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schien sich aus ihr loszulösen und geradewegs auf die Araby zuzukommen.

Schulterzuckend sprang Ted die eisernen Stufen zum Ruderhaus hinauf, wo der Zweite Offizier auf die Ablösung wartete. Geschwind las Ted das Befehlsbuch und zeichnete es ab, erfuhr den Kurs und begab sich dann zum Maschinenraum-Telegrafen. Erstaunt stellte er fest, daß Stan Ridley das Ruder übernahm. Er war so sehr daran gewöhnt, Toppy auf seinen Wachen neben sich zu haben, daß er für den Moment vergessen hatte, daß der kleine Londoner ja auf dem Schoner geblieben war.

»Sie können Ihren Sternen danken«, sagte der Zweite, sich in der Tür umdrehend, »die kleine Brise draußen bläst an uns vorbei.«

»Oh, und ich dachte grad, wir kriegten sie noch mit«, meinte Ted.

»Nicht, wenn wir richtig gerechnet haben. Der Alte hat ihren Kurs im Kartenraum ausgelegt. Kommt in südöstlicher Richtung vom Äquator runter — geht achtern an uns vorbei, wie wir schätzen, knapp nördlich der Marquesas.« Eine Hand am Türgriff, blieb er noch einen Moment stehen. Mit einem vielsagenden Blick auf den Jungen am Ruder fügte er hinzu: »Natürlich erwischen wir genug, um allen Landratten an Bord 'ne kleine Erinnerung mitzugeben.«

Er verschwand achtern. Ted war allein mit Stan am Ruder. Für die nächsten vier Stunden würde die Brücke nun seiner Obhut anvertraut sein.

»Nun, Steuermann«, bemerkte er, »vielleicht schaffen wir's noch, den Hafen von Papeete anzulaufen, ehe der Sturm unsern Kurs kreuzt. Wenn der Wind freilich allzu stark bläst, müssen wir außerhalb des Riffs liegenbleiben.«

»Jawohl, Sir. Die Korallenriffe innerhalb der Lagune sind bei Wind gefährlich.«

Ted schaute zum Vordeck hin, wo die Männer wegen des nahenden Unwetters die Sonnensegel schon herunternahmen. »Sind Sie vorher schon mal einen Törn am Ruder gegangen?«

»Auf einem Dampfer ist dies das erste Mal, Sir. Aber ich habe die Perlmuschelschiffe meines Vaters zwischen den Inseln gesteuert.«

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Ja, dachte Ted, der Junge stand wie ein echter Seemann am Ruder — die Augen voraus gerichtet, die Schultern zurückgenommen, die Füße breit auseinander gestemmt, die Hände fest um die Speichen gelegt. »Gut«, brummte der Dritte Offizier befriedigt, »Sie werden's schon schaffen«.

Er öffnete sein Hemd am Hals, um etwas mehr von dem schwachen Windzug mitzubekommen, der sich um die Araby regte, während sie sich durch die dicke Suppe der schwülen Atmosphäre vorwärts pflügte. »Ridley«, stieß er, zu jähem Entschluß gekommen, hervor, »besitzen Sie einen Füllfederhalter?«

Stan warf ihm einen überraschten Blick zu. »Aber gewiß, Sir. Certainement.«

»Welche Farbe hat er?«

»Rot.« Unbekümmert schaute der Junge auf die schwankende Kompaßrose nieder, richtete die Handspeiche danach, blickte dann wieder geradeaus vor sich hin.

Ted betrachtete das sauber geschnittene Profil mit versonnenem Interesse. Nicht der leiseste Wunsch, weiteren Fragen auszuweichen, war zu finden. Die Antworten kamen unverzüglich, bestimmt und ohne ängstliche Überlegung. Ted fragte sich, ob es wohl sein könnte, daß Stan bis jetzt noch nicht gemerkt hatte, daß er den Füller in der Funkbude hatte fallen lassen? Fallen lassen ... ? Mit einer ärgerlichen Bewegung riß Ted sich zusammen. Da erklärte er den Jungen nun bereits für schuldig, ohne ihm zuerst die Möglichkeit einer Erklärung zu geben! Und doch — war denn überhaupt noch etwas zu erklären?

Er hörte, wie die Tür zum Bootsdeck geöffnet wurde. Kapitän Jarvis trat ein und ging zu seinem Dritten Offizier hinüber. Ted sah, wie sich die Brauen des Mannes zusammenschoben, als er den Jungen am Ruder bemerkte.

»Moran«, sagte er, »wir werden bald schwere See bekommen, und ich weiß nicht recht, ob wir den Schoner dann immer noch im Schlepp behalten können. Dieser Hurrikan scheint weiter südlich auszuholen, als ich erwartet hatte. Vielleicht müssen wir die Trosse lösen und ihn allein nachkommen lassen.«

Teds Gedanken gingen zu den beiden Männern hinüber, die auf dem Windreiter zurückgeblieben waren. »Können Toppy und Jorgenson ihn allein in den Hafen einbringen?«

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»Das ist es eben. Sie können nicht. Drei weitere Seeleute sollten an Bord sein. Ich werde den Zweiten Offizier mit einem Paar befahrener Matrosen hinüberschicken für den Fall, daß wir die Trosse fallen lassen müssen. Was nun die Ladung angeht — «

»Öl, Benzin und Kopra«, erinnerte Ted ihn.

Jarvis nickte nachdenklich. »Und sonst ist nichts an Bord? Ich möchte es nur möglichst genau wissen, das ist alles. .. Wir sind nicht mehr als hundert Meilen von Tahiti entfernt. Nein, mit ausreichender Besatzung sollte es nicht allzu schwierig sein, den Schoner bis dorthin zu segeln.«

Er machte einen Schritt auf die offene Tür zum Steuerbord-Flügel der Brücke hin. »Wie kommen wir voran?«

»Fünfundvierzig Meilen seit vier Uhr.«

»Gut. Wir werden heute abend noch sicher innerhalb des Riffs von Papeete liegen, falls — falls dies verrückte Ding da hinten uns nicht einen Strich durch die Rechnung macht.«

Stan Ridley bat, ohne den Kopf zu wenden, in eifrigem Ton:

»Kapitän Jarvis — lassen Sie mich auch auf den Windreiter hinübergehen.«

Der große Mann drehte sich auf dem Absatz herum und forschte in den gespannten Zügen des Jungen. »Nein — es ist zu gefährlich, Ridley. Aber weshalb möchten Sie überhaupt gehen?«

»Weil ich den Schoner kenne, Sir. Und außerdem möchte ich ihn nochmals gründlich durchsuchen. Die Sache kommt mir irgendwie — nun, sehr merkwürdig vor.« Er hielt inne und wog die Worte einen Augenblick lang ab. »Ich muß immer an die letzte Eintragung ins Logbuch denken. Dran herumrätseln.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich weiß es selbst nicht genau. Am liebsten würde ich sie noch einmal durchlesen.«

»Hören Sie zu, Ridley.« Jarvis' Stimme war so hart und kalt wie Stahl. »Sind Sie sicher, daß das, was Sie hier treiben, ein ehrliches Spiel ist?«

Der Junge stand völlig reglos da — geradezu unheimlich reglos, fand Ted. In seinem hübschen Gesicht regte sich kein Muskel, doch die dunklen Augen hatten den Blick eines gehetzten Tieres.

»Sie vertrauen mir also immer noch nicht«, erwiderte er schließlich. »Selbst jetzt noch nicht.«

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Ein paar Momente lang schritt der Kapitän der Araby im engen Raum des Ruderhauses auf und ab. Jählings wandte er sich um und feuerte eine Frage auf den Jungen ab.

»Besitzen Sie einen roten Füllfederhalter, Ridley?«

»Ja, Sir. Doch was hat das mit — «

»Wo ist er?«

»In meinem Koffer, Sir. Das heißt, nein — ich erinnere mich jetzt.

Letzte Nacht habe ich ihn einem der Matrosen geliehen. Er wollte einen Brief nach Hause schreiben, um ihn in Papeete gleich auf die Post geben zu können.«

»So, Sie haben ihn ausgeliehen? Und an wen?«

»An einen Burschen namens Chapman, Sir.«

»Chapman!« Kapitän Jarvis steckte die Hände tief in die Taschen seiner Hose und wippte auf den Absätzen. »Wer, zum Donner, ist denn dieser Chapman eigentlich? Das möchte ich doch gerne mal wissen.«

»Ich kann es Ihnen leider auch nicht sagen, Sir«, fuhr Stan Ridley fort. »Er hat die Koje unter mir im Logis. Weshalb erkundigen Sie sich aber nach diesem Füllhalter?«

Jarvis lächelte, und Ted glaubte einen Ausdruck der Erleichterung auf dem für gewöhnlich so beherrschten Gesicht zu entdecken.

»Ich nehme an, Ridley«, entgegnete er, »daß Sie tatsächlich ein Recht haben, sich nach dem Grund meiner Frage zu erkundigen.

Sehen Sie, Sparks ist vergangene Nacht in der Funkbude niedergeschlagen worden — zwischen zwölf und eins, vermutlich. Heute morgen fanden wir auf dem Boden unter dem Tisch diesen Füllfederhalter. Gehört er Ihnen?« Eine Hand kam aus der Tasche zum Vorschein; ein roter Füller lag auf der breiten Handfläche.