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»Welchen Sinn hätte denn Ihre Anwesenheit hier sonst? Zumal die Untersuchung ja ergeben hat, dass Sie noch verdächtiger sind als vorher.«

»Wie bitte?«, sagte La Mettrie. »Monsieur, ich muss doch sehr bitten.«

Weyhe beachtete ihn nicht und redete weiter auf Quantz ein. »Sie sind derjenige, der Andreas Freiberger zuletzt lebend gesehen hat. Schon vor seinem Verschwinden kam heraus, dass er spionierte, offenbar angestiftet von jemandem aus dem Umkreis Seiner Majestät. Er hat Noten gestohlen, die im Eigentum Seiner Majestät waren, und zu denen nur der König und Sie Zugang hatten. Sie haben sich mit ihm getroffen. Und nun ist er Ihnen gefährlich geworden. Sie mussten sich seiner entledigen. Und das ist bei Weitem noch nicht alles. Aus Ihrem Haus desertierte ein Soldat, der bis heute nicht wieder aufgetaucht ist – weder in der Stadt noch in den umliegenden Dörfern. Und der zweite Soldat, der bei Ihnen einquartiert war, ist tot. Ermordet. Welchen Reim würden Sie sich denn auf all diese Hinweise machen, Herr Musikus?«

Quantz wurde schlecht. Der Brandgeruch stieg ihm plötzlich viel stärker in die Nase als zuvor. Ihm war, als seien seine Sinne mit einem Mal geschärft worden wie ein Messer. Die bellende Stimme des Rates, die an den steinernen Wänden des Raumes widerhallte, schien mit jedem Wort lauter zu werden. Gleichzeitig wurden seine Beine schwach, und Schweiß trat ihm auf die Stirn. Sein Blickfeld wurde eng. Jemand packte ihn unter den Armen und hielt ihn fest. Dann saß er auf einem Schemel, auf seiner Stirn wurde es kälter. Vor ihm stand der Kammerherr, der ihm mit einem nassen Lappen das Gesicht betupfte.

»Ich werde den endgültigen Beweis finden, der Sie vernichtet, Herr Musikus«, schrie Weyhe. »Und Seine Majestät wird mir dafür dankbar sein.«

Die Worte hallten in Quantz’ Kopf. Der Rat verließ den Keller mit strammen Schritten. Kaum war er verschwunden, ging es Quantz wieder etwas besser.

»Es tut mir leid«, sagte er.

La Mettrie lächelte ihn an. »Das kann jedem passieren, vor allem in Anwesenheit einer nicht besonders appetitlichen Leiche. Oder gewissen unsympathischen Hofbeamten. Können Sie aufstehen? Dann verlassen auch wir diesen unwirtlichen Ort.«

Quantz erhob sich vorsichtig. Der Tisch, auf dem die Leiche gelegen hatte, war leer. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass Eller Andreas’ Überreste weggebracht hatte.

»Sie waren ganz kurz ohnmächtig«, erklärte La Mettrie.

»Wo ist Herr Eller?«

»Er muss noch vor der Parade mit dem König sprechen. Kommen Sie. Wenn Sie ein wenig in Bewegung kommen, wird auch Ihr Innenleben wieder erwachen. Wie Sie vielleicht wissen, fließt das Blut in einem Kreislauf durch den Körper, und je schneller das der Fall ist … Ach, ich glaube, das wollen Sie gerade gar nicht hören.«

Sie schritten durch das Fortunator. Nun umgab sie wieder die Sonne des Frühlingstages und die laue, samtweiche Luft. »Diesem Rat Weyhe wird es gelingen, eine stichhaltige Beschuldigung zu konstruieren«, sagte Quantz, »und er wird mir tatsächlich die Schuld an Andreas’ Tod in die Schuhe schieben. Vielleicht sogar Schlimmeres. Verrat am König.«

»Das wird ihm nur gelingen, wenn Sie auch wirklich schuldig sind«, sagte der Franzose. »Aber das sind Sie nicht, oder doch?«

»Natürlich nicht«, sagte Quantz. »Und ich frage mich immer noch, warum Sie mir helfen. Warum interessiert Sie das Ganze überhaupt?«

»Ich habe bereits versucht, es Ihnen zu erklären. Die Natur des Menschen ist mein Steckenpferd. Mich interessieren die Gründe, warum Menschen so oder anders handeln. Und ein solch geheimnisvoller Mordfall ist ein wunderbares Exempel. Und ehrlich gesagt, traue ich unserem wackeren Herrn Rat nicht zu, dass er der Sache wirklich auf den Grund geht. Er ist zu eingeschränkt in seiner Sichtweise und zu sehr davon besessen, etwas zu beweisen, was er schon zu wissen glaubt. Das ist keine Methode, die wahre Erkenntnis erwarten lässt. Oder er gibt sich nur so stur … Vielleicht ist er klüger, als wir denken, um vom wahren Schuldigen oder einem anderen Sachverhalt abzulenken. So ist er entweder unfähig oder …«

Quantz musste wieder einmal feststellen, dass er nicht mitkam. Was sagte der Franzose da?

»Moment – Sie meinen, er hat selbst etwas mit dem Tod des Lakaien zu tun?«

»Oder mit den verzweigten Dingen, die damit zusammenhängen. Aber es ist nur eine Möglichkeit.«

Quantz seufzte. Wieder wurden ihm die Knie weich. Diese vielen Theorien des Herrn La Mettrie brachten ihn auch nicht weiter. Philosophie war nutzlos. »Wie soll ich gegen diese Intrigen angehen?«, fragte er. »Was kann ich tun? Sie können mir nicht helfen. Verzeihen Sie, ich will Sie nicht kritisieren, aber reines Denken – das ist doch zu wenig. Praxis ist vonnöten.«

La Mettrie hob die Augenbrauen. »Sie wollen Praxis? Damit meinen Sie wohl ein handfestes Faktum. Nun, eine wichtige Information hat diese Leichenschau ja gebracht. Ein Faktum, das sehr überraschend ist …«

»Dass Andreas schon tot war, als er verbrannte. Ist das wirklich so entscheidend?«

Sie wandten sich nach links und überblickten nun das Areal zwischen dem Stadtschloss und dem königlichen Marstall. Hinter einem hohen eisernen Zaun lag der Lustgarten – Schauplatz der täglichen Parade, die unmittelbar bevorstand. Immer mehr Soldaten strebten dem weit offenen Tor im Zaun zu. Quantz und La Mettrie hielten sich abseits.

»Vielleicht schöpfen Sie Mut, wenn ich Ihnen sage, dass es eine weitere Information gibt«, sagte La Mettrie.

»Und welche? Mehr hat doch Herr Eller nicht konstatiert.«

»Herr Eller ist ein kluger Mann, aber …« La Mettrie sah sich um als fürchte er, belauscht zu werden. Flüsternd sprach er weiter. »Die Leiche auf dem Tisch war ein Junge in Freibergers Alter, doch was heute dort unten untersucht wurde, waren nicht die Überreste des Lakaien.«

»Wie bitte?« Die Überraschung traf Quantz wie eine schallende Ohrfeige. »Sie meinen, es hat noch einen Mord gegeben?«

»Nicht so laut. Ich bitte Sie.«

»Aber was sagen Sie da? Wer soll es denn sonst gewesen sein? Ich habe Andreas doch selbst gesehen. Vor dem Brand und hinterher. Die Leiche war dieselbe. Dieser schreckliche, hervorstechende Arm …«

»Kommen Sie«, sagte La Mettrie ruhig, »lassen Sie uns ein Stück weitergehen. Ich behaupte ja nicht, dass die Leiche irgendwie ausgetauscht wurde. Ich sage, dass schon der Junge in der Scheune nicht Andreas war.«

»Aber ich habe ihn gesehen«, beharrte Quantz.

Betont langsam schlenderten sie an der Front des Marstalls entlang und wandten sich wieder in Richtung des Alten Marktes.

»Wie lange? Und in welchen Lichtverhältnissen?«

»Lichtverhältnisse? Ich weiß es nicht mehr … Die Flammen von draußen sorgten für schwaches Licht. Und dann die Fackel, die hereinflog. Aber ich war absolut sicher …«

»Versuchen Sie, sich zu erinnern. Seien Sie sehr kritisch mit sich selbst. Wie lange haben Sie ihn gesehen?«

»Wenn ich ehrlich bin, keine halbe Minute. Ach was, nur Sekunden.«

»Und man hat Ihnen gesagt, dass Sie Freiberger treffen würden. Ihr Geist war auf ihn fixiert. Sie wollten ihn finden, und deswegen war dieser Junge, der dort lag und ihm sicher ähnlich war, für Sie Andreas. Compris?«

»Das stimmt.«

»Und es war dunkel in der Scheune. Bis auf flackerndes Feuer. Sie haben ihn kaum richtig betrachtet.«

»Ja, so könnte es gewesen sein … Aber was bedeutet das alles? Und überhaupt …« Quantz’ Herz hämmerte wild, und ohne dass er es wollte, wurde seine Stimme lauter. »Wie sind Sie darauf gekommen? Woher wollen Sie wissen, dass es nicht Andreas war?«

Was für eine Zwickmühle! Entweder hatte der Franzose Unrecht mit seiner seltsamen Theorie – dann half er Quantz nicht ein Fingerbreit. Und wenn er recht hatte, würde man ihm bald den Tod eines weiteren jungen Mannes anlasten. Wo sollte das noch hinführen?