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»Sein Name ist Lindstedt«, sagte der Leutnant. »Aber das ist eine Militärangelegenheit. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich Sie nur hereingelassen habe, weil Seine Majestät es mir befohlen hat. Und es somit meine Pflicht ist.«

Der Verletzte öffnete die Augen, sein Blick war verschleiert. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle.

»Und weil es Ihre Pflicht ist, Ihre Soldaten zu Brei zu hauen, tun Sie auch das?«

»Zweifeln Sie etwa am Sinn des militärischen Strafsystems?«

»Keineswegs. Ich denke nur darüber nach, ob diese Bestrafung in diesem einen Fall wirklich sinnvoll war.«

»Sollen wir es durchgehen lassen, wenn ein Soldat Seiner Majestät fliehen will?«

»Ich hätte ihn gern vor der Strafe darüber befragt, wie ihm die Flucht gelungen ist.«

»Sie ist ihm nicht gelungen, sonst hätten wir ihn ja nicht bestrafen können.«

»Herr Leutnant«, sagte Weyhe und bemühte sich, ruhig zu bleiben angesichts dieser militärischen Engstirnigkeit. »Halten Sie mich nicht für einen Idioten. Wo haben Sie den Mann aufgegriffen?«

»Hinter Teltow. Er hatte sich in einem Waldstück versteckt. Die Bauern haben ihn zwischen frisch gefälltem Holz gefunden.«

»Und Sperber war nicht auch noch in der Nähe?«

»Nein.«

»Wie ist er Ihrer Meinung nach dorthin gekommen? Trotz bewachter Tore in der Stadt? Und trotz Akzisemauer?«

»Das weiß nur er selbst.«

»Sehen Sie, und deswegen hätte ich gern mit ihm gesprochen. Aber bevor Sie ihn haben fast totprügeln lassen.«

»Veralbere Er mich nicht, Herr Rat«, brüllte der Offizier, der offenbar endlich gemerkt hatte, dass Weyhe ihn nicht ganz für voll nahm. »Wir haben es versucht. Der Mann hat geschwiegen wie ein Grab. Selbst im Angesicht der Prügelgasse wollte er nicht reden. Glauben Sie, er wird Ihnen jetzt erzählen, wie ihm die Flucht gelungen ist? Ihre Anwesenheit, Herr Rat, ist fehl am Platze. Überflüssig. Wir vom Militär haben unsere eigenen Methoden.«

»Und die scheinen ja wunderbar zu funktionieren.« Weyhe blickte wieder auf den Delinquenten, der plötzlich wild die Augen verdrehte. Versuchte er zu sprechen?

»Sagen Sie mir, was geschehen ist«, sagte Weyhe leise zu ihm. »Wir wissen, dass es ein System gibt, mit dessen Hilfe die Deserteure die Stadt verlassen.«

Der Soldat bewegte die spröden Lippen, doch kaum ein Laut war zu hören. Die Anstrengung war so groß, dass er die Augen wieder schloss.

»Was haben Sie gesagt?«, fragte Weyhe. »Ich verstehe Sie nicht.«

Einen Moment war es absolut still im Raum. »Wasser«, stöhnte der Soldat auf dem Bett dann klar und deutlich.

Weyhe griff zu einem Krug, der auf dem Boden stand, und hob ihn hoch. Er stoppte aber in der Bewegung – nur wenige Fingerbreit vom Mund des Soldaten entfernt. »Sprechen Sie, dann erhalten Sie Wasser«, sagte er. »Hier. Schönes, klares, kaltes Wasser.«

Der Soldat bewegte den Kopf. Es sollte wohl ein Nicken sein.

»Verlieren Sie keine Zeit«, sagte Weyhe. »Je früher ich Bescheid weiß, desto früher bekommen Sie Wasser.«

Wieder versuchte der Grenadier, Worte zu formen.

»Deutlicher«, befahl Weyhe.

»Man … wird …«

»Ja?«

Mit schweren Schritten kam der Leutnant heran. Seine Tritte übertönten die schwachen Worte des Soldaten, sodass Weyhe eine heftige abwehrende Bewegung machte. Es war einfach nicht auszuhalten mit diesen groben Soldatenkerlen.

»… angesprochen.«

»Man wird angesprochen? Von wem?«

»Zivilist … abgeholt …«

»Wer hat Sie abgeholt? Und wo? Wo hat man Sie dann hingebracht?«

Der Soldat schüttelte den Kopf. »Blind … Augen … verbunden …«

»Man hat Sie blind irgendwohin geführt? Und so sind Sie aus der Stadt herausgekommen?«

»Das ist unmöglich«, rief der Offizier. »Die Stadt wird bewacht. Wenn ein Soldat fehlt, fällt das sofort auf.«

»Lassen Sie ihn sprechen«, sagte Weyhe.

Der Soldat stöhnte. »Wasser …«

»Wie haben Sie die Stadtmauer überwunden?«, fragte der Rat. »Sagen Sie es und Sie dürfen trinken.«

»Wasser …« Der Soldat schloss die Augen, der Kopf erschlaffte.

Weyhe stellte den Krug hin. Am liebsten hätte er den Grenadier an der Schulter gepackt, doch er schreckte vor all dem Blut und dem rohen Fleisch zurück. So klopfte er ihm wieder auf die Wange. Der Mann reagierte nicht.

Weyhe befeuchtete seine Hand und hielt sie ihm vor den Mund. Der Mann war tot.

»Er atmet nicht mehr«, sagte er und stand auf. »Der wird uns nichts mehr sagen.«

21

»Sie wollen nach Berlin fahren?«

»Ich habe es mir überlegt. Ich bin sicher, dass ich dort mehr erfahre.«

»Sie meinen über die Zusammenkunft der Musiker.«

»So ist es.«

Sophie stand unbeweglich vor der geschlossenen Tür der Studierstube. Insgeheim war Quantz sich gar nicht so sicher, ob die anstrengende Fahrt nach Berlin wirklich sinnvoll war. Vielleicht vertat er damit nur wertvolle Zeit. Aber es war eine Möglichkeit.

»Hat Herr La Mettrie Ihnen das geraten?«

Er hatte ihr alles erzählt, was geschehen war. Gern hätte sich Quantz der Hilfe des Kammerherrn versichert, aber der war nun damit beschäftigt, seinen Rausch auszuschlafen.

»Muss es denn heute sein? Wäre es nicht besser, hier in Potsdam zu bleiben und abzuwarten?«

»Die Musiker sind wieder in Berlin«, sagte Quantz. »Heute Abend müssen sie in der Oper spielen. Wenn es eine Gelegenheit gibt, die Sache aufzuklären, dann heute. Ich bin morgen Abend wieder hier.«

»Sie werden bei Ihrer Frau übernachten?«

»Natürlich.«

Ein seltsamer Ausdruck flackerte über Sophies Gesicht. Etwas wie ein leiser Schmerz, der eine Spur Eifersucht enthielt.

»Keine Sorge«, sagte er. »Sie verbringt ihre Nächte mit ihrem Diener.«

Ein Lächeln erblühte auf Sophies Wangen, und Quantz wurde es warm ums Herz. Er ging auf sie zu und küsste sie auf die Stirn.

Quantz ließ sich von Brede gleich zum Berliner Opernhaus fahren. Gegen halb sechs trafen sie ein, und er trug Brede auf, seine Habseligkeiten zur Adresse seiner Frau zu bringen. Das Einzige, was er bei sich behielt, war das Manuskript mit den seltsamen Tabellen von Andreas.

Vor dem Theatergebäude hatten sich bereits einige Besucher versammelt. Die Vorstellung begann in einer guten halben Stunde. Quantz sah nachdenklich zu den Säulen und der Treppe hinauf, die das Haus wie eine Nachbildung eines antiken Tempels erscheinen ließen.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen er fast jeden Abend in der Oper verbrachte. Vor allem auf seinen Reisen, die ihn in Städte geführt hatte, wo man dieses spektakuläre Genre in solcher Perfektion auf die Bühne brachte, dass man sich in den Stunden, die eine Aufführung dauerte, in einem Wunderland wähnte.

Es waren ja nicht nur die musikalischen Glanzleistungen, die die Opernbesucher in Venedig, Neapel, Rom und in vielen anderen Ländern Europas begeisterten. Die auf der Bühne gespielten, von glanzvoller Musik veredelten Geschichten, die Taten antiker Helden wie Alexander, Cäsar und Orpheus waren in immer neue, spektakuläre Bühneneffekte eingebettet. Da gab es Schlachtenszenen, Erdbeben, Seestürme, Wasserfälle, Gewitter, es gab echte Tiere auf der Bühne – Pferde, ja ganze Vogelschwärme.

Musik war nur eines von vielen Mitteln, um all dieses gewaltige Bühnengeschehen zu unterstreichen, um ihm Atmosphäre zu geben und um die Gesangsstars glänzen zu lassen, die in die Rollen der Helden, ihrer Gegenspieler, ihrer Geliebten und ihrer Verbündeten schlüpften.

Quantz eilte die Stufen hinauf und kämpfte sich durch die Menschen, die, in teure Garderobe gekleidet, für Billetts anstanden. Auch viele einfache Leute waren unter den Besuchern. Als der König das Opernhaus vor gut sechs Jahren hatte einweihen lassen, hatte er befohlen, dass jeder Bürger der Stadt Zutritt zu den Vorstellungen haben sollte.