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Nach ein paar Minuten kehrte Kilian in das Gasthaus zurück. Immerhin hatte er ein paar Sätze aufgeschnappt und konnte dem Rat berichten.

Schulze brachte ihm gerade die Suppe und das Bier. Die Stärkung hatte sich Kilian verdient. Hoffentlich erstattete ihm der Rat die Kosten.

Nach der Mahlzeit räumte die Wirtin im Vorbeigehen den Teller und den Krug ab. Kilian beschloss, noch eine Weile zu bleiben, und bestellte sich eine gestopfte Pfeife. Während er sie versonnen rauchte, überlegte er, wie er Quantz und den Kammerherrn weiter beschatten konnte, ohne dass es auffiel. Leider kam er zu keinem Ergebnis.

Er wollte gerade Schulze rufen und bezahlen, da trat Quantz in den Raum. Er legte ein paar Münzen auf den Tresen.

Kilian stand auf, drängte sich heran und holte ebenfalls den Betrag aus der Tasche, den er schuldig war. Weder der Wirt noch der Musikus beachteten ihn.

»Habt Ihr etwas wegen des Herrn Franzosen erreicht?«, fragte Schulze leise. »Wird der König ihn aufs Schloss holen?«

»Später«, sagte Quantz.

»Sind die Herren so weit zufrieden?«

»Durchaus. Allerdings geht es Herrn La Mettrie im Moment nicht so gut.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er hat fast den ganzen Braten allein gegessen und auch den Wein allein getrunken.«

»Und das in großer Geschwindigkeit, nehme ich an«, sagte der Wirt. »Dafür ist er bekannt. Er hat mir einmal gesagt, er würde vor dem Essen beim König einen ganzen Tag lang nichts zu sich nehmen, um die zu erwartenden Genüsse umso mehr auszukosten.«

»Ich fürchte, er ist vollkommen betrunken. Er liegt am Boden, so schlimm ist es. Man muss ihm in sein Zimmer helfen.«

Schulze kratzte sich am Kopf. »Jemine, was bringt dieser Franzose ein Unglück über uns … Ob wir das allein schaffen? Mit Liese kann ich das nicht.«

»Ich kann helfen«, sagte Kilian. »Was ist denn geschehen?«

Erst jetzt schienen ihn die beiden Männer zu bemerken. In kurzen Worten erklärte Quantz, dass man einen hohen Herrn diskret in sein Zimmer bringen müsse, damit er sich auskurieren könne.

»Gern zu Diensten«, sagte Kilian.

Schon als sie die Treppe im Hof hinauf zur Galerie erklommen, hörten sie La Mettries lallende Stimme. »Quantz«, rief er, »wo sind Sie? Kommen Sie, trinken Sie noch ein Glas mit mir.« Ein würgendes Geräusch unterbrach ihn, und im nächsten Moment waren Quantz, Schulze und Kilian im Separee – einem Raum mit rohen Fachwerkwänden und einem Tisch, einigen Stühlen, einer Anrichte und einem Sofa darin. Dieser Raum wurde vom Wirt sicher nicht nur zum Speisen vermietet. Man konnte sich hier auch mit käuflicher Weiblichkeit treffen.

Der Kammerherr lag auf dem Sofa, den Kopf über eines der Seitenteile gestreckt. In der Ecke verbreitete eine riesige Pfütze aus ockerfarbenem Brei einen säuerlichen Gestank. Eine Weinflasche, die offenbar auf dem Boden gestanden hatte, war umgefallen. Roter Wein sickerte in Richtung von La Mettries Hinterlassenschaft. »Merde alors«, stöhnte der Franzose. »Ich glaube, da ist mir … ein Malheur passiert.«

»Monsieur«, rief Quantz erschrocken.

Kilian, der an solche Szenarien gewöhnt war, gab Anweisungen. »Wir müssen ihn hinsetzen.« Er packte La Mettrie und hob seinen Oberkörper hoch. Ein Rest des Erbrochenen hing an dem Kinn des Franzosen und rann hinab über seine Halsbinde. Seine Perücke war auf den Boden gefallen, und er präsentierte nun sein kahl geschorenes Haupt.

»Jetzt nehmt Ihr, Herr Wirt, ihn unter die eine Schulter, ich unter die andere. Wo liegt sein Zimmer? Gibt es einen direkten Weg über die Galerie, oder müssen wir die Treppe hinunter?«

»Ich fürchte, hinunter und dann im Haus wieder hinauf«, sagte Schulze. »Es gibt keine direkte Verbindung.«

»Schade um das schöne Essen«, sagte Kilian. Auf dem Tisch standen die Reste der Mahlzeit. Unglaublich, wie die Herren getafelt hatten. Kilian sah leere Terrinen von Gemüse, in denen noch die Reste von Kartoffeln und Bohnen vor Fett glänzten. Daneben stand eine Bratenplatte, auf der nur ein Rest von brauner Soße übrig war. Schmutzige Teller, Schüsseln und Gläser umkreisten das Szenario.

Zum Glück war La Mettrie nicht ganz bewusstlos, und so konnte er wenigstens mithelfen, die Strecke zu seinem Zimmer zu überwinden, als sie ihn die Treppen hinunter, durch den Hof und dann wieder die Treppe hinauf schleppten.

»Es ist ein wenig unordentlich«, sagte Schulze, als sie an La Mettries Zimmer angekommen waren. »Ich mache Platz, damit wir überhaupt zum Bett gelangen.«

Kilian packte den Franzosen nun allein, der mit geschlossenen Augen versonnen vor sich hin murmelte. »Attention«, sagte er immer wieder. »Vorsicht mit meinen Schriften … Treten Sie sie nicht mit Füßen.«

Kilian verstand erst nicht, was er meinte, doch als sein Blick in das Innere der Stube fiel, wurde es ihm klar. Der Raum war ein einziger Sauhaufen. So lebten also die Kammerherren des Königs. Sie kotzten nicht nur in der Öffentlichkeit, weil sie sich überfressen hatten, sie hausten auch wie die Tiere.

»Kommen Sie«, rief Quantz, der das Bett von einigen Papierstapeln befreite.

La Mettrie schien zu begreifen, dass er in der Nähe seiner Ruhestätte war, und konnte fast allein hinübergehen. Kilian musste ihn nur ein wenig führen. Kaum hatte der Franzose das Bett erreicht, murmelte er noch etwas, ließ sich auf die Kissen fallen und verfiel sofort in regelmäßiges Schnarchen.

Sie verließen das Zimmer. Quantz zog die Tür zu. »Ich danke Ihnen, Herr …«, sagte er.

»Kilian.«

»Herr Kilian.« Quantz griff in die Tasche, holte ein paar Münzen hervor und hielt sie ihm hin. Es waren fünf Groschen. »Ich bitte Sie aber darum, zu niemandem über diese Sache ein Wort zu verlieren. Der Monsieur ist Kammerherr des Königs.«

Kilian nickte. »Wie Sie wünschen.«

Sie verließen beide das Gasthaus, und Kilian sah Quantz eine Weile nach, der mit schnellen Schritten den Kanal entlangging. Dann folgte er ihm.

***

»Name?«

»Rat Weyhe. Lass Er mich durch.«

»Was will Er?«

»Sein Offizier weiß es.«

Der Grenadier zog die Augenbrauen hoch. Weyhe unterdrückte einen Seufzer. Immer hatte man mit denselben Problemen zu kämpfen. Oder vielmehr mit einem einzigen Problem. Mit Soldaten, die streng nach Befehl handelten und nicht um die Breite eines Haares von ihrer Linie abwichen. Kein Wunder, sie wurden jahrelang darauf gedrillt.

»Was glaubt Er, was ich will? Den Sträfling stehlen? Lass Er mich hinein, die Zeit ist kostbar.«

Aus dem Gebäude hinter dem Grenadier kam ein grässlicher Schrei. Eine beruhigende Männerstimme war zu hören, dann schrie der Mann noch einmal.

»Wie war Sein Name?«

»Rat Weyhe. Das habe ich schon gesagt. Nun mach Er schon die Tür auf.«

Die Tür öffnete sich, und zwei Offiziere kamen heraus. Einer von ihnen trug eine Ledertasche. Es war der Militärchirurg.

»Herr Leutnant«, rief Weyhe.

Der Arzt verabschiedete sich von dem Offizier, der sich dann Weyhe zuwandte.

»Ihr Wachmann hier lässt mich nicht hinein«, sagte der, »obwohl wir eine Verabredung haben.«

»Kommen Sie.« Sie betraten das Gebäude, ein Bürgerhaus in der Jägerstraße, in dem – wie in vielen Häusern der Stadt – im ebenerdigen Stockwerk Soldaten wohnten.

Auf einer Liege war ein Mann zu erkennen, der auf dem Bauch lag. Sein Rücken war eine einzige glänzend rote Fläche. Eine Frau erhob sich von einem Hocker, als sie die beiden Männer sah.

»Er ist wieder ohnmächtig«, sagte sie.

»Gehen Sie hinaus«, befahl Weyhe.

Sie gehorchte sofort. Weyhe schritt auf den Verletzten zu und setzte sich auf den Hocker. »Warum haben Sie mich nicht früher geholt?« Der Kopf des Soldaten hing über dem Rand der Liege. Weyhe klopfte ihm auf die Wange. »He, Herr Grenadier, hören Sie mich? Wie heißt er?«