Выбрать главу

Das hatte Quantz nicht gewusst. Es war wie eine Befleckung. Bisher hatte er immer gedacht, die Musik gelte dem König mehr als anderen Herrschern, sie sei etwas Privates, etwas Intimes, und so sei auch dieser Raum genau diesem Privaten und Intimen vorbehalten.

»Brauchen Sie eine Einladung auf Büttenpapier?«, zischte der König. Er hatte sich zu Quantz umgedreht, der aus seiner Erstarrung erwachte. Es ging weiter in das Arbeitszimmer. Ein Lakai schloss die Tür. Das Gemurmel der Gäste nebenan wurde leiser. Quantz war mit dem König allein.

»Schauen Sie mich an«, sagte er.

Quantz gehorchte.

»Und jetzt hauchen Sie.«

»Was? Ich meine, wie bitte –?«

»Hauchen. Mir ins Gesicht. Machen Sie schon.«

Quantz atmete eine Handbreit vom König entfernt aus, der daraufhin den Kopf schüttelte.

»Schade«, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Sehr schade, Quantz. Ich hatte noch die Hoffnung, Sie seien besoffen. Aber das ist wohl nicht der Fall. Sie haben bei völlig klarem Verstand Kammerherren verleumdet und mich vor meinen Gästen blamiert.«

»Es ist alles ein schrecklicher Irrtum, Majestät.«

»Ein Irrtum? Von Ihnen? Den Eindruck hatte ich nicht.« Friedrich stand wieder auf, offenbar von innerer Unruhe getrieben. »Welcher Teufel hat Sie nur geritten? Sich einzumischen, was meine Kammerherren für einen Schund schreiben! Kennen Sie mich denn so schlecht? Sie müssten doch wissen, dass in meinem Staat jeder nach seiner Fasson leben kann. Was interessiert es mich, ob La Mettrie an eine Seele glaubt? An ein ewiges Leben? Ob er die Religion respektiert? Haben Sie mich jemals beim Gottesdienst gesehen? Ich meine, seit ich den Fängen meines frömmelnden Vaters entkommen bin, als er für immer die Augen schloss? Da sehen Sie doch, dass La Mettrie recht hat: Unter Zwang fällt man falsche Urteile. Ich bin erst der geworden, der ich bin, als mein Vater gestorben war, als ich frei und selbstständig entscheiden konnte –«

In Quantz’ Gedanken drängte sich etwas, das er ebenfalls in dem Manuskript gelesen hatte. Die Idee, dass die frühe Kindheit eine Rolle spielte. Dass Menschen geprägt wurden. Irgendwie passte das nicht zu der Rede, die der König hier führte, aber Quantz war weit entfernt, den Mund aufzumachen und einen neuen Disput zu beginnen. Es würde ihm ja sowieso nichts mehr nutzen.

»Aber was rede ich da?«, fuhr der König fort. »Was geht Sie das überhaupt an? Sprechen wir einmal von Ihnen. Was reitet Sie, dass Sie hinter jeder Ecke Feinde vermuten? Werden Sie alt, Quantz? Sicher, Sie sind über fünfzig. Es tut mir weh, auf einen so fähigen Flötenmeister und Kammermusikus verzichten zu müssen, aber ich denke, es bleibt mir nichts anderes übrig. Und wenn Sie beginnen, den Verstand zu verlieren, erst recht.«

»Majestät«, sagte Quantz. »Bei allem Respekt …«

»Sehen Sie eine andere Möglichkeit? Versetzen Sie sich in meine Lage.« Der König trat zur Tür. »Warten Sie einen Moment.«

Er verließ den Raum und ging nach nebenan zu den Gästen. Quantz stand mitten im Allerheiligsten des Königs. In Friedrichs Arbeitszimmer. Allein. Im Aktenschrank neben dem Schreibtisch lagen sicher wichtige, auch geheime Akten. Es war kein Lakai zugegen, der Quantz daran hätte hindern können, etwas an sich zu nehmen. Das konnte doch nur bedeuten, dass Seine Majestät noch Vertrauen zu ihm hatte.

Doch wie ein Stich traf Quantz die Erkenntnis, dass es genau andersherum war: Man würde ihn gleich von hier aus in ein Gefängnis bringen, nach Spandau oder sonst wohin. Man würde ihn durchsuchen, man würde ihm andere Kleidung geben. Man würde merken, wenn er etwas hatte mitgehen lassen. Und wenn er auch nur in einer geheimen Akte lesen würde – er hatte keine Gelegenheit mehr, irgendjemandem zu berichten, was darin stand.

Nebenan verabschiedete der König die Gäste. Schritte entfernten sich zum Marmorsaal und zum Vestibül hin. Schließlich kam Friedrich zurück. »Nun …«, sagte er nachdenklich. »Was soll ich Ihrer Ansicht nach mit Ihnen anstellen?«

»Bitte sorgen Sie dafür, dass es Sophie gut geht. Und meiner Frau natürlich.«

Der König sah ihn überrascht an. »Was? Wie meinen Sie das? Geht es den Damen schlecht?«

»Ich meine später. Wenn ich im Kerker bin.«

Friedrich setzte sich wieder. »Mein lieber Quantz, ich muss Ihnen etwas erklären. Es ist seltsam, dass Sie immer wieder ins Spiel kommen, wenn es um die Nachforschungen zum Tod dieses Lakaien geht. Oder bei der Aufklärung der Frage, wie es manchen meiner Soldaten gelingt, aus dieser doch so gut gesicherten Stadt zu desertieren. Doch Sie wissen genau, dass ich größten Wert darauf lege, die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht einfach zu befehlen, sondern akkurat erarbeiten zu lassen. Welche Rolle Sie dabei spielen, will ich also bewiesen haben. Diesen Auftritt heute Abend laste ich Ihnen selbstverständlich an. Aber Sie haben sich selbst so lächerlich gemacht, dass dies wohl Strafe genug ist. Der Rest ist Kredit auf die Zeiten, in denen Sie mir treu waren und mir mit der Musik ein großes Geschenk machten. Ich werde Sie also nicht in den Kerker schicken. Ich bin hier Privatmann, nicht König. Verstehen Sie? Allerdings werde ich nicht zögern, Sie einzusperren, wenn ich den Beweis erhalte, dass eine Kerkerhaft wirklich angemessen wäre.«

Quantz hatte das Gefühl, ein schweres Gewicht werde von seiner Brust genommen. Trotzdem wusste er nicht, ob er innerlich jubeln sollte. »Die Zeiten, Majestät, in denen ich Ihnen treu war … Sie sind doch nicht vorbei. Bitte verstehen Sie doch. Ich habe heute Abend nur versucht, einen Beweis eben dieser Treue zu liefern.«

»Ein merkwürdiger Treuebeweis«, sagte der König kühl. »Ich befehle, von dem Vorfall zu schweigen und sich in Zukunft solcher Ungeschicklichkeiten zu enthalten. Und ich sage es Ihnen ausdrücklich auch gern noch einmaclass="underline" Meine Beamten untersuchen, welche Rolle Sie in den genannten Verbrechen spielen. Und ich zögere nicht, die härtesten Konsequenzen zu ziehen, sollte Ihre Schuld erwiesen werden. Draußen wartet Rat Weyhe, der etwas zu spät von Ihrer Eskapade erfahren hat. Eine Eskapade, der ich zu verdanken habe, dass meine Nachtruhe heute sehr kurz sein wird, denn ich werde mich nun mit ihm beraten müssen. Ihnen wünsche ich einstweilen eine gute Nacht. Ich hoffe für Sie, dass sie besser wird als die meinige. Gehen Sie!«

Quantz wäre am liebsten zu Boden gestürzt und hätte dem König noch tausendmal gedankt und sich entschuldigt. Doch er gehorchte, folgte der Zimmerflucht zum Vestibül, wo Weyhe wartete. Er hastete an ihm vorbei und trat auf den Vorplatz. Da stand immer noch die Kutsche von Brede. Quantz stieg ein und gab den Befehl, nach Hause zu fahren.

Die Soldaten am Tor waren unterrichtet. Die Kutsche wurde anstandslos durchgelassen, und kurz darauf hielten sie vor Quantz’ Haus.

Todmüde stand Quantz vor seiner Tür und schaute Brede nach, der mit der Kutsche den dunklen Kanal hinabzuckelte. Er wollte gerade die Stufen hinaufgehen, da kam eine Gestalt aus dem Dunkel auf ihn zu.

Quantz zuckte vor Schreck zusammen.

»Guten Abend, Monsieur. Ich hoffe, Sie haben Ihren Opiumrausch überwunden? Dafür schulden Sie mir was. Das Zeug ist nicht ganz billig.«

Er erkannte La Mettries zwergenhafte Gestalt – der schmächtige Körper, auf dem der kugelrunde Kopf saß. »Wir sollten uns unterhalten, finden Sie nicht?«

»Ich wüsste nicht, worüber.«

»Na, zumindest ist ja eine Entschuldigung fällig. Oder ist es Ihnen lieber, sich mit mir zu duellieren? Vielleicht morgen auf dem Bornstedter Feld? Wir müssen allerdings früh hingehen. Wie Sie wissen, schätzt Seine Majestät es nicht, wenn sich seine Untertanen gegenseitig umbringen. Außer es handelt sich um Soldaten, die für ein paar Minuten bei der Wache der Schlaf übermannt hat. Die werden dann totgepeitscht.« La Mettrie gab sein Lachen von sich. Es erzeugte in Quantz eine Gänsehaut.

»Sie können mir nichts vormachen, La Mettrie«, rief er. »Ich weiß, dass Sie ein Gegner unseres Königs sind und seine Autorität untergraben. Ich habe Sie durchschaut. Seine Majestät vertraut Ihnen noch, aber nicht mehr lange. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«