Выбрать главу

Die Überreste von Andreas waren ein Klumpen, an dem kaum körperliche Merkmale auszumachen waren. Nur ein Arm ragte etwas zur Seite. Die Hand wirkte auf groteske Weise unverletzt, war allerdings ziemlich schmutzig. Das Schrecklichste war, dass Andreas’ Körper durch den Brand so klein geworden war. Man konnte noch den Kopf und den Rumpf erahnen, doch dort, wo sich die Beine befunden hatten, endete die Leiche in abgerissenen Stümpfen.

Der Anblick drehte Quantz den Magen um. Weyhe dagegen schien er überhaupt nicht zu erschüttern.

»Und es stellt sich nach wie vor die Frage«, sagte er, »was den Herrn Musikus dazu bewogen hat, dort hinauszufahren, wo just in dem Moment der Lakai –«

»Lassen Sie es gut sein«, sagte La Mettrie, dessen Gesicht sich ungewohnt verhärtet hatte. »Ob es an der Leiche etwas Besonderes zu erkunden gibt, wird Ihnen Herr Eller gleich sagen. Lassen Sie ihn seine Aufgabe erledigen.«

»Tot ist tot«, brummte Weyhe. »Ich frage mich, wozu das alles nötig ist.«

»Bitte treten Sie zurück«, sagte Eller.

Er hielt ein metallenes Werkzeug in der Hand, das wie eine große Nadel aussah, und beugte sich über den Leichnam. Er ging ohne das geringste Anzeichen von Ekel dicht an das verkohlte Etwas heran. Quantz wurde der scharfe Brandgeruch bewusst, der von der Leiche ausging und den das Tuch zurückgehalten haben musste.

Der Arzt nahm sich eine Stelle am Kopf vor und tastete mit seinem Metallinstrument herum. Von einem Seitentisch, auf dem er sich weitere Werkzeuge zurechtgelegt hatte, nahm er sich eine Lupe und untersuchte damit die menschlichen Überreste. Offenbar war ihm an einer Stelle etwas aufgefallen.

»Eine Verletzung?«, fragte La Mettrie.

Eller nickte. »Soweit ich das noch erkennen kann. Das Opfer hat einen Schlag auf den Kopf bekommen.«

»Warum auch nicht?«, meldete sich Weyhe. »Es sind Balken herabgestürzt, die ihn getroffen haben.«

»Balken, ja«, sagte Eller. »Vielleicht.«

»Natürlich«, rief Weyhe. »Was ist daran so außergewöhnlich?«

Der Arzt sah zu ihm auf. »Wenn Sie das hier als überflüssig betrachten, Herr Rat, dann steht es Ihnen frei, uns zu verlassen. Selbstverständlich werde ich in diesem Fall Seine Majestät davon in Kenntnis setzen. Ich bin verpflichtet, ein exaktes Protokoll anzufertigen, in dem alle Anwesenden verzeichnet sind.«

»Auch der Herr Musikus?«, fragte Weyhe. »Es wird Seine Majestät ganz besonders interessieren, dass er dabei war.«

Eller antwortete nicht, sondern holte eine Säge von seinem Tisch. Ohne zu zögern, begann er, den Leichnam am Oberkörper aufzuschneiden, als ob er ein Braten bei Tisch wäre. Das sägende Geräusch verursachte Quantz eine Gänsehaut.

Niemand sprach, während Eller den Leichnam aufschnitt. Schließlich nahm er eine metallene Klammer, setzte sie an dem Schnitt an und griff zu einer Öllampe. Damit leuchtete er die klaffende Stelle aus. Dann wandte er sich Quantz zu.

»Ist die Scheune eingestürzt, nachdem der Brand ausbrach?«, fragte er.

»Ja, natürlich«, sagte Quantz. »Ich bin in die Scheune gegangen und habe Andreas dort liegen sehen. Dann ist die brennende Fackel hereingeflogen und hat alles in Brand gesetzt.«

»Als Sie den Lakaien dort liegen sahen – lebte er? War er verletzt?«

»Verletzt schien er nicht zu sein. Mir ist jedenfalls nichts dergleichen aufgefallen. Und ob er gelebt hat … Er wirkte, als ob er schliefe. Glauben Sie denn, er war bereits tot, als ich dort ankam? Vielleicht hat man ihn auch betäubt …«

Eller sah Weyhe an. »Haben Sie zu dieser Frage einen Verdacht, Herr Rat?«

»Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.«

»Es ist gut, dass Herr Quantz dabei ist«, meldete sich La Mettrie. »Er kann Sie auf die richtige Spur führen.«

Weyhe schüttelte den Kopf. »Was reden Sie da? Was soll das alles? Können Sie mir bitte mal erklären, was los ist? Was haben Sie an der Leiche entdeckt?«

»Andreas Freiberger war tot, als der Brand ausbrach«, sagte Eller. »Er hat eine schwere Verletzung am Kopf erlitten. Sie, Herr Quantz, haben das vielleicht nicht bemerkt, denn die Verletzung befindet sich auf dem Schädeldach. Sie war verdeckt von seinem Haar.«

»Aber ein Balken …«, wandte Weyhe ein.

»Kein Balken«, sagte Eller. »Möchten Sie einmal einen Blick in die Lunge des Unglücklichen werfen?«

Quantz, der ein paar Schritte zurückgetreten war, trat wieder näher an den Untersuchungstisch heran. Was Eller wohl meinte?

»Warum sollte ich das tun?«, rief der Rat.

»Ganz einfach. Um zu sehen, ob er noch geatmet hat, als das Feuer ausbrach. Wenn das der Fall gewesen wäre, müsste Ruß in seiner Lunge sein.« Er klappte einen Teil des Brustkorbs um. »Schauen Sie nur. Das Organ ist sauber, rosig – nur eben …«

La Mettrie vollendete den Satz. »Etwas durchgebraten?«

Der Medicus nickte. »Wenn Sie es so ausdrücken wollen, Monsieur.«

Vor Quantz innerem Auge erschien das Bild des Lakaien auf dem Heu. Er hätte ihn vielleicht doch irgendwie retten können. Wenn er die Kraft gehabt hätte …

»Darf ich die Lunge mal sehen?«, fragte der Franzose.

»Natürlich, Herr Kollege. Sie auch, Herr Rat? Sie sind der Verantwortliche hier. Es sollte Ihre Pflicht sein.«

Weyhe rümpfte die Nase. »Danke, ich verzichte.«

La Mettrie nahm Lampe und Lupe, beleuchtete die Höhlung in Andreas’ Leiche und nahm auch noch andere Bereiche des Leichnams in Augenschein.

»Seltsam, dass der Arm intakt geblieben ist«, sagte er, griff zu einem der Bestecke und begann nun wie vorhin Eller auf der verkohlten Haut herumzukratzen. »Nun ja, dergleichen gibt es. Man hat ihn ja nicht herausgeholt, bevor die Scheune vollständig heruntergebrannt war.« La Mettrie murmelte noch ein paar unverständliche französische Wörter vor sich hin, während er sich den unversehrten Arm ansah und sich dabei eingehend der Hand widmete. Über einen der Finger hielt er die Lupe besonders lange.

Eller war höflich zurückgetreten. »Haben Sie noch etwas anderes entdeckt, Herr Kollege?«, fragte er.

La Mettrie gab die Instrumente dem Arzt zurück. »Ich? Nein, nein. Ich muss mich entschuldigen. So einen Toten sieht man nicht oft, und ich habe mich hinreißen lassen, auf Ihre Kosten etwas dazuzulernen. Schließlich sind Sie ein sehr beschäftigter Mann. Ich bitte vielmals um Verzeihung, dass ich Ihre Zeit so sehr in Anspruch genommen habe.«

»Es sei Ihnen gegönnt. Sie können sich gern noch weiter mit dem Fall beschäftigen. Ich habe nichts dagegen, wenn so etwas neu für Sie ist … Aber ich dachte, Sie hätten schon Erfahrungen mit Leichen auf den Schlachtfeldern gesammelt.«

»Oh, Sie meinen, als ich Medicus im Regiment des Duc de Grammont war … Ja, damals habe ich eine Menge gesehen. Doch eine reine Verbrennung, das ist selten.«

»Können wir jetzt bitte zu einem Ergebnis kommen?«, unterbrach Weyhe den Franzosen. »Herr Eller, was werden Sie im Protokoll schreiben?«

»Wie ich gesagt habe: Andreas Freiberger war bereits tot, als die Flammen ihn ergriffen.«

»Also hat ihn jemand umgebracht und dann die Scheune mitsamt seiner Leiche in Brand gesteckt, um den Mord zu vertuschen?«, fragte der Rat.

Der Arzt nahm die Klemme aus dem Leichnam und legte sie auf den kleinen Tisch zurück. »Ich überlasse es Ihnen, Schlüsse aus der Untersuchung zu ziehen«, sagte er.

»Danke für die Aufforderung, das werde ich tun. Auch ich werde einen Bericht an Seine Majestät schreiben und darin eigens erwähnen, dass der Herr Musikus hier aufgetaucht ist, nachdem er sich der Unterstützung des Kammerherrn versichert hat. Und das ganz sicher mit dem Ziel, die Untersuchung zu seinen Gunsten zu beeinflussen.«

»Das habe ich nicht im Geringsten getan«, rief Quantz. »Wie kommen Sie überhaupt darauf?«