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Sie waren ein Stück weiter in Richtung des Alten Marktes gegangen – bis an die nordwestliche Ecke des Schlosses.

»Kennen Sie diese Art der Aufstellung?«, fragte der Franzose bitter.

Es handelte sich um eine rhetorische Frage, denn hinter dem Zaun bahnte sich ein Schauspiel an, das man in Potsdam oft zu sehen bekam. Die Soldaten bildeten, angetrieben von einem brüllenden Offizier zu Pferde, zwei lange Reihen. Es waren etwa hundert Mann pro Linie, die zusammenrückten. Von dem Ort aus, wo La Mettrie und Quantz standen, wirkte es, als verschmölzen die Grenadiere zu einer einzigen Phalanx, doch zwischen den Soldaten blieb eine schmale Lücke, sodass eine Gasse entstand. Der Offizier ritt die Reihen ab und schrie ein paar Befehle, um sie exakter zu machen. Quantz sah zum König hinüber, der an die hundert Schritte vom Eingang zum Schlossgarten auf seinem Pferd saß und, umgeben von weiteren Offizieren, das Geschehen mit unbewegter Miene beobachtete.

Jetzt sammelte sich am Zaun ziviles Volk. Unteroffiziere und Mannschaften drängten es ab, sodass für Quantz und La Mettrie der Blick frei blieb.

Nun wurden längliche Stäbe an die Grenadiere an der Gasse verteilt, Haselruten, die man in Salzwasser getaucht hatte. Schließlich wurde ein einzelner Soldat herangeführt. Sein Oberkörper war nackt, Hände und Füße waren gefesselt. Er konnte nur in winzigen Schritten tippeln.

Der Kommandeur kam herangeritten und zog ein Papier hervor, das er verlas. Quantz konnte die Worte nicht verstehen, doch es musste das Urteil sein, das der König über den halb nackten Grenadier gesprochen hatte. Schließlich ertönten rasselnd und erschreckend laut die Trommeln. Das Spießrutenlaufen begann. Bis zur Mündung der Hohewegstraße war das peitschende Geräusch der Holzruten zu hören.

Quantz und La Mettrie wandten sich ab und gingen schweigend an der Nikolaikirche vorbei in Richtung der nördlichen Stadt davon. Vor Jahrzehnten hatte Quantz zum ersten Mal einen Spießrutenlauf gesehen. Zuvor, als er die Strafe nur vom Hörensagen kannte, hatte er sie noch für eine milde Maßregel gehalten. Ein wenig Prügel auf den nackten Rücken, was war das schon? Doch dann hatte das Spießrutenlaufen unter Trommelwirbel und Geschrei begonnen. Der Delinquent hatte noch nicht einmal ein Drittel der Reihe hinter sich gebracht, da troff sein Körper von Blut, hingen Fetzen von Fleisch den Rücken herab, sodass der Verurteilte ohnmächtig hinsank, mit Güssen eisigen Wassers aufgeweckt werden musste, sich schließlich weiterschleppte, wieder zusammenbrach, und alles begann von vorn. Nicht selten stand am Ende der Strafe der Tod.

Quantz und La Mettrie erreichten den Kanal. An der Nauenschen Brücke blieben sie stehen. Gegenüber lag die Fläche des Faulen Sees, die im hellen Sonnenlicht völlig harmlos wirkte. Eine Grasfläche, mit Bäumen bepflanzt. Kein Ort, an dem man sich fürchten musste.

Der Franzose sah hinunter zum Wasser. »Ich denke, Sie haben verstanden, dass wir, solange wir nicht wirklich wissen, mit wem wir es zu tun haben, niemandem trauen können. Deswegen habe ich die Erkenntnis über die wahre Identität des Toten für mich behalten. Gegen wen wir auch immer kämpfen, jetzt sind wir ihm einen Schritt voraus.«

»Ich muss Ihnen danken, Monsieur. Sie haben tatsächlich Licht in die Sache gebracht.«

La Mettrie wiegte den Kopf hin und her. »Nicht der Rede wert. Sie wissen ja, warum ich mich mit dem Casus beschäftige.«

Quantz sah den Franzosen mit dem kugelrunden Kopf an, und ihm wurde bewusst, dass er La Mettrie vor zwölf Stunden noch selbst zu den Feinden gezählt hatte, die es zu bezwingen galt. »Warum sollte ich Ihnen eigentlich trauen, Monsieur? Sie haben selbst gesagt, der Feind kann überall sein.«

Quantz hatte erwartet, dass La Mettrie nun Entrüstung zeigen würde oder beleidigt sei, aber der Philosoph sagte nur: »Eine gute Frage. Sie können sich nur ein Bild machen anhand der Dinge, die Sie wissen. Mehr nicht. Ich kann Ihnen dabei naturgemäß nicht weiterhelfen. Doch ich gratuliere Ihnen zu dem Gedanken. Er zeigt, dass Sie wirklich systematisch vorgehen.«

Viel anderes blieb ihm auch nicht übrig. Doch dann fiel ihm ein, dass eine Frage noch offen war – und zwar eine Frage, deren Antwort tatsächlich darüber entschied, auf welcher Seite La Mettrie stand.

»Das Treffen der Musiker in der Nacht nach dem Souper in Monbijou«, sagte er. »Im Berliner Schloss. Was hatten Sie damit zu tun? Sie haben es doch arrangiert, oder nicht?«

La Mettrie sah Quantz sehr ruhig und ernst an. »Nein, da irren Sie sich. Davon weiß ich nichts.«

»Aber ich habe es doch gesehen.«

»Was haben Sie gesehen, Monsieur?«

»Sie haben Herrn Bach ein Papier gegeben, und er hat es eingesteckt.«

»Ah – sehr gut beobachtet.« Die Ernsthaftigkeit wich einem amüsierten Gesichtsausdruck, und er lachte kurz sein Lachen. »Aber das hatte einen ganz anderen Grund. Sehen Sie, wir haben alle unsere Geheimnisse. Bei mir sind sie in erster Linie amouröser Natur. Mich verbindet ein zärtliches Gefühl mit einer jungen Bürgerstochter, die wiederum bei einem Kollegen von Herrn Bach Unterricht im Cembalospiel erhält. Die Strenge der Eltern zwingt uns dazu, über mehrere Ecken heimlich zu korrespondieren. Sie verstehen?«

»Ich verstehe. Aber soll ich das auch glauben?« Quantz kam die Begründung fadenscheinig vor. Wie eine aus dem Hut gezauberte Ausrede, die auch noch das Klischee vom stets auf Pfaden der Liebe wandelnden Franzosen bediente.

»Wie gesagt, das müssen Sie selbst wissen. Aber ich rate Ihnen dringend, mehr über das herauszufinden, was die Musiker in Berlin treiben, wenn Sie Gründe haben zu glauben, dass man dort eine Intrige gegen Sie spinnt. Wenn ich etwas darüber wüsste, würde ich es Ihnen sagen, seien Sie gewiss. Und ich sehe Ihrem Gesicht an, dass Sie mir trauen. Und bevor Sie auf einen anderen Gedanken kommen, verrate ich Ihnen noch ein Geheimnis.«

»Ich bin gespannt.«

La Mettrie gelang es nicht, ein ernstes Gesicht zu machen. »Ich verrate Ihnen, wie Sie sich bei mir für meine Hilfe revanchieren können. Leider habe ich mein Salär des Königs von diesem Monat … sagen wir, in einige unvernünftige Spiele investiert, verloren und für meinen Wundertrank ausgegeben.«

»Wollen Sie Geld?«

La Mettrie hob theatralisch die Hände, als habe er vor, Quantz zu umarmen. »Aber nein, mein Freund. Das wäre doch zu profan.« Er sah sich um. Die Straßen begannen sich wieder zu füllen. Die Parade war zu Ende.

La Mettrie legte Quantz die Hand auf die Schulter und schob ihn sanft voran. »Gehen wir in die ›Goldene Krone‹. Und setzen wir dort unsere Gedanken fort. Hinter dem Schankraum gibt es ein Separee, das ich oft benutze. Auch mit weiblicher Gesellschaft, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber heute reicht mir ein Mittagessen – auf Ihre Kosten natürlich.«

20

Wenn Andreas den Kopf bewegte, rieb seine Nase an einem stinkenden Sack, den man ihm übergestülpt hatte. Das Atmen fiel ihm schwer. Er war gefesselt, und etwas Schweres lag auf seiner Brust. Das unruhige Ruckeln und das Geräusch von Pferdehufen sagten ihm, dass er sich auf einem Fuhrwerk befand.

Plötzlich blieb das Gefährt stehen. Das Gewicht verschwand. Man packte ihn und stellte ihn auf den Boden. Seine Beine waren lahm. Tausend Ameisen schienen darin zu krabbeln, und Andreas stürzte mehrmals, als man ihn vorwärtstrieb. Helligkeit drang durch den Leinenstoff des Beutels über seinem Kopf, doch mehr erkannte er nicht. Der Untergrund war steinig. Gras strich an seinen Beinen, der Boden wurde weich.

Soweit Andreas es unter dem Sack wahrnehmen konnte, veränderten sich auch die Geräusche um ihn herum. Es wurde stiller. Ein Vogel flatterte schimpfend davon. Da wurde Andreas klar, wo er sich befand: in einem Wald.

»Bleib stehen«, sagte eine raue Stimme. »Hier kannst du pinkeln, wenn du musst. Aber beeil dich. Gleich fahren wir weiter.« Andreas’ Fesseln lösten sich.

Etwas später wurde Andreas wieder zurück zu dem Fuhrwerk geführt. Man verschnürte ihn sorgfältig, legte wieder Dinge auf ihn – Decken oder Strohballen. Sie waren weich, aber so schwer, dass sich Andreas nicht rühren konnte.