Quantz sah sich um. Doch niemand beachtete sie. Und niemand war so nah, dass er sie belauschen konnte, wenn sie sich einigermaßen leise unterhielten. »Die Hand«, sagte La Mettrie leise. »Die Hand dieses unglücklichen Jungen, den Herr Eller dort unten untersucht hat, war voller … wie sagt man das auf Deutsch?«
»Was meinen Sie? Eine Krankheit? Ausschlag?«
Der Franzose machte eine Faust, öffnete sie und strich mit den Fingern über die Innenfläche seiner Hand. »Nein. Wenn jemand schwer mit den Händen arbeitet, bildet sich eine dicke Haut.«
»Schwielen?«, fragte Quantz.
»Ganz genau. Dieser Junge hatte Schwielen auf der Handfläche, die man noch sehr gut erkennen konnte. Andreas’ Hände dagegen waren weich. Er verrichtete ja keine sehr schweren Arbeiten.«
»Das haben Sie genau gesehen?«
»Natürlich. Ich habe ja sogar die Lupe benutzt.«
Hinter dem Zaun wimmelte es jetzt von Soldaten. Im Hintergrund ritten Offiziere auf und ab und beobachteten aufmerksam, wie sich die Grenadiere unter den Befehlen der Unteroffiziere aufstellten.
»Aber Monsieur! Das bedeutet doch, dass ich unschuldig bin. Wir müssen es Herrn Eller sagen. Herrn Eller und Herrn Weyhe. Dem König. Wenn es nicht Andreas war –«
»Zum König können Sie gleich gehen, wenn Sie möchten.« La Mettrie wies hinüber. Gerade kam Friedrich mit wehender Feder am Hut auf einem Schimmel herangeritten, begleitet von einem weiteren Tross Offiziere. Die Metallteile der prachtvollen Uniformen blitzten in der Sonne. Befehle ertönten. Die Soldaten formierten sich weiter.
Der Monarch schwebte selbstbewusst über dem militärischen Treiben. Wenn er so inmitten seiner Soldaten war, konnte man kaum glauben, dass es sich um denselben Mann handelte, der im Glanz eines von Kerzenlicht leuchtenden goldenen Saales abends Flötenkonzerte spielte.
»Monsieur La Mettrie, warum haben Sie das für sich behalten? Sie bringen mich durch Ihr Schweigen in größte Schwierigkeiten.«
Der Philosoph wiegte seinen runden Kopf. »Glauben Sie?«
»Ja natürlich. Wenn alle Welt glaubt, die Leiche sei die von Andreas, und wenn man mich mit ihm in Verbindung bringt …«
»Dann stellt sich doch viel eher die Frage, was Ihre Feinde, die ja offensichtlich dahinterstecken, damit bezwecken. Überlegen Sie doch einmal, Monsieur Quantz: Man hat einen anderen Jungen ermordet, um es so aussehen zu lassen, als sei Andreas Freiberger getötet worden. Man hat es so eingefädelt, dass Sie in diesen Mord verwickelt sind. Ganz unbestreitbar wurde Ihnen eine Falle gestellt. Nun müssen wir uns doch eine ganz bestimmte Frage stellen.«
»Und die wäre?«
»Denken Sie! Benutzen Sie Ihren Verstand!«
»Wer dahintersteckt? Wer der Mann auf dem Faulen See war? Wer den Mord begangen hat? Wer der unbekannte Junge ist? Was derjenige, der das alles getan hat, davon hat? Monsieur, da gibt es viele Fragen, auf die ich gern eine Antwort hätte.« Verzweiflung kroch in ihm hoch. Ja, es waren sehr viele Fragen …
Prasselnde Trommelwirbel ließen die Luft erzittern. Das war der Generalmarsch, mit dem die Parade begann.
»Und die aus meiner Sicht entscheidende Frage haben Sie noch gar nicht erwähnt«, sagte La Mettrie.
»Und wie lautet sie? Ich flehe Sie an, sagen Sie doch bitte, was Sie denken.«
»Es ist die Frage, was mit dem wahren Andreas Freiberger geschehen ist.«
Diese Frage fand La Mettrie wichtig? Die Antwort war doch leicht. »Er ist natürlich auch tot.«
»Glauben Sie? Dann hätte man doch gleich seine Leiche nehmen können, um einen Mordverdacht auf Sie zu lenken. Meiner Ansicht nach lebt er. Und wahrscheinlich geht es ihm sogar gut.«
»Sie meinen, man hält ihn irgendwo gefangen? Aus welchem Grund?«
»Weil man ihn braucht.«
»Wofür braucht man ihn? Das verstehe ich nicht.«
»Andreas hatte, das heißt, er hat viele Talente. Und Sie denken ja selbst, dass er vielleicht bestimmte Dinge weiß, die wiederum die Feinde des Königs interessieren könnten. Reicht das nicht, um der Welt vorzutäuschen, er sei tot? Damit man dann sein Talent in Ruhe für sich nutzen kann? Und damit man das in Ruhe tun kann, schiebt man jemandem seinen angeblichen Tod in die Schuhe. Ihnen.«
»Aber wer steckt dahinter? Wer will sich Andreas’ Talente zu eigen machen? Und worin bestehen sie genau?«
»Wer dahintersteckt? Die Feinde des Königs. Sicher, das ist etwas allgemein formuliert. Aber damit sollten wir erst einmal beginnen, denke ich. Und nun denken Sie mal wieder ein bisschen.«
Quantz versuchte, sich zu vergegenwärtigen, was all das bedeutete, das La Mettrie ihm gerade dargelegt hatte. Andreas war also entführt worden. Der Tod des anderen Jungen, der provozierte nächtliche Ausflug zum Bornstedter Feld, die Desertion des Soldaten aus seinem Haus – das waren nur Mittel, um ihn selbst verdächtig zu machen. Damit es so aussah, als sei er in eine Intrige verwickelt. Aber hatten Feinde des Königs es wirklich nötig, sich mit einem Kammermusikus abzugeben? Nein, es steckten nicht Feinde des Königs dahinter, sondern …
»Haben Sie scharf nachgedacht?«, fragte La Mettrie. »Das Denken ist Qual und Lust zugleich. Und ein Moment der Lust ist es, wenn man eine Schlussfolgerung ziehen kann, die das ganze Dickicht der Gedanken erhellt wie ein Blitz.«
»Es sind nicht die Feinde des Königs, die ich suchen muss«, sagte Quantz. »Es sind meine Feinde. Des Königs Feinde brauchen keinen Schuldigen. Sie hätten Andreas verschwinden lassen und statt seiner eine fremde Leiche hinlegen können. Sie können, wie es ja wohl der Fall ist, Soldaten zur Flucht verhelfen, noch dazu Soldaten aus des Königs Leibgarde, und sie können damit den König treffen. Und wer des Königs Feinde sind, wissen wir. Es ist letztlich das große Kaiserreich, mit dem sich Seine Majestät um Schlesien streitet, das er in den letzten Kriegen errungen hat.«
Ihm kam in den Sinn, was Fredersdorf gesagt hatte. Wir mögen Schlesien gewonnen haben, doch die Besiegten werden diesen Verlust nicht hinnehmen. Die Feinde Preußens ruhen nicht. Und was hier so aussieht wie ein herrlicher Frühling und der Aufbruch in eine wunderschöne paradiesische Friedenszeit, hat auch seine Kehrseite. »Es gibt wohl«, fuhr Quantz fort, »keinen Zweifel, dass die Arme der österreichischen Kaiserin bis nach Berlin und wahrscheinlich auch nach Potsdam reichen. Aber was habe ich damit zu tun? Nichts. Mich brauchen die Feinde des Königs nicht. Wer das alles anzettelt, will also mir schaden. Und wer weiß? Vielleicht will er sich nur den Anschein geben, politisch zu agieren. Und in Wirklichkeit geht es ihm nur um eine sehr gute Stellung bei Hofe.«
La Mettrie nickte langsam. »Bravo, Monsieur. Das nenne ich Klarheit der Gedanken. Einiges von dem, was Sie da sagen, ist überlegenswert. Zum Beispiel die Frage, ob Ihre Gegner nicht ein zu großes Risiko eingehen. Und ob die Größe dieses Risikos nicht zeigt, dass doch eine wirkliche Spionage dahintersteckt. Ob nicht beides verbunden ist. Aber Sie haben erkannt, worauf es ankommt. Und nun verstehen Sie auch, warum ich während der Obduktion geschwiegen habe. Es ist ein Vorteil für uns, wenn unsere unsichtbaren Gegner meinen, wir wüssten nicht, dass Andreas noch lebt. Im Grunde ist es einfach. Wir müssen ihn nur suchen. Wenn wir ihn gefunden haben, erfahren wir alles. Ja, es ist sogar sehr einfach.«
»Sehr einfach«, pflichtete Quantz bei.
La Mettrie überhörte die Ironie und spann seine Gedanken weiter. »Vielleicht gelingt es uns, Feinde des Königs zu entlarven, von denen Seine Majestät noch gar nichts weiß. Wie es seine Art ist, sucht er bisher den Feind in ungehorsamen Soldaten. Jedoch straft er nichts anderes als versagende Werkzeuge, die er – als sie noch Menschen waren – in seinen Dienst hat pressen lassen. Schauen Sie.«