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Vor dem Portal blieb La Mettrie stehen. Die Wache kam auf sie zu. Der Franzose wartete gar nicht erst, bis er angesprochen wurde. »Der Kammerherr des Königs zu einem Termin im Schloss«, sagte er, griff in sein Wams und holte den Kammerherrenschlüssel hervor, den er an einer dünnen Kette um den Hals trug. Es war das Insignium der Befugnis und Ehre, die Räume des Königs betreten zu dürfen.

»Und Er?« Der Soldat reckte das Kinn in Richtung von Quantz.

»Der königliche Maître de Musique du chambre«, verkündete La Mettrie, als gelte es, den Kammermusiker auf einem Hofball vorzustellen.

»Was ist er?« Der Grenadier hielt die Hand ans Ohr, als habe er sich verhört.

Quantz verkniff sich ein Grinsen. Sein Titel als königlicher Kammermusiker klang auf Französisch gleich viel schöner.

La Mettrie seufzte. »Mein Sekretär. Er muss mit hinein.«

Der Soldat nickte und zog sein Gewehr zur Seite, mit dem er den Eingang versperrt hatte.

»Sieh an, hoher Besuch«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Quantz drehte sich um, und da stand Rat Weyhe. »Meine Verehrung Monsieur La Mettrie«, sagte er und machte einen unbeholfenen Kratzfuß. »Und Herr Quantz … Haben Sie die Nacht noch gut verbracht? Wie ich sehe, haben Sie einen neuen Freund gefunden, mit dem Sie gern und ausführlich parlieren können. Dabei sollten Sie, Monsieur La Mettrie, dem Herrn Musikus doch eigentlich böse sein, dass er Ihre Manuskripte gestohlen hat.«

»Immer noch besser, er nimmt sie an sich als jemand, der damit überhaupt nichts anzufangen weiß. Und mit Verlaub, wem ich böse bin oder nicht, entscheide ich selbst.«

Weyhe nickte. »Sie sind ja bekannt dafür, dass Sie sich keinerlei Fesseln anlegen lassen – weder vom guten Ton noch von höherer Moral oder gar Vaterlandsliebe. Kein Wunder, denn wir sind ja alle Maschinen, die ein Schöpfer zusammengeschraubt hat, und die Bewegungen, die wir vollführen, und die Gedanken, die wir denken, sind nicht unsere eigenen. Was sollte man sich also darüber den Kopf zerbrechen, was richtig ist und was falsch?«

La Mettrie warf dem Rat einen Blick zu, als sei er ein Insekt, von dem er nicht wusste, ob er es auf der Stelle zertreten oder es am Leben lassen sollte. »Kommen Sie, Monsieur«, sagte er zu Quantz. »Gehen wir und befreien wir uns von der Gegenwart dieses Menschen.«

»Oh, ich denke, daraus wird nichts«, sagte Weyhe und folgte ihnen. »Wir haben dasselbe Ziel.«

Der Franzose packte Quantz am Arm, und es gelang ihnen, auf dem Weg durch den Schlosshof etwas Abstand zu dem Rat zu gewinnen. »Ich hätte es ahnen müssen«, murmelte La Mettrie. »Aber wir können ihm leider im Moment nicht entgehen.«

Sie erreichten den Eingang, hielten sich abseits der großen Prachttreppe und folgten einem schmalen Flur, von dem schließlich eine Tür abging. Schmale Stufen führten steil nach unten. Bevor sie ihnen folgen konnten, war Weyhe herangekommen.

»Halt«, sagte er scharf. »Sie können selbstverständlich mitkommen, Monsieur La Mettrie, aber der Herr Musikus wartet hier oben.«

Der Franzose überragte Weyhe kaum. Doch es gelang ihm, sich so zu recken, dass er von oben auf den Rat hinunterblicken konnte. »Und warum, mein Herr?«

»Weil er von dem Fall betroffen ist, deshalb.«

»Wollen Sie damit sagen, er sei verdächtig?«

»Ich glaube kaum, dass einem das entgehen kann.« Weyhe stellte sich vor den Durchgang.

»Soviel ich weiß, hat er lediglich die Leiche entdeckt. Also gehen wir.« La Mettrie versuchte, den Rat zur Seite zu schieben.

»Ich habe klare Ordre vom König …«

»Herr Quantz wird nichts anfassen, dafür garantiere ich. Und was wir dort unten erfahren, würde ich ihm sowieso berichten. Daran werden Sie mich ganz bestimmt nicht hindern.«

Weyhe warf ihnen beiden einen giftigen Blick zu, wandte sich um und verschwand in dem engen Treppenhaus. La Mettrie folgte ihm, dann kam Quantz, der sich angesichts seiner Größe bücken musste, um sich nicht den Kopf anzustoßen.

Die Treppe führte in die verzweigten Keller unter dem Schloss. Unten gelangten sie in einen breiten und hohen Gang, dem sie ein gutes Stück folgten. Immerhin konnte Quantz aufrecht gehen. An den Wänden waren Lampen befestigt.

Quantz erschrak, als er ein Stück weiter eine Figur stehen sah. Es war ein Soldat, der einen Raum bewachte, der durch ein Gitter vom Gang getrennt war und an einen Kerker erinnerte. Die Decke bestand aus einem halbrunden Bogen. Ein Teil des Gitters war eine Tür, die offen stand. Dahinter lag etwas auf einem rohen Holztisch – beleuchtet von gleich mehreren Lampen. Es war etwas Unförmiges, das von einem fleckigen Tuch verdeckt wurde. Quantz ahnte, was sich darunter verbarg.

Ein Mann in Hemdsärmeln wischte sich gerade die Hände an einem Lappen ab und begrüßte die Ankömmlinge.

»Monsieur La Mettrie, Herr Rat … und da ist ja auch Herr Quantz. Willkommen in meinem kleinen Laboratorium. Leider mussten wir uns mit diesem Keller behelfen, denn das Wetter ist sehr warm, und das bekäme unserem Studienobjekt nicht gut, wie Sie verstehen …« Bei jedem Wort nickte er sich selbst zu, dabei vermittelte er durch seine leise Stimme eine eigenartige Traurigkeit, die durch die herabhängenden Tränensäcke unter seinen Augen noch verstärkt wurde.

Es war niemand anderes als Johann Theodor Eller, einer der berühmtesten Ärzte Preußens, gleichzeitig Physiker und Chemiker, außerdem Leiter der Berliner Charité. Quantz kannte ihn, denn er war ihm mehrmals in Berlin begegnet.

»Ich freue mich, dass mit Herrn La Mettrie ein Kollege zugegen ist«, sagte er, strahlte jedoch alles andere als Freude aus.

»Keine Angst, mein lieber Monsieur Eller«, sagte der Franzose. »Wir haben ja schon oft über Ihre Methoden diskutiert – insbesondere über Ihr Verfahren, Medikamente zu verbessern, indem man sie mit Blut vermengt, was ich, wie Sie wissen, vollkommen ablehne. Doch haben Sie keine Furcht, dass ich mich in Ihre Arbeit einmische. Nur die Neugierde treibt mich her – und die Pflicht, mehr über den seltsamen Todesfall zu erfahren, der Seine Majestät so stark beschäftigt.«

Es handelte sich um das übliche, scheinbar freundliche Geplänkel unter Kollegen, das oft erbittertste Feindschaft verbarg.

»Könnten wir beginnen?«, meldete sich Weyhe. »Schließlich geht es um eine Untersuchung, die letztlich mir obliegt.«

Eller sah feindselig zu Weyhe hinüber. In aller Ruhe wandte er sich Quantz zu. »Was verschafft uns denn die Ehre, Herr Kammermusiker, Sie hier dabeizuhaben? Möchten Sie Ihren Horizont erweitern und noch etwas dazulernen? Es muss betont werden, dass das ganz in meinem Sinne ist. Sie gelten ja ohnehin als gelehrter Künstler, der sich sogar mit den Gesetzen der Physik auskennt –«

Nun war Quantz Objekt einer Höflichkeitslobhudelei geworden – die typische Einleitung, wenn sich Fachleute trafen. Es schmeichelte ihm, denn es zeigte, dass Eller ihn als seinesgleichen ansah und auf Quantz’ Erkenntnisse im Flötenbau anspielte.

»Nicht der Rede wert«, sagte er. »Ich habe nur ein paar Kniffe entdeckt, um die königlichen Instrumente zu verbessern. Eine rein handwerkliche Sache, die mit Forschung sehr wenig zu tun hat.«

»Der Grund von Herrn Quantz’ Hiersein«, sagte La Mettrie, »ist die Tatsache, dass er den Lakaien Andreas Freiberger kannte und seine Leiche entdeckte. Und das unter sehr eigenartigen Umständen.«

»Ich habe davon gehört«, sagte Eller. »Sehr seltsam.«

»Das kann man wohl sagen«, ließ sich Weyhe wieder vernehmen. »Herr Eller, könnten Sie uns nun vortragen, was Sie wissen?«

Eller sah den Rat an. »Entschuldigen Sie, aber so weit sind wir noch nicht. Vor dem wissenschaftlichen Ergebnis kommt die Untersuchung.«

»Was wollen Sie denn überhaupt untersuchen?«, rief Weyhe. »Der Junge ist tot. Und dass er verbrannt ist, kann ja wohl jeder sehen.« Er trat vor, packte das Tuch und zog es weg. Durch den Ruck bewegte sich der schwarz verkohlte Haufen ein wenig, als sei er zum Leben erwacht.