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»Finden Sie, dass der König ein Mensch ist?«

»Was? Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Ich frage Sie noch einmal –«

»So ein Unsinn.«

Der Franzose griff Quantz, der sich dem Eingang zuwenden wollte, am Arm. »Wenn der König ein Mensch ist – und das ist er zweifellos –, so macht er Fehler. Deshalb braucht er andere Menschen um sich herum, die ihn beraten. Die Stärke der Entscheidungen des Königs steht und fällt mit der Qualität seiner Berater. Viele sind bestrebt, dem König ein bestimmtes Bild vorzugaukeln, um ihn zu gewissen Entscheidungen zu treiben. Und Sie, mein lieber Herr Quantz, sind irgendwie zwischen diese Fronten geraten.«

Quantz machte sich los. »Ich bin nicht Ihr lieber …«

»Und eigentlich haben Sie recht, wenn Sie sich nicht bei mir entschuldigen wollen«, fuhr der Franzose fort, der jetzt sehr ernsthaft wirkte. »Ich entschuldige mich bei Ihnen. Es ist auch meine Schuld, dass Sie in diese Lage gekommen sind.«

Quantz dachte, er hätte sich verhört. »Tatsächlich?«, fragte er überrascht. »Sie geben also zu, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein? Und dass Sie etwas mit dem Tod von Andreas zu tun haben? Dass Sie mir eine Beteiligung daran in die Schuhe schieben wollten? Hat es mit der seltsamen Versammlung der Musiker zu tun, die Sie angezettelt haben?«

»Schweigen Sie«, zischte La Mettrie. »Das sollten wir nicht auf der Straße besprechen.«

»Sie brauchen nur Ja oder Nein zu sagen.«

»Seit wann sind wichtige Fragen in dieser Welt so einfach zu beantworten?«

»Sind sie es nicht?«

»Um eine Ausnahme von dem zu machen, was ich jetzt sage, und um Sie vor ein kleines Paradoxon zu stellen: Nein. Die meisten Fragen bedürfen eingehender Erläuterungen. Und ich gebe gar nichts zu. Aber ich kann Ihnen helfen, mehr herauszufinden.«

»Helfen? Sie? Warum?«

La Mettrie hob die Hände. »Ich bin ein Freund von Rätseln. Wie jeder Philosoph. Sie ziehen mich magisch an, ohne dass ich freilich an Magie glaube. Wenn jemand ein Rätsel zu lösen hat und ihm dabei niemand hilft, dann ist es mir eine Ehre, all meine Kraft zur Verfügung zu stellen.«

»Wen meinen Sie damit? Etwa mich?« Quantz lachte, aber er spürte selbst, dass es ein freudloses Lachen war. »Woher wissen Sie denn, welche Freunde ich habe und wem ich mich anvertrauen kann? Sie glauben doch nicht im Ernst, Monsieur, dass ich auf Sie angewiesen bin.«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es. Und genauso weiß ich, dass allein Ihr Stolz Sie meine Hilfe ablehnen lässt. Doch sollten Sie nicht auf Ihren Stolz hören, sondern auf Ihre Vernunft.«

»Nun hören Sie mal zu, Monsieur. Ich soll mir von Ihnen helfen lassen? Wo Sie mich vorhin vor dem König lächerlich gemacht haben?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich habe niemanden lächerlich gemacht. Jedenfalls nicht heute Abend. Sehr wohl aber musste ich einen Affront gegen den König selbst erleben, und zwar durch Sie. Und dazu einen Affront gegen mich und meinen Freund d’Argens. Wenn Sie jemand lächerlich gemacht hat, dann nur Sie selbst, mein Freund.«

Schritte waren zu hören. Vom Kellertor her näherte sich eine Patrouille. La Mettrie sah den Kanal hinunter. »Ah, wieder mal die königlichen Aufpasser. Ich frage mich, warum man tagsüber so einfach durch diese Stadt flanieren kann, aber in der Nacht, wo es viel mehr Spaß macht, nicht. Vielleicht wird es mir der König eines Tages erklären.«

Quantz klopfte an die Tür. Sophie musste schon lange gehört haben, dass er sich unten auf der Straße unterhielt. »Ich denke, unsere Unterhaltung ist beendet«.

»Nur für den Moment. Ich werde Sie morgen früh aufsuchen. Bis dahin werden Sie hoffentlich zugeben können, dass Sie meine Hilfe brauchen. Ich werde es Ihnen auch beweisen.«

»Beweisen?«

»Morgen. Bei einer Gelegenheit, die Sie nicht verpassen dürfen. Gehen Sie schlafen, lieber Maître de Musique. Die Nacht wird kurz sein. Bonne nuit

La Mettrie verschwand in der Dunkelheit. Endlich öffnete Sophie. Sie stand in Nachthemd und Nachthaube da und wollte etwas sagen, doch Quantz war nicht mehr nach Reden zumute. Er ging wortlos an ihr vorbei, hinauf in seine Schlafkammer. Dort kleidete er sich aus und legte sich hin. Das Glockenspiel der Garnisonkirche sandte seine silbrige Melodie über die Stadt. Es musste ein Uhr sein.

Fetzen des Gesprächs mit dem König gingen ihm im Kopf herum. Und immer wieder mischte sich La Mettries hohe schneidende Stimme dazwischen.

Der Franzose wollte ihm helfen? Was verbarg sich hinter dem Angebot? Eine Falle?

Aber was wollten sie denn noch? Quantz war beim König erledigt. Er wurde in den Ruhestand geschickt. Vielleicht zahlte ihm der König eine Pension. Oder auch nicht. Das lag allein im Ermessen Seiner Majestät.

Quantz konnte das Haus verkaufen. Sich kleiner stellen. Vielleicht privat unterrichten. Doch wer wollte schon von einem Musiker etwas beigebracht bekommen, den der König selbst vom Hof gejagt hatte?

Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, als ihm klar wurde, dass diese Zukunftsvision noch das angenehmere Szenario von den vielen Möglichkeiten war. Seine Majestät hatte ihm klipp und klar gesagt, dass er die Behörden ohne eigene Einmischung den Tod von Andreas Freiberger untersuchen ließ. Wenn Quantz auch nur der Schatten einer Schuld traf, musste er mit viel Schlimmerem rechnen, als nur von einer kümmerlichen Pension aus eigenem Vermögen leben zu müssen.

19

»Sie haben Besuch«, sagte Sophie. »Sie wüssten schon Bescheid, hat er gesagt.«

Quantz war bereits aufgestanden und dabei, seinen Rock zuzuknöpfen. Sein Kopf fühlte sich seltsam an. Als trage er einen zu engen Helm, der von allen Seiten drückte.

»Wer ist es?«

»Monsieur La Mettrie.«

»Hat er gesagt, was er will?«

»Sie hätten eine Verabredung.«

»Sag ihm, ich komme gleich. Serviere uns dann Kaffee. Frag ihn aber erst, ob er welchen will.«

Sophie machte einen Knicks und wirkte distanziert, als hätte das gestrige Gespräch gar nicht stattgefunden. Sie schien auch gar nicht neugierig zu sein, wo Quantz heute Nacht gewesen war und warum sich nun der Franzose, über den sie gestern noch so ausführlich gesprochen hatten, in seinem Haus befand.

»Kaffee ist mir recht, mein lieber Herr Quantz«, sagte La Mettrie, der in der Tür stand – in einen tiefblauen Rock gekleidet. »Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze. Ich hatte vergessen, Ihrer reizenden Magd zu sagen, dass unser Termin um halb zehn im Schloss stattfindet und wir uns vorher noch ein wenig unterhalten sollten. Sie sehen übernächtigt aus. Aber ich richte mich natürlich danach, was der Hausherr sagt. Ich gehe schon einmal hinüber.«

Der Franzose entfernte sich aus dem Türrahmen. Sophie ging hinterher.

Aufwallender Ärger über La Mettries ungehobelte Art brachte Quantz’ Kreislauf in Gang. Würde es ihm der Philosoph jetzt nicht heimzahlen? In seinen Arbeitsunterlagen herumwühlen? Und wenn schon. Der Rundschädel wird dort nichts finden.

Kurz darauf betrat er die Stube, in der La Mettrie bequem im Sessel saß, Noten vor sich auf dem Schoß. Er machte nicht den geringsten Versuch, sie verschwinden zu lassen, als Quantz hereinkam.

»Guten Morgen, Maître de Musique«, sagte der Franzose. »Ich habe mir erlaubt, diese Dokumente durchzusehen. Es sind Hinterlassenschaften des unglücklichen Andreas Freiberger, wenn ich nicht irre.«

Quantz erkannte die seltsamen Tabellen, die der Lakai bei seinem letzten Besuch hinterlassen hatte. »Woher wissen Sie das?«

»Andreas hat sie mir auch gezeigt. Ich wusste nichts damit anzufangen. Und so habe ich ihm geraten, dass er damit zu Ihnen geht. Er war so stolz darauf, wissen Sie.«