1 Kompass
1 Notizbuch mit 98 linierten Seiten
1 Junge mit einem kompletten Satz leichter Kleider bis auf einen verlorenen Schuh
1 Tüpfelhyäne
1 Bengalischer Tiger
1 Rettungsboot
1 Ozean
1 Gott
Ich aß ein Viertel der großen Schokoladentafel. Ich sah mir einen Regensammler genauer an. Es war eine Vorrichtung, die aussah wie ein umgedrehter Regenschirm, mit einem großen Beutel darunter, der das Wasser aufnahm, und einem Gummischlauch, der beides verband.
Ich kreuzte die Arme vor dem Rettungsring um meinen Bauch, ließ den Kopf auf die Brust sinken, und im nächsten Augenblick war ich fest eingeschlafen.
Kapitel 53
Ich schlief den ganzen Vormittag. Eine Beklommenheit weckte mich. Die Welle aus Nahrung, Wasser und Schlaf, die durch meinen geschwächten Körper lief und mir wieder die Kraft zum Leben gab, spülte zugleich auch die Erkenntnis herauf, wie aussichtslos meine Lage war. Ich wachte auf und wusste, dass Richard Parker da war. Dieses Rettungsboot hatte einen Tiger an Bord. Ich konnte es kaum glauben, aber ich wusste, dass es so war. Und ich musste mein Leben retten.
Ich überlegte, ob ich ins Wasser springen und einfach davonschwimmen konnte, aber mein Körper weigerte sich. Ich war Hunderte von Meilen vom nächsten Land entfernt, über tausend vielleicht. Eine solche Distanz konnte ich nicht schwimmen, auch nicht mit Rettungsring. Was sollte ich essen? Was sollte ich trinken? Wie sollte ich mich vor den Haien schützen? Vor der Auskühlung? Woher sollte ich wissen, in welche Richtung ich schwimmen musste? Wenn eines feststand, dann das: Das Boot zu verlassen bedeutete den sicheren Tod. Aber was gewann ich denn, wenn ich an Bord blieb? Nach Katzenart würde er sich anschleichen, lautlos. Ehe ich wusste, wie mir geschah, hätte er mich schon am Hals oder im Nacken gepackt und mit seinen Reißzähnen durchlöchert. Ich würde nicht mehr sprechen können. Das Blut des Lebens würde aus mir herausströmen, ohne dass ich auch nur einen letzten Seufzer tun konnte. Oder er würde mich mit einem Schlag seiner gewaltigen Pranken töten, der mir das Genick brach.
»Ich muss sterben«, schluchzte ich mit bebenden Lippen.
Es ist schlimm genug, wenn man den Tod kommen sieht, doch noch schlimmer ist der Tod mit Wartezeit, in der man sich noch einmal vor Augen führt, wie glücklich man gewesen ist und wie glücklich man noch hätte sein können. Mit äußerster Klarheit sieht man alles, was man verliert. Eine so tiefe Traurigkeit stellt sich ein, dass kein Auto, das auf einen zurast, und kein Wasser, das sich über einem schließt, dagegen ankann. Nicht auszuhalten ist dieses Gefühl. Die Worte Vater, Mutter, Ravi, Indien, Winnipeg trafen mich mit all ihrer Macht.
Ich gab auf. Ich hätte aufgegeben - hätte sich in meinem Herzen nicht eine Stimme bemerkbar gemacht. Die Stimme sagte: »Ich sterbe nicht. Das lasse ich nicht zu. Ich werde diesen Alptraum überleben. So schlecht meine Karten auch sind, ich gewinne dieses Spiel. Bisher habe ich überlebt, das ist ein Wunder. Jetzt werde ich dafür sorgen, dass es bei dem Wunder auch bleibt. Von jetzt an wird jeder Tag ein unglaublicher Tag sein, dafür sorge ich, koste es, was es wolle. Jawohl, solange Gott bei mir ist, sterbe ich nicht. Amen.«
Mein Gesicht nahm einen grimmigen, zu allem entschlossenen Ausdruck an. Ich sage es in aller Bescheidenheit, aber dies war der Augenblick, in dem ich begriff, welch ungeheurer Lebenswille in mir steckt. Nach meiner Erfahrung ist das einem Menschen selten wirklich bewusst. Mancher von uns gibt mit einem einzigen resignierten Seufzer das Leben auf. Andere kämpfen ein wenig, dann verlieren sie den Mut. Wieder andere - und zu denen gehöre ichgeben niemals auf. Wir kämpfen und kämpfen und kämpfen, ganz gleich welche Opfer die Schlacht verlangt und wie gering die Aussicht auf Sieg sein mag. Wir kämpfen bis zum Letzten. Es ist keine Frage des Muts. Es ist etwas an unserem Charakter, das uns das Aufgeben einfach unmöglich macht. Vielleicht ist es nicht mehr als Lebenshunger mit einer großen Portion Dummheit.
In diesem Augenblick knurrte Richard Parker zum ersten Mal - als habe er gewartet, bis ich mich zum würdigen Gegner aufgeschwungen hatte. Es schnürte mir die Kehle zu.
»Jetzt aber los, Mann, schnell«, hauchte ich. Ich musste etwas für mein Überleben tun. Keine Sekunde war zu verlieren. Ich brauchte Deckung, und zwar sofort. Ich dachte an den Bugspriet, den ich mit einem Ruder gebastelt hatte. Aber jetzt war die Plane am Bug aufgerollt; der Rest hätte das Ruder nicht mehr gehalten. Und ich wusste auch nicht, ob es wirklich Sicherheit vor Richard Parker bedeutete, wenn ich am äußeren Ende eines Ruders hing. Wahrscheinlich musste er nur seine Pranke ausstrecken und mich mit der Kralle angeln. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Mein Verstand lief auf Hochtouren.
Ichbaute ein Floß. Die Ruderwaren, wie gesagt, aus schwimmfähigem Material. Und ich hatte Schwimmwesten und einen großen Rettungsring.
Mit angehaltenem Atem schloss ich den Deckel zum Stauraum und griff unter die Plane nach den Rudern auf den Seitenbänken. Richard Parker spürte es. Ich konnte ihn zwischen den Schwimmwesten sehen. Jedes Mal wenn ich ein Ruder herauszog - man kann sich vorstellen, wie vorsichtig -, wurde er ein wenig unruhig. Aber er drehte sich nicht um. Insgesamt zog ich drei Ruder heraus. Ein viertes lag ja schon oben auf der Plane. Ich klappte den Deckel wieder auf und blockierte damit die Öffnung zu Richard Parkers Höhle.
Ich hatte vier schwimmende Ruder. Ich legte sie auf der Plane um den Rettungsring. Damit hatte ich einen Ring in einem Viereck aus Rudern, als wollte ich mich an der Quadratur des Kreises versuchen.
Jetzt kam der gefährliche Teil. Ich brauchte die Schwimmwesten. Richard Parkers Knurren war nun ein tiefes Rumpeln, von dem das ganze Boot zitterte. Die Hyäne antwortete mit einem an- und abschwellenden hohen Heulen, ein sicheres Zeichen, dass Gewalt in der Luft lag.
Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste handeln. Ich klappte den Deckel zu. Die Schwimmwesten lagen nur eine Armeslänge von mir. Einige berührten Richard Parker. Die Hyäne stieß einen Schrei aus.
Ich griff nach der Weste, die mir am nächsten lag. Ich konnte sie nur mit Mühe festhalten, so sehr zitterte mir die Hand. Ich zog sie heraus. Richard Parker bemerkte es anscheinend gar nicht. Ich holte die nächste. Und noch eine. Mir wurde schwarz vor Augen, so sehr fürchtete ich mich. Ich bekam kaum noch Luft. Wenn es sein musste, sagte ich mir, konnte ich mich mit diesen Schwimmwesten über Bord werfen. Ich zog noch eine letzte heraus. Damit hatte ich nun vier Westen.
Ich holte die Ruder eins nach dem anderen heran, steckte sie durch die Armlöcher der Westen - zum einen hinein, zum anderen hinaus -, sodass eine an jede Seite des Floßes kam, und zurrte sie fest.
Ich nahm eins der schwimmenden Seile. Mit dem Messer schnitt ich vier Stücke davon ab. An den Stellen, an denen die vier Ruder sich trafen, band ich sie zusammen. Hätte ich doch nur Ahnung vom Knotenbinden gehabt! An jeder Ecke machte ich zehn Knoten und fürchtete immer noch, dass es nicht halten würde. Ich arbeitete fieberhaft und verfluchte meine Dummheit. Ein Tiger an Bord, und ich hatte drei Tage und drei Nächte gewartet, bevor ich Anstalten machte, mein Leben zu retten!
Ich schnitt vier weitere Stücke Seil ab und band den Rettungsring an allen vier Seiten des Quadrats an den Rudern fest. Das Seil, das zum Ring gehörte, führte ich durch die Schwimmwesten, schlang es um die Ruder, immer wieder um den Ring und weiter ringsum - alles, was ich tun konnte, um dafür zu sorgen, dass mein Floß sich nicht unter mir auflöste.
Die Hyäne schrie nun aus vollem Halse.
Eines musste ich noch tun. »Gott, gib mir Zeit«, flehte ich. Ich griff zum Rest des schwimmenden Seils. Im Bug des Bootes, weit oben, war eine Öse. Ich zog das Seil hindurch und band es fest. Nun musste ich nur noch das andere Ende am Floß befestigen, dann konnte ich mich vielleicht noch retten.