Nicht lange, und ein Wohlbehagen stellte sich ein. Mein Mund wurde wieder feucht und weich. Meinen Hals spürte ich gar nicht mehr. Meine Haut entspannte sich. Meine Gelenke bewegten sich wieder mühelos. Mein Herz schlug in einem fröhlicheren Rhythmus, und das Blut zirkulierte in meinen Adern wie die Wagen einer Hochzeitsgesellschaft, die hupend durch die Stadt ziehen. Die Muskeln fühlten sich wieder kräftiger und geschmeidiger an. Der Kopf wurde klarer. Ich war ein Toter, der wieder zum Leben erwachte. Es war ein wunderbares, wunderbares Gefühl. Wer sich an Alkohol berauscht, der soll sich schämen, aber der Wasserrausch ist die schönste aller Extasen. Minutenlang saß ich einfach nur da und genoss dieses Glück.
Eine gewisse Leere machte sich bemerkbar. Ich befühlte meinen Bauch. Er war hart und nach innen gewölbt. Zeit, etwas zu essen. Ein Masala Dosai mit Kokosnusschutney-mmmmmm! Oder besser noch: Oothappam! MMMMMM! Oh! Ich hielt mir beide Hände vor den Mund - IDLI! Schon das bloße Wort versetzte mir einen Stich in die Kaumuskeln, und ganze Sturzbäche von Wasser liefen mir im Munde zusammen. Meine rechte Hand zuckte. Ich musste mich zusammennehmen, sonst hätte ich sie tatsächlich nach den köstlichen Reisbällchen ausgestreckt, die ich in meiner Phantasie sah. In Gedanken nahm ich die dampfende Kugel ... tunkte sie in Soße ... steckte sie mir in den Mund ... kaute ... oh, welch wunderbare Qual!
Ich schaute nach, was im Stauraum an Essbarem zu finden war. Es gab Päckchen mit Notrationen, Seven Oceans Standard Emergency Ration aus dem fernen, exotischen Bergen in Norwegen. Das Frühstück, das mir neun versäumte Mahlzeiten ersetzen sollte, ganz zu schweigen von den Leckerbissen, die mir Mutter sonst noch zugesteckt hätte, kam in Gestalt eines Halbkiloblocks, schwer, massiv, vakuumverpackt in silberne Plastikfolie mit Anweisungen in zwölf Sprachen. Die Aufschrift besagte, dass die Packung achtzehn angereicherte Schiffszwiebacke enthielt, bestehend aus Weizenmehl, tierischen Fetten und Glukose, und dass man nicht mehr als sechs davon in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden verzehren solle. Das mit dem Fett war Pech, aber unter den gegebenen Umständen musste der Vegetarier in mir sich einfach die Nase zuhalten und sich mit dem abfinden, was zu haben war.
Oben fand ich die Aufschrift Hier aufreißen und einen schwarzen Pfeil, der die Richtung wies. Die Kante der Verpackung öffnete sich unter meinen Fingern. Neun in Wachspapier eingeschlagene längliche Plättchen kamen zum Vorschein. Ich packte eines aus. Es hatte eine Rille, an der es sich in zwei Hälften brechen ließ. Zwei fast quadratische Zwiebacke, gelblich und wohlriechend. Ich biss einen an. Donnerwetter, wer hätte das gedacht? Ich hatte ja keine Ahnung. Es war ein Geheimnis, das man mir mein Leben lang vorenthalten hatte: Die norwegische Küche war die beste der Welt! Dieser Zwieback war eine Delikatesse! Er war würzig, angenehm auf der Zunge, weder zu süß noch zu salzig. Er ließ sich unter angenehm knarzenden Lauten mit den Zähnen zermahlen. Mit Speichel vermischt, ergab sich eine körnige Paste, die geradezu betörend schmeckte und sich ebenso gut anfühlte. Und als ich schluckte, sagte mein Magen nur ein einziges Wort darauf: Halleluja!
Binnen weniger Minuten war das ganze Päckchen verschwunden, der Wind trug die Wachspapiere davon. Ich überlegte, ob ich noch ein zweites öffnen sollte, entschied mich aber dagegen. Es war wohl vernünftiger, wenn ich mich ein wenig beherrschte. Und das halbe Kilo Notration lag mir schon ziemlich schwer im Magen.
Ich beschloss, dass ich mir einen Überblick verschaffen und genauer herausfinden sollte, was in meiner Schatztruhe steckte. Es war ein beträchtlicher Stauraum, weit größer als die Klappe. Er erstreckte sich bis zum Schiffsboden und hatte noch zwei Kammern unter den Seitenbänken. Ich stieg hinein und setzte mich auf die Kante, mit dem Rücken zum Bug. Ich zählte die Zwiebackpäckchen. Eins hatte ich gegessen, einunddreißig waren noch da. Gemäß den Instruktionen reichte ein 500-Gramm-päckchen für einen Schiffbrüchigen drei Tage lang. Ich hatte also Nahrungsrationen für - 31 x 3 - 93 Tage! Es stand dort auch, man solle sich mit einem halben Liter Wasser pro Tag begnügen. Ich zählte die Wasserdosen. Es waren 124. Jede ein halber Liter. Wasser hatte ich also für 124 Tage. Nie hatte eine einfache Rechenaufgabe ein solches Lächeln auf mein Gesicht gezaubert.
Was gab es sonst noch? Eifrig tauchte ich in den Stauraum ein und holte ein Wunderding nach dem anderen hervor. Jedes einzelne davon, ganz gleich was es war, war mir ein Trost. Mein Hunger nach menschlicher Gesellschaft war so groß, dass mir die Sorgfalt, mit der jedes dieser maschinengefertigten Güter produziert war, wie eine Wohltat vorkam, die jemand mir ganz persönlich tat. Immer wieder murmelte ich »Danke schön! Danke schön! Danke schön!«
Kapitel 52
Nach gründlicher Musterung stellte ich eine Inventarliste auf:
192 Tabletten gegen Seekrankheit
124 Blechdosen Trinkwasser, jeweils 500 Milliliter, insgesamt 62 Liter
32 Spucktüten, Kunststoff
31 Päckchen Notrationen, jeweils 500 Gramm, insgesamt 15,5 Kilogramm
16 Wolldecken
12 Solardestillen
ca. 10 orangefarbene Schwimmwesten, jede mit Trillerpfeife, ebenfalls orange, an einer Schnur
6 Morphiumampullen mit Spritzen
6 Signalfackeln
5 schwimmfähige Ruder
4 Signalraketen
3 kräftige transparente Kunststoffsäcke, Fassungsvermögen jeweils ca. 50 Liter
3 Dosenöffner
3 Trinkbecher, Glas, mit Maßeinteilung
2 Schachteln wasserfeste Streichhölzer
2 schwimmende orangefarbene Nebelkerzen
2 mittelgroße orangefarbene Kunststoffeimer
2 schwimmfähige orangefarbene Schöpfgefäße, Kunststoff
2 Universalgefäße, Kunststoff, mit luftdichtem Deckel
2 gelbe rechteckige Schwämme
2 schwimmfähige Kunststoffseile, jeweils 50 Meter lang
2 nicht schwimmfähige Kunststoffseile ohne Längenangabe, jedoch jeweils mindestens 30 Meter
2 Angelruten mit Haken, Schnur und Gewichten
2 Fischhaken mit äußerst scharfen gezahnten Widerhaken
2 Treibanker
2 Beile
2 Regensammler
2 Kugelschreiber, schwarz
1 Packnetz, Kunststoff
1 massiver Rettungsring, Innendurchmesser 40 Zentimeter, Außendurchmesser 80 Zentimeter, mit zugehörigem Seil
1 großes Jagdmesser mit massivem, spitz zulaufendem Griff, am einen Ende eine scharfe, am anderen eine gezahnte Klinge; mit einer langen Schnur an einem Ring im Stauraum befestigt
1 Nähzeugetui mit geraden und gebogenen Nadeln und kräftigem weißem Zwirn
1 Verbandskasten, wasserdicht, Kunststoff
1 Signalspiegel
1 Päckchen chinesische Filterzigaretten
1 große Tafel Bitterschokolade
1 Überlebenshandbuch