Der König hatte allen Grund, diese Pracht auszukosten. Hatte ihm nicht sein Kammerkompositeur gerade die ärgsten Feinde vom Leibe gehalten? Das Natterngezücht, das sich erdreistete, dem König und seiner Herrlichkeit selbst nahe zu sein … sein Vertrauen zu erschleichen, um dann hinterrücks in bösen Schriften seine Herrlichkeit zu verdunkeln … sie zu untergraben … an dem Baum zu sägen, dessen verzweigte Krone Preußen war …
Quantz badete in den Klängen, die sein inneres Ohr hervorbrachte. Etwas sagte ihm, dass er sich besser an sein Pult begebe, um sie aufzuschreiben. Aber nein, es war zu schön, sie einfach nur zu hören und sich an dem Gefühl zu laben, ein Schöpfer zu sein.
Die Musik umströmte ihn, wie sie es früher, vor vielen Jahren, getan hatte, als er noch davon geträumt hatte, Musiker zu werden, und als er keine Nacht eingeschlafen war ohne die wunderbarsten Melodien im Ohr.
Es war nur einem zu verdanken, dass wieder Ordnung herrschte im Lande. Einem Helden, dessen Verdienst darin bestand, selbstlos und mutig die Augen offen zu halten und wachsam zu sein – und das obwohl er bereits alles Wohlwollen des Königs verloren zu haben schien.
Er griff das Glas und trank den Rest der Medizin. Da lagen die Papiere des verhassten Franzosen und seines schweinischen Landsmannes. Quantz erhob sich. Er fühlte sich wunderbar leicht und kräftig.
Die schlimmsten Stellen, die dieser La Mettrie, dieser selbst ernannte Philosoph niedergeschrieben hatte, hatte er ordentlich gesammelt. Sie warteten nur darauf, Seiner Majestät vorgelegt zu werden. So schnell wie möglich. Das Konzert konnte er später noch komponieren. Hier ging es nicht um Musik, hier ging es darum, dass der Staat in Gefahr war.
Und Quantz war bereit.
Er war stark.
Er war der Held Preußens.
Ihn streifte die Ahnung, dass es später Abend war, dass der Monarch vielleicht nicht bereit war, ihn anzuhören. Doch er erstickte diesen Einwand der leisen inneren Stimme im Keim. Der König erwartete stets den selbstlosen Dienst von seinen Untergebenen. Und er, der sich selbst als erster Diener des Staates bezeichnete, konnte folglich gar nicht anders, als selbst allzeit bereit zu sein. Auch in der Nacht. Am frühen Morgen. Immer. Der König war ein leuchtendes Beispiel. Er schlief fast nie. Er arbeitete ohne Unterlass für das Wohlergehen seiner Untertanen.
Und so spielte es keine Rolle, ob es Mittag oder tiefe Nacht war, wenn Quantz ihm die enthüllenden Papiere vorlegte.
Noch immer schäumte in ihm die Musik. Es rührte ihn geradezu, dass ihm da gerade eines seiner besten Werke gelang. Er beschloss, ihm einen Namen zu geben.
Für den König! Pour Frederic!
Nein, für den König waren alle Konzerte, die er schrieb. Das war allgemein bekannt.
Dieses Konzert war für Potsdam, für die Rettung dieser herrlichen Residenz. In seinen marschartigen Fanfaren spiegelte sich alles, was Potsdam ausmachte, was Potsdam war. Die militärische Zucht. Die schönen Künste. Die Schlösser – Sanssouci allen voran, die herrlichen Terrassen seines Parks, die Blumen, Bäume und Vögel. Ein irdisches Paradies, in dem ein gnädiger, intelligenter, kunstliebender, mutiger Herrscher den Ton angab. All das entwuchs Friedrichs Flöte, die in ihren weitläufigen Passagen die Fanfarenmotive mit verspielten, girlandenartigen Triolenketten mischte.
Schließlich war der erste Satz vollständig an Quantz vorbeigezogen. Ein letzter Triller, ein mächtiger Akkord. Die Musik verhallte. Er stand da mit den Schriften der Franzosen in der Hand.
Jetzt war es an ihm, zu handeln.
Der König erwartete ihn.
***
Michael, der alte Kilian, erwachte, als Lärm von der Straße heraufdrang. Pferdehufe klapperten auf dem Pflaster, Räder rollten. Ein Kutscher rief Befehle.
Er erhob sich und blickte nach unten. Es war ja noch stockdunkle Nacht. Was sollte der Lärm? Eine schwarze Kutsche stand vor der Haustür des Kammermusikers. Gerade kam Quantz durch die Tür und stieg ein. Die Magd wartete mit einer Lampe in der Hand.
Der alte Kilian trat seinem schnarchenden Bruder in die Seite. Johannes erhob sich schlaftrunken.
»Was ist?«
»Herr Quantz verlässt das Haus.«
Der junge Kilian sah sich um. »Wurde schon zum Appell gerufen?«
»Nein, es ist noch Nacht.«
»Was? Wo will er dann hin?« Johannes kam ebenfalls ans Fenster.
Unten stieg Quantz gerade ein. Die Magd stand in der geöffneten Tür, rang die Hände und rief etwas, was hier oben nicht zu verstehen war.
»Es hilft nichts, wenn wir hier stehen und glotzen. Wir müssen hinterher.«
»Die haben doch Streit, oder?«, sagte Johannes. »Ich frage mich, warum.«
»Das ist jetzt egal. Er hat irgendwas vor. Wir müssen dem Rat Meldung machen.«
»Willst du wieder Hölzchen ziehen?«
Unten fuhr die Kutsche los. Sophie rief ihr noch etwas hinterher und rang die Hände.
»Ich kann schneller laufen«, sagte der alte Kilian. »Ich folge der Kutsche. Du gehst zum Schloss, weckst den Rat und machst Meldung.«
»Du willst zu Fuß eine Kutsche verfolgen?«
»Irgendwo müssen sie an ein Tor kommen. Oder Quantz’ Ziel liegt innerhalb der Stadtmauern. Dann bleibt die Kutsche irgendwo stehen. Ich schaffe das schon. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Er eilte die Treppe hinunter. Die Straße war leer. Die Magd war offenbar ins Haus zurückgekehrt. In der Ferne verloren sich die Geräusche der Kutsche – irgendwo in Richtung der Plantage.
Kilian rannte los. Am Kanal legte der Fuhrmann zum Glück nur Schritttempo vor, und Kilian hätte das Gefährt leicht einholen können. Doch er blieb lieber im Hintergrund und ging eng an den Häuserfassaden entlang.
An der Waisenstraße bog die Kutsche nach links ab. Kilian wartete einen Moment, bis sie um die Ecke verschwunden war, rannte dann hinüber und sah noch, wie Quantz in Richtung des Brandenburger Tors einbog.
Er wollte gerade loslaufen, da hörte er von jenseits der Häuser, wie der Kutscher die Pferde anhielt. Männerstimmen hallten zwischen den Fassaden. Offenbar hatte sich eine Patrouille der Kutsche in den Weg gestellt.
Langsam näherte Kilian sich der Ecke und blickte in Richtung des Tors. Ein paar Soldaten standen um die Kutsche herum. Das Gefährt beugte sich ein wenig zur Seite, und Quantz stieg aus. Jetzt war seine Stimme zu hören. Laut und deutlich hörte Kilian die Worte »Majestät« und »Gefahr«.
Dann erwiderte der Offizier etwas, Quantz antwortete, und schließlich stieg der Musikmeister wieder ein. Die Kutsche fuhr weiter in Richtung des Tors.
Kilian ließ einen weiten Abstand zwischen sich und Quantz mit der Eskorte. Wenigstens lief er nicht Gefahr, der Wache in die Quere zu kommen. Der Blick bis zum Tor war frei. Lampen beleuchteten den kleinen Platz davor.
Ein weiterer Wortwechsel fand statt, diesmal mit der Torwache. Quantz stieg wieder aus und sprach im Wachhaus vor. Es dauerte ein paar Minuten. Die Soldaten, die draußen geblieben waren, standen unschlüssig herum. Sie konnten ihre Patrouille nicht fortsetzen, denn ihr Anführer war ebenfalls im Wachhaus verschwunden. Der Kutscher auf dem Bock gähnte nur mehrmals ausgiebig.
Hoffentlich hatte Johannes Weyhe schon Bescheid gesagt. Doch eigentlich würde ihm das ja gar nichts nützen. Die beiden wussten ja nicht, wohin Quantz aufgebrochen war. Wollte der Musikmeister wieder nach Bornstedt? Dorthin war er auch in stockdunkler Nacht gefahren. Am Ende hatte es gebrannt, und der flüchtige Lakai war tot gewesen.