Zwischen meinen Füßen, unter der Bank, sah ich den Kopf von Richard Parker. Er war gigantisch. Meinem verwirrten Sinn schien er groß wie der Planet Jupiter. Seine Pranken waren wie Bände der Encyclopaedia Britannica.
Ich wankte zurück zum Bug und sank auf die Plane.
Die Nacht verbrachte ich im Delirium. Immer wieder schreckte ich auf und dachte, ich hätte geschlafen und von einem Tiger geträumt.
Kapitel 48
Seinen Namen verdankte Richard Parker einem Versehen. Im Khulna-Distrikt von Bangladesch, am Rande der bengalischen Sümpfe, trieb ein Panther sein Unwesen. Vor kurzem hatte er ein kleines Mädchen fortgeschleppt. Nichts war von ihr zurückgeblieben außer einem winzigen, mit Henna tätowierten Händchen und ein paar Plastikarmreifen. Sie war das siebte Opfer binnen zwei Monaten. Und der Menschenfresser wurde dreister. Das vorige Opfer war ein Mann gewesen, den er am helllichten Tage auf seinem Feld angegriffen hatte. Die Bestie schleppte ihn in den Wald und fraß einen Gutteil seines Kopfes, das Fleisch des rechten Beins und sämtliche Eingeweide. Die Leiche fand man in einer Astgabel hängen. In der Nacht hielten die Dorfbewohner Wache, in der Hoffnung, dass sie den Panther überraschen und erlegen konnten, aber er ließ sich nicht blicken. Die Behörden ließen einen Großwildjäger kommen. Er richtete sich einen verdeckten Schießstand ein, in einem Baum an einer Stelle des Flusses, wo der Panther schon zweimal zugeschlagen hatte. Eine Ziege wurde an einem Pfosten am Flussufer festgebunden. Der Jäger wartete Nacht um Nacht. Er war sicher, dass der Panther alt und verbraucht war, ein Männchen mit schlechten Zähnen, zu schwach, um etwas Wehrhafteres als einen Menschen zu reißen. Aber was dann schließlich in die Lichtung trat, war ein junger Tiger. Ein Weibchen mit einem einzelnen Jungen. Die Ziege meckerte. Doch das Junge, das etwa ein Vierteljahr alt sein mochte, achtete gar nicht darauf. Es stürmte ans Wasser und trank gierig. Die Mutter tat es nicht anders. Durst ist stets stärker als Hunger. Erst als die Tigerin ihren Durst gestillt hatte, wandte sie sich der Ziege zu. Der Jäger hatte zwei Flinten parat, eine mit Kugeln, die andere mit Betäubungsgeschossen. Dieser Tiger war nicht der Menschenfresser, aber so nahe an menschlichen Behausungen war er trotzdem eine Bedrohung, gerade mit einem Jungen. Er nahm das Betäubungsgewehr. Er schoss, gerade als die Tigerin zubeißen wollte. Sie bäumte sich auf, fauchte und ergriff die Flucht. Aber so ein Geschoss lässt ein Tier nicht allmählich schläfrig werden, so wie uns eine gute Tasse Tee; es ist eher wie eine Flasche Schnaps, die man mit einem Zug austrinkt. Wenn das Tier Widerstand leistet, wirkt es sogar noch schneller. Der Jäger rief per Funk seine Helfer herbei. Sie fanden die Tigermutter keine hundert Meter vom Fluss. Sie war noch bei Bewusstsein. Die Hinterbeine waren eingeknickt, auf den Vorderbeinen schwankte sie schon. Als die Männer sich näherten, wollte sie fliehen, kam aber nicht mehr auf die Beine. Sie versuchte es mit Angriff, hob die Pranke, mit der sie zuschlagen wollte. Doch der Hieb brachte sie nur zu Fall, und der Zoo in Pondicherry hatte zwei neue Tiger. Das Junge hatte sich im Gebüsch versteckt, wimmernd vor Furcht. Der Jäger, ein Mann namens Richard Parker, packte es mit bloßen Händen, und im Gedenken an den Durst, mit dem es an den Fluss gestürmt war, taufte er es Durstig. Die Tiere wurden vom Bahnhof Howrah verschickt, und die Intelligenz des dortigen Bahnbeamten hielt offenbar nicht ganz mit seinem Diensteifer Schritt. Auf den Papieren, die wir in mehrfacher Ausfertigung mit dem Tigerjungen bekamen, stand deutlich zu lesen, dass es Richard Parker heiße, als Nachname des Absenders wurde Durstig genannt, als Vorname Keiner. Vater hatte sich prächtig amüsiert, und Richard Parker hatte seinen Namen behalten.
Ob Keiner Durstig den mörderischen Panther noch erlegte, weiß ich nicht.
Kapitel 49
Am Morgen war ich wie gelähmt. Meine Erschöpfung bannte mich auf die Plane. Selbst das Denken war zu viel. Nur mit äußerster Anstrengung konnte ich überhaupt einen Gedanken fassen. Mit der Zähigkeit und dem Tempo einer Karawane, die durch die Wüste zieht, ordnete ich schließlich das Durcheinander in meinem Kopf.
Das Wetter war wie am Vortag warm und trübe, mit tiefhängenden Wolken und einem leichten Wind. Das war der erste Gedanke, den ich mir erarbeitete. Das Boot schaukelte sanft, das war der zweite.
Zum ersten Mal dachte ich an Nahrung. In den letzten drei Tagen hatte ich keinen Tropfen getrunken, keinen Bissen gegessen und keine Minute geschlafen. Diese nahe liegende Erklärung für meine Schwäche machte mir ein wenig Mut.
Richard Parker war nach wie vor an Bord. Genauer gesagt unmittelbar unter mir. Man hätte nicht glauben sollen, dass dies eine Frage war, die zu klären war, doch erst nach langem Überlegen, nach Betrachten aller möglichen Deutungen aus allen Perspektiven, kam ich zu dem Schluss, dass dies kein Traum und kein Wahn und keine falsche Erinnerung oder sonst eine Sinnestäuschung war, sondern eine unbestreitbare Tatsache, wahrgenommen in geschwächtem, aufs Äußerste erregtem Zustand. Ich würde mich vergewissern, sobald ich mich gut genug dazu fühlte.
Wie ich zweieinhalb Tage lang einen 450 Pfund schweren bengalischen Tiger in einem acht Meter langen Rettungsboot hatte übersehen können, war ein Rätsel, dessen Lösung warten musste, bis ich wieder besser bei mir war. Jedenfalls war Richard Parker mit Sicherheit der - relativ gesehen - größte blinde Passagier in der Geschichte der Seefahrt. Von der Nasen- bis zur Schwanzspitze nahm er über ein Drittel des Schiffes ein, auf dem er fuhr.
Jeder kann sich ausmalen, wie mich auch noch der letzte Mut verließ. So war es. Aber gerade dadurch ging es mir besser. Im Sport beobachtet man das immer wieder. Der Herausforderer des Tennischampions macht einen guten Aufschlag, doch binnen kurzem verliert er das Selbstvertrauen. Der Champion führt haushoch. Aber in der letzten Runde, wenn er nichts mehr zu verlieren hat, entspannt der Herausforderer sich wieder, er spielt mutiger, riskanter. Plötzlich lässt er die Bälle fliegen wie der Teufel, und der Champion hat alle Mühe, dass er seinen Vorsprung nicht verliert. Genauso war es bei mir. Einen Funken Hoffnung, dass man mit einer Hyäne fertig wurde, gab es, aber Richard Parker war mir so offensichtlich überlegen, dass ich keinen Gedanken daran verschwenden musste. Mit einem Tiger an Bord hatte ich keine Chance. Und da das nun feststand, konnte ich genauso gut sehen, dass ich etwas zu trinken fand.
Ich glaube, das hat mir an diesem Morgen das Leben gerettet - dass ich im wahrsten Sinne des Wortes verdurstete. Jetzt wo ich begriffen hatte, wie durstig ich war, konnte ich an gar nichts anderes mehr denken, als sei schon das Wort allein salzig, und je mehr ich es umwälzte, desto durstiger wurde ich. Ich habe mir sagen lassen, dass das Gefühl des Erstickens noch übermächtiger ist als das des Verdurstens. Aber nicht für lange, würde ich vermuten. Nach ein paar Minuten ist man tot, und damit ist auch die Qual des Erstickens vorbei. Das Verdursten hingegen zieht sich sehr lange hin. Christi Tod am Kreuz war ein Ersticken, aber nur über den Durst hat Er sich beklagt. Wenn Durst eine solche Qual ist, dass selbst der menschgewordene Gott ihn nicht erträgt, kann man sich die Wirkung auf einen gewöhnlichen Sterblichen ausmalen. Es war genug, dass man den Verstand darüber verlieren konnte. Nie habe ich größere körperliche Qualen gespürt als diesen fauligen Geschmack im Mund, die pelzige Zunge, das unerträgliche Würgen im Hals, das Gefühl, dass mein Blut zu einem dicken Sirup wurde, der kaum noch im Körper kreiste. Wahrlich, ein Tiger war nichts dagegen.