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Vorn schwang ein Mann die Peitsche, es knallte, und das Fuhrwerk holperte weiter. Erst nach langer Zeit hielten sie wieder an – umgeben von Stimmengewirr und gebellten Befehlen. Stimmen von Soldaten.

Es war die typische Geräuschkulisse, wie sie an einer Stadtmauer herrschte. Sie hatten eine lange Reise gemacht, also waren sie wohl an den Toren von Berlin. Andreas wusste, dass jeder, der in die Stadt kam, akzisepflichtig war und kontrolliert wurde. Das konnte eine Möglichkeit sein, befreit zu werden!

Er versuchte verzweifelt, auf sich aufmerksam zu machen. Doch die Fesseln saßen fest, genau wie der Knebel in seinem Mund.

Es war leicht, sich vorzustellen, was draußen um das Fuhrwerk herum geschah. Die Soldaten verlangten Auskunft über die geladenen Waren, trugen sie in eine Liste ein und kassierten dafür eine Steuer. Oft bildeten sich vor den Toren lange Schlangen, weil die Abfertigung so viel Zeit brauchte. Wenn sehr viel los war, nahmen es die Soldaten manchmal nicht so ganz genau, verließen sich auf die Auskunft des Fuhrmannes und auf den Augenschein. Und ein Wagen mit Strohballen oder alten Lumpen war nichts Besonderes.

Sie entdeckten Andreas nicht. Die Pferde zogen an. Die Hufe klapperten über hartes Pflaster. Mauern warfen den Schall zurück. Sie bewegten sich wohl durch eine enge Gasse oder einen Hof. Wieder kam das Fuhrwerk zum Stehen, und Andreas wurde unter den Strohballen hervorgezogen. Diesmal wurde er durch ein Gebäude geführt. Parkett knarrte. Seine Fesseln wurden gelöst, eine Tür hinter ihm wurde geschlossen. Er war frei. Den Sack über seinem Kopf und den Knebel konnte er selbst entfernen.

Das Zimmer war viel größer als die Unterkunft, die er in Sanssouci mit den anderen Lakaien teilen musste. Es erreichte fast die Ausmaße eines der Gästezimmer im Potsdamer Schloss. Es verfügte über einen Kamin, einige Möbel an den Wänden, ein Bett in einem Alkoven. Auf einem der mit Damast bezogenen Stühle lag Wäsche bereit.

Andreas versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. Er blickte aus dem Fenster. Es ging auf andere Mauern hinaus und lag sehr hoch. Es war unmöglich, hinauszuklettern. Andreas war immer noch gefangen.

Er musste auf dem Bett eingeschlafen sein, als ein Knarren von den schweren Schritten ertönte. Die Tür öffnete sich. Ein Mann in einem grauen Rock und mit einer schwarzen Perücke trat ein.

Er deutete auf die bereitliegenden Kleider. »Das hier kannst du anziehen«, sagte er. »Schau. Neben dem Kamin steht ein Waschtisch. Du kannst dich auch etwas frisch machen.«

Damit ging der Mann wieder. Andreas entledigte sich der Fischerlumpen, die vor Dreck starrten.

Ob er in dieser noblen Umgebung Herrn Quantz treffen würde? Vielleicht hatte er es ihm zu verdanken, dass man ihn von dem Fuhrwerk erlöst und hergebracht hatte.

Der grau gekleidete Mann kam bald zurück. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Arbeit wartet auf dich«, sagte er und hob die Hand. Andreas zuckte zurück, weil er befürchtete, geschlagen zu werden. Doch der Mann fuhr ihm nur durchs Haar.

»Nein, nicht als Lakai. Du bist zu Höherem bestimmt. Sag, hast du Hunger? Ach richtig, du sprichst ja nicht. Wenn du dich angekleidet hast, wirst du zu essen bekommen. Und dann wirst du arbeiten. Keine Sorge, die Arbeit wird dir Freude machen. Aber du musst dich beeilen.«

Der Mann verließ den Raum. Seine Schritte entfernten sich. Andreas kleidete sich an und ging ein wenig umher. Neben dem Kamin hing ein Spiegel, in dem er sich betrachten konnte. Er sah jetzt aus wie ein junger Edelmann.

Eine Weile lauschte Andreas nur der Stille nach, die in dem Haus herrschte. Dann näherten sich wieder die Schritte über das Parkett.

***

Die Herren Quantz und La Mettrie standen schon eine Weile auf der Nauenschen Brücke und unterhielten sich. Michael Kilian hätte zu gern gewusst, worüber. Aber es war zu gefährlich, sich weiter zu nähern. Ob sich die beiden Herren hier an der Brücke trennen würden? Nein, sie gingen gemeinsam weiter, immer wieder pausierend, sodass sich Kilian jedes Mal hinter einen der Bäume stellen musste, die den Kanal flankierten. Dann erreichten Quantz und La Mettrie endlich ihr Ziel. Es war das Gasthaus.

Kaum waren die beiden darin verschwunden, beschleunigte Kilian seine Schritte und öffnete die Tür. Diesmal würde er dranbleiben. Er würde sich kein zweites Mal von Rat Weyhe rügen lassen.

Im Gastraum herrschte Enge, die Luft war stickig, der Rauch aus Tabakspfeifen vermischte sich mit den Essensgerüchen. Schulze, der Wirt, trug dampfende Schüsseln und Teller durch das Gedränge.

La Mettrie und Quantz waren nicht zu sehen. Waren sie auf La Mettries Zimmer gegangen? Dann hatte Kilian keine Möglichkeit, sie weiter im Auge zu behalten.

»Einen Platz, der Herr?«, fragte Schulze. »Quetsch Er sich irgendwo dazwischen. Ah, da hinten wird gerade was frei.«

Kilian folgte ihm in die hinterste Ecke, wo sich ein paar Männer erhoben. Der Wirt wischte mit einem Lappen, den er in seinem breiten Ledergürtel stecken hatte, die Tischplatte sauber. Schulzes Frau servierte am Nachbartisch Bier.

»Die Herren sind im Separee«, rief Schulze ihr zu. »Kümmer dich um sie.«

Die Frau nickte und arbeitete sich zwischen den Tischen hindurch zum Tresen. Dahinter gab es einen Durchgang, in dem sie verschwand.

»Was darf’s denn sein?«, fragte der Wirt, sah aber gleichzeitig an Kilian vorbei in den Gastraum, wo jemand nach der Bedienung rief.

»Ihr habt ein Separee?«, fragte Kilian.

Schulze kratzte sich am Kopf. »Für besondere Gäste. Die Benutzung kostet natürlich extra.«

»Ruhig gelegen?«

»Ja … nach hinten hinaus, aber es ist heute Mittag besetzt. Oder will Er es für morgen haben? Oder heute Abend?« Er sah Kilian misstrauisch an. »Aber doch nicht für Ihn?«

»Vielleicht für meinen Herrn«, sagte Kilian und bestellte eine Suppe und ein Bier. »Vorher will ich aber noch den Abtritt aufsuchen. Haltet mir den Platz frei.«

»Leg Er seinen Hut hin«, sagte Schulze, »dann weiß jeder Bescheid. Die Gelegenheit ist im Hof.«

Kilian verließ den Gastraum und folgte dem Gang nach hinten. Der Abort war ein winziges Holzhäuschen im Hof, das man über einer Grube in der Ecke errichtet hatte. Man setzte sich auf ein Brett mit einem Loch von zwei Handspannen Durchmesser.

Doch Kilian hatte nicht die Absicht, dort hineinzugehen. Er blieb im Hof stehen und lauschte. Die Geräuschkulisse aus dem Gastraum reichte nicht bis hierher, aber dafür hörte er La Mettries schneidende Stimme. Jemand näherte sich dem Hof vom Flur her. Es war die Wirtin. Sie trug eine Flasche Rotwein und zwei Gläser unter dem Arm.

Kilian unterdrückte einen Fluch. Jetzt musste er sich doch auf dem Abort verstecken, wo es unerträglich stank.

Er betrat den Holzverschlag, zog die Tür hinter sich zu und atmete nur durch den Mund. Er hörte, wie Liese die Treppe auf der anderen Seite des Hofes erklomm und die Holzgalerie entlangging, die sich über die Länge des ganzen ersten Stocks erstreckte. Dort oben war also das Separee.

Kilian wartete, bis die Wirtsfrau wieder herunterkam, und verließ den Abort.

Unter der Galerie waren Holzkisten und Fässer aufgetürmt. Er kauerte sich dahinter und lauschte.

»Eine Verschwörung, Monsieur!«, rief der Franzose gerade. »Gegen den König …? Bedenken Sie … Feinde.«

Quantz’ tiefere Stimme antwortete etwas Unverständliches, und dann legte der Franzose wieder los: »Dann müssen Sie sich über Ihre eigenen Feinde klar werden, Monsieur. Ich gebe Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass es sehr viele sein können. Bei dem Salär, das Sie beziehen, besitzen Sie eine große Menge Neider … Aber wie heißt es so schön? Viel Feind, viel Ehr …«

La Mettrie lachte, und dann redete er immer lauter wie ein Wasserfall, doch er wechselte ins Französische, was Kilian nicht verstand.