Der Graf lächelte. »Jemand? Jemand hat Sie durchgelassen?«
Auch die anderen Personen zeigten sich belustigt. Aus einigen Ecken war unterdrücktes Gelächter zu vernehmen. Ein Mann in dunklem Rock löste sich aus der Gruppe um Bach, Mara und Graun und kam auf sie zu.
»Ich nehme an, Sie kennen die meisten der Anwesenden, und die meisten kennen Sie«, sagte der Graf. »Bevor Sie unserem Gastgeber gegenübertreten – darf ich Ihnen einen besonderen Ankömmling vorstellen?«
Der Mann im dunklen Rock nickte Quantz zu.
»Herr Mizler«, sagte Keyserlingk. »Das hier ist Herr Kammermusikus Quantz.«
»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Der Mann, der mit seinen Augengläsern wie ein Gelehrter wirkte, sprach mit einem fränkischen Akzent.
»Woher kommen Sie?«, fragte Quantz.
»Aus Leipzig. Dorthin hat es mich aus meiner Heimatstadt Heidenheim verschlagen.«
»Sind Sie Musiker?«
»Musiker, Philosoph, Mathematiker.«
»Dies alles zusammen?«
»Es gibt da Berührungspunkte. Und genau diese sind mein Gebiet. Ich erforsche die Frage, ob Musik eine Naturwissenschaft ist. Oder ob sie mehr Kunst oder Erkenntnis ist. Oder ist sie, anstatt nur Kunst zu sein, vielleicht auch Philosophie? Und wenn ja – in welchem Anteil? Letztlich geht es um die Frage, was uns die Musik zu sagen hat.«
»Aber sie ist doch die Kunst der Gefühle, der Emotionen«, sagte Quantz.
Auf Mizlers Gesicht machte sich ein herablassendes Lächeln breit, als wäre sein Gegenüber ein Schüler, der eine einfältige Bemerkung gemacht hatte. »Wenn man freilich klischeereiche Konzerte nach der Form der Italiener schreibt, so wird man das so sehen.«
Quantz überging den Stich, den er innerlich spürte. Wollte der Mann ihn beleidigen?
»Umso mehr«, fuhr Mizler fort, »ist natürlich zu fragen, was Sie in diesen erlauchten Kreis führt, Herr Quantz. Wir dachten immer, Sie seien an den Themen unserer Treffen nicht interessiert.«
»Was für Themen? Womit befassen Sie sich hier? Sagen Sie mir bitte –«
Er wurde unterbrochen, als sich alle im Raum der Tür zuwandten. Dort erschien eine schmale Gestalt im ausladenden Reifrock. Die Frau trug eine Perücke, die mit ihren Locken, die links und rechts die Ohren verdeckten, eigentlich nach der Mode der Männer frisiert war. Auf dem Haarschmuck thronte ein kleiner Dreispitz. Die Anwesenden verbeugten sich – auch Quantz. Er hatte Prinzessin Amalia, Friedrichs jüngste Schwester, sofort erkannt.
»Bitte erheben Sie sich«, sagte die Prinzessin und bahnte sich einen Weg durch die Menschen auf die andere Seite des Saales, wo man Vorbereitungen für die Musik getroffen hatte. Neben dem Sessel blieb sie stehen. Zwei Lakaien, die sie begleitet hatten, hielten sich im Hintergrund bereit. Die Prinzessin strahlte eine eigenwillige Autorität aus. Es lag an ihren ausdrucksvollen dunklen Augen, mit denen sie nun die Gäste musterte. Quantz schickte sie ein leichtes Nicken.
»Ich begrüße Sie zu unserer heutigen Zusammenkunft«, sagte sie. »Und ich freue mich, dass wir neue Gäste bei uns haben. Herrn Mizler, der eigens aus Leipzig gekommen ist und uns, wie ich höre, die besten Grüße von Herrn Kantor Bach übermittelt …«
Beifälliges Raunen erfüllte den Saal. Die Prinzessin hob ihre kleinen, in weißen Handschuhen steckenden Hände. Sofort kehrte wieder Ruhe ein. »Ebenso überrascht wie erfreut bin ich, dass ein Mann zu uns gefunden hat, dem ich das Interesse an unserer besonderen Leidenschaft gar nicht zugetraut hätte. Es ist Herr Kammermusikus Quantz. In Diensten Seiner Majestät des Königs – meines Bruders.«
Quantz wurde es warm unter seinem Rock, da alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Er dachte angestrengt darüber nach, worum es hier eigentlich gehen mochte.
Bei Amalia wusste man nie so recht, woran man war. Sie befasste sich mit Wahrsagerei, lud wegen ihrer ständigen obskuren gesundheitlichen Probleme irgendwelche Quacksalber ein und kaufte ihnen mysteriöse Arzneien ab – ähnlich wie Quantz’ Frau. Sie war eine passable Musikerin, hatte Cembalounterricht genossen und begleitete in ganz seltenen Fällen ihren Bruder.
Quantz erinnerte sich, dass sie hin und wieder auf dem Cembalo selbst komponierte Stücke zum Besten gegeben hatte. Einige davon waren im Marschrhythmus gehalten, und der König hatte spontan erklärt, seine Schwester könne doch von nun an für die Militärmusik sorgen. Das hatte im Kreise der Anwesenden für große Heiterkeit gesorgt. Eine Frau als Musikmeisterin oder auch nur als Komponistin – das war eine seltsame Vorstellung.
»Nun, Herr Kammermusiker?« Die Prinzessin ging ein paar Schritte auf ihn zu. »Was führt Sie her? Hat Sie etwa mein Bruder geschickt, um etwas über die Unternehmungen seiner kleinen Schwester herauszufinden?«
Die Vermutung der Prinzessin überrasche Quantz nicht. Friedrich, der immer auf Sparsamkeit bedacht war, hielt die Hand über die Hofhaltungen der königlichen Familie. Hin und wieder hatte es schon Streit über die benötigten Finanzen gegeben. Allerdings fragte sich Quantz, ob die Prinzessin wusste, was in Potsdam geschehen war. Wenn dem so war, ging sie sicher aus Höflichkeit darüber hinweg.
»Ich bin aus eigenem Antrieb hier, Eure Königliche Hoheit«, sagte er. »Ich war in der Oper und erfuhr, dass die Musiker noch eine Privateinladung erhalten haben. Zufällig kam ich mit der Kutsche am Schloss vorbei …« Ihm war nicht wohl bei der Lüge, doch er konnte unmöglich zugeben, dass er herumspionierte.
»Und nun möchten Sie wissen, was wir hier so treiben, was?«, sagte die Prinzessin mit einem vulgären Ton in der Stimme, den sie gelegentlich herauskehrte. »Ich denke, Sie werden bitter enttäuscht sein, mein lieber Quantz.« Leutseligkeit war wie bei ihrem Bruder gewöhnlich ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete meistens, dass irgendeine Hinterhältigkeit bevorstand.
Amalia hob die Hand, und einer der Lakaien trat auf sie zu und gab ihr ein dickes Heft – ein Notenbuch.
»Sie waren doch im vergangenen Jahr bei der Kammermusik anwesend … Was frage ich, Sie sind ja immer anwesend. Sie sind ja die Kammermusik persönlich … Ich meine den Abend, als Bach eintraf. Der alte Bach, der Vater unseres wackeren Cembalisten hier. Und Sie waren Zeuge, wie mein Bruder den Herrn Kantor vor eine schwere kompositorische Aufgabe stellte.«
»Sehr richtig, Majestät. Ich war dabei. Und ich erinnere mich sehr gut daran.«
»Haben Sie jemals davon gehört, dass Herr Bach, der alte, meine ich, die ihm damals gestellte Aufgabe gelöst hätte?«
»Sie meinen, die sechsstimmige Fuge über das gestellte Thema? Nein. Herr Bach musste aufgeben. Die Aufgabe war zu schwer.«
»So hat es sich ereignet, ja. Er musste aufgeben, was das Stegreifspiel, die Improvisation betraf. Doch als er nach Leipzig zurückgekehrt war, hat er es nachgeholt und eine noch viel reichere Musik aus dem gestellten Thema geschaffen. Nach reiflicher Überlegung und ohne sich den flatterhaften Einfällen des Augenblicks hinzugeben, wie es mein Bruder von dem alten Mann verlangt hat. Aber auf diese Weise vermag man ja nur Modisches und Abgeschmacktes, niemals aber Wahres hervorzubringen.« Sie sah Quantz an, und er fragte sich, ob ihre Worte eine mehr oder weniger verhohlene Kritik an seinen Kompositionen sein sollten. Denn seine Arbeit ging ja in großer Geschwindigkeit vonstatten, musste so schnell vonstattengehen, denn er war den Befehlen des Königs vollkommen unterworfen.
»Beziehen Sie das nicht so sehr auf sich«, sagte Amalia, als hätte sie seine Gedanken gelesen. »Alle Musiker an einem Hof oder an einer Kirche sind dem Zwang ausgesetzt, schnell komponieren zu müssen. Auch Herr Bach. Wie ich höre, schreibt er Woche für Woche eine ganze Kantate für den Gottesdienst. Aber trotzdem erhebt er sich über die alltäglichen Pflichten und dringt wie ein Wissenschaftler, der eine Expedition in unbekannte Regionen unternimmt, ständig in neue musikalische Gebiete vor. Er arbeitet alle Facetten des Themas aus, bereichert es, schafft bisher Ungehörtes – und das in einer perfekten Harmonie, die wie die ewige Mathematik des Universums eigenen, schwer fassbaren Gesetzen gehorcht. Können Sie mir folgen, mein lieber Quantz?«