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»Er schreibt von …«, es dauerte eine Weile, bis Quantz die Stelle gefunden hatte, »… von Selbstvorwürfen, vom schlechten Gewissen … und er streitet es ab. Ach nein, er schreibt …«, er hatte die Stelle gefunden, »… dass Schuldgefühle überflüssig sind.«

Er atmete tief durch und sah den König an. Der reagierte ganz anders, als Quantz es erwartet hatte. Weder empört, geschweige denn böse. Er reagierte überhaupt nicht. Er sah Quantz an und sagte, ohne ihn aus den Augen zu lassen: »Monsieur La Mettrie, was sagen Sie dazu? Haben Sie das geschrieben?«

»Majestät«, sagte der Franzose, »ich frage mich, auf welchen Wegen der Herr Kammermusiker an das Manuskript gekommen ist.«

»Bitte beantworten Sie meine Frage. Das andere klären wir später.«

Erleichterung durchströmte Quantz. Der König war auf seiner Seite. Er tadelte La Mettrie. Sehr gut.

Der Franzose schüttelte den Kopf. »Es sind meine Gedanken, Eure Majestät. Wir haben darüber gesprochen: Das Glück ist das höchste Gut, aber die Folge daraus ist – wie ich in dieser Schrift darlegen möchte – nicht etwa Unmoral, sondern ganz im Gegenteil Verantwortungsbewusstsein. Nur glückliche Menschen sind Menschen, die sich ein klares Urteil darüber bilden können, was richtig und was falsch ist. Wer unter dem Druck einer fremden Gewalt Entscheidungen treffen muss, ist nicht nur unglücklich, sondern auch unfrei. Und so wird seine Entscheidung ohnehin nie die richtige sein, sondern eine, die lediglich die Qual seines Jochs verringert. Und daher –«

»Danke, Monsieur«, sagte der König und machte eine abwehrende Handbewegung über das glänzende Geschirr hinweg. »Das reicht.« Noch immer hielt er Quantz im Blick. »Was sagen Sie nun dazu, Herr Kammermusiker? Haben Sie ein Gegenargument?«

Quantz versuchte zu rekapitulieren, was La Mettrie gesagt hatte. Der Wortschwall war an ihm abgeprallt. Worum war es da gegangen? Verantwortung? Entscheidungen? Das waren Vokabeln, die in den Manuskripten nicht vorgekommen waren. Und was hatte das nun mit dem Glück zu tun? Ihm schwirrte der Kopf. »Aber es ist unmoralisch, wenn die Menschen tun und lassen können, was ihnen beliebt«, rief er.

»Ich habe gar nicht geschrieben, dass die Menschen tun und lassen können, was ihnen beliebt«, sagte La Mettrie. »Und ich muss Ihnen sagen, mein Herr, was Sie dort in den Händen halten, ist kein fertiges Werk, sondern ein Entwurf. Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig, aber ich erkläre es Ihnen gern: Seine Majestät hat mich an den Hof geholt, um mit ihm zu philosophieren. Welchen Sinn hätte es, wenn ich meinen Gedanken, die ich ja zum Philosophieren brauche, nicht freien Lauf lassen dürfte? Das wäre ja, als würde ich Ihnen vorschreiben, welche Noten Sie zu Hause zu Papier bringen.«

»Haben Sie das verstanden, Herr Quantz?«, fragte der König, immer noch die Ruhe selbst.

»Aber Eure Majestät! Es ist nicht das einzige Schändliche, was in diesen Schriften steckt. Schauen Sie. Monsieur La Mettrie und Monsieur d’Argens arbeiten gemeinsam an einem Roman über die Notzucht an einem jungen Mädchen durch einen Priester, die auch noch in aller Ausführlichkeit geschildert wird. Eine schändliche und äußerst schmutzige Geschichte –«

»Die in keinem Teil erfunden ist, sondern auf Wahrheit beruht«, meldete sich jetzt d’Argens zu Wort. »Eure Majestät, bitte beenden Sie dieses Possenspiel. Herr Quantz muss entweder verrückt oder betrunken sein, oder auch beides. Wie kann er hier einfach hereinplatzen und uns, Ihre Gäste, so beleidigen? Er beleidigt damit auch Sie!«

Der König verzog den Mund zu einem matten Lächeln. »Vielleicht handelt er nur nach dem, was Monsieur La Mettrie in seinem Buch propagiert: Er sucht sein Glück. Andere zu diffamieren sorgt bei ihm vielleicht für Wohlbefinden. Ich wundere mich selbst darüber. Herr Quantz verhält sich in letzter Zeit sehr merkwürdig, das muss ich schon sagen.«

»Eure Majestät«, rief Quantz. »Ich wollte Ihnen ein guter Diener sein und Ihnen zeigen, dass an Ihrem Hof etwas vorgeht, dass Eure eigenen Maßstäbe untergräbt.«

»Was wissen Sie von meinen Maßstäben, Herr Quantz?«

»Aber schauen Sie doch dieses Buch an –«

»Majestät, darf ich noch etwas sagen?«, rief d’Argens dazwischen. »Meine Absichten bei diesem Roman dienen dazu, die Niedertracht und die doppelbödige Moral der Kirche zu entlarven. Welches Blendwerk treiben diese katholischen Pfaffen mit ihrer Heiligenverehrung, mit den Reliquien? Und es ist geradezu grotesk, dass es diesem angeblichen Priester gelungen ist, ein junges Mädchen zu verführen, indem er ihm klarmachte, sein Geschlechtsteil sei der Strick des heiligen Franziskus.«

»Sie behaupten nur, die Geschichte sei wahr«, sagte Quantz, »dabei ist sie doch Ihrer Phantasie entsprungen, die man nicht anders als –«

»Passen Sie auf, was Sie sagen, Herr Kammermusiker«, fuhr d’Argens auf. »Diese Geschichte ist ganz und gar nicht erfunden, sondern beruht auf Tatsachen. Sie ereignete sich vor gut zehn Jahren in Frankreich. Der Verführer war der Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard, das Opfer das Mädchen Marie-Catherine Cadière. Ganz Europa hat über diesen Fall in den Zeitungen gelesen, außer Ihnen offenbar. Aber Sie sehen, es geht mir nur um Kritik an der Kirche.«

»Sie werden das Ganze aber doch auch von der lächerlichen Seite aus betrachtet haben?«, fragte der König. »Ich meine, die Komik kommt doch in dem Buche nicht zu kurz? Und ein wenig Voyeurismus ist auch dabei? Habe ich recht?«

»Deshalb gab ich den Text Monsieur La Mettrie zu lesen. Komik zu erzeugen ist eine schwere Sache. Oft zünden die Effekte nicht, und so braucht es einen klugen Geist, der die Geschichte gegenliest.«

»Und ich hoffe, Sie sparen auch nicht mit erotischer Delikatesse, mein Freund?«

D’Argens lächelte. »Aber nein, nicht im Geringsten. Schließlich dient ein Roman nicht nur der Erkenntnis und der Erbauung, sondern auch der Unterhaltung.«

Quantz fühlte sich, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, als hinge er hilflos in der Luft. Der König gab einem der an den Wänden bereitstehenden Lakaien einen Wink und erhob sich. Sofort stand auch die ganze Tischgesellschaft auf.

»Nehmen wir den Kaffee«, sagte Friedrich, immer noch erstaunlich ruhig und ohne Quantz eines Blickes zu würdigen. »Es ist angerichtet.«

Die Gäste verließen den Raum in Richtung der königlichen Gemächer. Quantz wusste nicht, was er tun sollte.

»Darf ich mich zurückziehen, Majestät?«, fragte er.

Der König sah zu ihm auf. »Zurückziehen? Mein lieber Quantz, nach dem, was Sie sich hier geleistet haben, könnten Sie sich in eine Festung zurückziehen, für mindestens zehn Jahre. Aber Sie kommen erst mal mit.«

Der Monarch schritt voraus. Es ging durch das schmale Audienzzimmer in das Musikzimmer, wo sich die Gäste versammelt hatten und stehend den Kaffee einnahmen. Quantz blickte sich in der Runde um. Man ignorierte ihn und plauderte, die Tassen in der Hand.

Der dicke Herr von Pöllnitz war vor dem Hammerflügel stehen geblieben. Die Kaffeetasse in der Rechten, öffnete er mit der Linken die Klappe über der Tastatur und versuchte, mit seinen Wurstfingern eine Melodie zu spielen. La Mettrie betrachtete die Wandgemälde, während Algarotti unverhohlen in den Noten blätterte, die auf dem Pult lagen.

Der König nutzte den Ort des allabendlichen Konzerts, um mit den Gästen Kaffee zu trinken!