inhalt fast aus wie ein Roséwein, nur ein wenig bräunlicher.

Er führte das Glas zum Mund und steckte die Zunge in die Lösung. Die bittere Empfindung entfaltete sich erst Sekunden später. Sie hinterließ einen Nachgeschmack nach süßlichen Kräutern, der Quantz fremd und exotisch vorkam. Jedenfalls war er mit keinem der Kräutertees zu vergleichen, die Sophie manchmal zubereitete.

Er setzte sich wieder in den Sessel, das Glas in der Hand, die kleine Melodie vom Schreibpult im Ohr. Immer wieder nahm er einen Schluck, unterdrückte das bittere Beißen und nahm sich vor, erst dann mit klarem Wasser nachzuspülen, wenn er alles getrunken hatte.

Die Melodie in seinem Ohr wiederholte sich, drehte sich im Kreise. Immer und immer wieder. Sie löste sich von dem Notenbild, das er gewöhnlich vor seinem inneren Auge sah, wenn er sich Musik ausdachte. Er konzentrierte sich ganz auf den Klang. Ein großes Streichorchester spielte mit vollem, sonorem Klang. Die Violinen glänzten in hohen Lagen. Eben hatten die Musiker das Motiv noch in strahlendem D-Dur gespielt, jetzt ließ er sie eine melancholische e-Moll-Version ausprobieren. Dann eine in A-Dur, und – nach einer phantastisch klingenden, harmonischen Verschiebung – nach C-Dur. Er beherrschte seine imaginäre Hofkapelle wie ein Gott die Welt.

Warum habe ich immer so sehr auf die Linien gestarrt beim Komponieren? Ich bin frei, ich allein bin der Monarch im Reich der Klänge. Und ich beherrsche, was der König spielt. Ich lasse ihn mit demselben Motiv einsetzen, lasse die königliche Flöte flattern wie einen Vogel.

Ihm kam der Gedanke, dass Seiner Majestät diese Passage nicht gefallen würde, denn sie war sehr schwer, und der König würde schon ein paar Tage daran üben müssen.

Egal. Dieser kleine Stich war die subtile Rache dafür, dass der König ihm nicht weiter vertraut hatte.

Er schloss die Augen. Das Fanfarenthema erhob sein Haupt in großer Pracht. Das erste Motiv endete mit einem kühnen Oktavsprung nach unten, der sozusagen ein kraftvolles Ausrufezeichen setzte, während der Bass in geschwindem Triolengemurmel diese Melodie begleitete.

Der arme Bach würde am Klavier diese Stelle mit der linken Hand spielen müssen. Und diesmal würde er nicht seine Nase hochziehen und so tun, als habe er ein Kinderlied auf dem Notenpult liegen. Das hier war richtig virtuos. Die Melodie griff die Triolenbewegung auf, schraubte sich mutig höher und höher, verstieg sich in hakelige Synkopen, und das über eine lange Strecke – zehn, fünfzehn, zwanzig Takte, ohne den Schwung zu verlieren. Schließlich fuhren alle im kraftvollen Unisono dahin und lieferten dem Flöteneinsatz des Königs ein prachtvolles Portal. Sogar die zwei Schläge Pause, in der am Ende des Orchestervorspiels der D-Dur-Akkord verklang, waren wie ein Atemholen vor dem Auftritt des Herrschers, der nun das Motiv mit seinen reichen Arabesken anstimmte.