Die Hyäne verstummte. Mein Herz setzte aus, dann schlug es im dreifachen Tempo. Ich drehte mich um.
»Jesus, Maria, Mohammed und Vishnu!«
Es war ein Anblick, den ich bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen werde. Richard Parker hatte sich erhoben und war aus seiner Höhle gekommen. Er war keine fünf Meter von mir entfernt. Liebe Güte, wie groß er war! Das letzte Stündlein der Hyäne hatte geschlagen, und meines dazu. Ich stand wie angewurzelt da, gelähmt, starrte gebannt auf das Schauspiel, das vor meinen Augen begann. Meine kurze Erfahrung mit dem ungehinderten Umgang von Wildtieren auf Rettungsbooten ließen mich laute Proteste erwarten, nun wo die Zeichen auf Sturm standen. Aber es blieb beinahe still. Die Hyäne starb ohne Schrei und ohne Jammern, und Richard Parker schlug lautlos zu. Der flammend rote Räuber kam unter der Plane hervor und warf sich auf die Hyäne. Die Hyäne stand an der Heckbank, hinter den Überresten des Zebras, gelähmt. Sie wehrte sich nicht. Stattdessen drückte sie sich an den Boden und hob nur eine Pfote in einer vergeblichen Geste der Verteidigung. Entsetzen stand ihr im Gesicht geschrieben. Eine mächtige Pranke packte sie an der Schulter. Richard Parker schlug die Zähne in ihren Hals. Sie riss die glasigen Augen auf. Ich hörte das Knacken und Reißen, als er Rückgrat und Kehle durchbiss. Die Hyäne zuckte. Ihre Augen wurden trübe. Es war vorbei.
Mit einem Knurren ließ Richard Parker sie los. Aber es war ein verhaltenes Knurren, privat und ein wenig halbherzig, könnte man sagen. Er hechelte, die Zunge hing ihm aus dem Mund. Er leckte sich die Lippen. Er schüttelte den Kopf. Er beschnüffelte die tote Hyäne. Er reckte den Kopf in die Höhe und schnupperte die Luft. Er legte die Pranken auf die Heckbank und stemmte sich auf. Alle vier Füße hielt er weit auseinander. Das Schlingern des Bootes, auch wenn es derzeit nur leicht war, war sichtlich nicht nach seinem Geschmack. Er blickte über die Bootskante aufs offene Meer. Er stieß ein leises, drohendes Fauchen aus. Er schnüffelte noch einmal. Langsam drehte er den Kopf. Er drehte - drehte - drehte ihn immer weiter, bis er mir ins Gesicht blickte.
Ich wünschte, ich könnte beschreiben, was dann geschah. Nicht das, was ich sah - das wird mir vielleicht noch gelingen -, sondern das, was ich spürte. Ich sah Richard Parker aus der Perspektive, aus der er am besten zur Geltung kam: von hinten, halb aufgerichtet, den Kopf dem Betrachter zugewandt. Das Bild hatte etwas Künstlerisches, als hätte er sich in Szene gesetzt, um ein spektakuläres Kunstwerk zu schaffen. Und wie spektakulär es war, was für eine Kunst! Seine Präsenz war überwältigend, und nicht minder eindrucksvoll war die geschmeidige Eleganz. Seine Muskeln waren von unglaublicher Kraft, doch trotzdem war er schmal in den Hüften, sein schimmerndes Fell wirkte schlank. Sein Körper, leuchtendes Braunorange mit vertikalen schwarzen Streifen, war Schönheit in Perfektion, die makellos weiße Brust und der Bauch, der schwarz geringelte lange Schwanz wie die Accessoires eines Maßschneiders. Sein Kopf war groß und rund mit eindrucksvollem Backenbart, einem schicken Spitzbart und Schnurrhaaren, wie man sie selbst in der Katzenwelt kaum schöner findet, kräftig und lang und weiß. Oben saßen kleine, doch sehr bewegliche Ohren, die Rundungen perfekte Bögen. Die Nase im braunroten Gesicht war breit, die Spitze rosa, die Bemalung war mit energischen Strichen aufgetragen. Schwarze, gewellte Ringe umgaben das Gesicht mit einem Muster, das graphisch und doch nicht grob war, denn es lenkte die Aufmerksamkeit nicht auf sich, sondern auf den einen Teil, der nicht bemalt war, den Nasenrücken, dessen Rostrot geradezu glomm. Die weißen Flecken über den Augen, auf den Wangen und am Mund waren die letzten Retuschen, die vollends einen Kathakalitänzer aus ihm machten. Es war ein Gesicht wie die Flügel eines Schmetterlings, weise und irgendwie chinesisch. Doch als der Blick aus Richard Parkers bernsteinfarbenen Augen den meinen traf, da war er intensiv und kalt und unerbittlich, er hatte nichts Nachgiebiges, nichts Freundliches, nur eine Selbstbeherrschung stand darin, die jeden Moment zur Wut explodieren konnte. Seine Ohren zuckten. Dann machten sie eine volle Drehung. Er hob einen Mundwinkel, dann ließ er ihn wieder sinken. Der gelbe Reißzahn, den er so anmutig präsentierte, war so lang wie mein längster Finger.
Jedes einzelne Haar an mir hatte sich aufgerichtet und brüllte vor Furcht.
Und da erschien die Ratte. Wie aus dem Nichts saß plötzlich auf der Seitenbank eine struppige braune Ratte, aufgeregt und atemlos. Richard Parker schien genauso überrascht wie ich. Die Ratte sprang auf die Plane und kam auf mich zugerannt. Es war ein solcher Schock, dass mir die Beine einknickten, und ich fiel mehr oder weniger hinab in den Stauraum. Vor meinen ungläubigen Augen hüpfte der Nager über mein im Entstehen begriffenes Floß, sprang auf mich und kletterte hoch oben auf meinen Kopf, wo ich spürte, wie die kleinen Krallen sich an meinen Skalp klammerten und mit aller Kraft festhielten.
Richard Parkers Augen waren der Ratte gefolgt. Nun war sein Blick fest auf meinen Kopf gerichtet.
Langsam folgte der Körper der Kopfdrehung nach, mit den Vordertatzen auf der seitlichen Bank. Vorsichtig ließ er sich auf den Boden gleiten. Ich sah die Oberseite seines Kopfes, den Rücken und den langen, geschwungenen Schwanz. Die Ohren hatte er flach an den Kopf gelegt. Mit drei Schritten war er in der Bootsmitte. Ohne jede Mühe hob er den Vorderleib und legte die Pranken auf das zusammengerollte Ende der Plane.
Keine drei Meter trennten ihn von mir. Kopf, Brust, Pranken - wie entsetzlich groß! Seine Zähne - die Kraft einer ganzen Batallion zwischen zwei Kiefern. Er setzte zum Sprung auf die Plane an. Mein letzter Augenblick war gekommen.
Aber die nachgiebige Oberfläche irritierte ihn. Er drückte mit einer Pranke darauf. Er blickte sichernd auf - so offen an Licht und Luft war er ja nicht in seinem Metier. Er hatte Mühe, das Schlingern des Boots aufzufangen. Einen kurzen Augenblick lang zögerte Richard Parker.
Ich packte die Ratte und warf sie ihm zu. Ich sehe es noch vor mir, wie sie durch die Luft flog - die Krallen gespreizt, der Schwanz aufrecht, der längliche Hodensack, das Löchlein des Anus. Richard Parker sperrte den Rachen auf, und die quietschende Ratte verschwand darin wie ein Schlagball im Handschuh des Fängers. Den nackten Schwanz schlürfte er wie eine Nudel.
Er schien zufrieden mit seiner Ration. Er ließ sich wieder nach unten und kehrte unter die Plane zurück. Sofort erwachten meine Beine zum Leben. Ich sprang auf und klappte den Deckel vor, damit der Durchgang zwischen Bugbank und Plane blockiert war.
Ich hörte lautes Schnüffeln, dann das Geräusch von etwas Schwerem, das durchs Boot gezerrt wurde. Seine Bewegungen ließen das Boot ein wenig schaukeln. Dann hörte ich Reißen und Kauen. Vorsichtig lugte ich über die Plane. Er war in der Mitte des Bootes. Gierig verschlang er die Hyäne in großen Stücken. Eine solche Chance kam nicht noch einmal. Ich beugte mich vor und holte die übrigen Schwimmwesten - insgesamt sechs - und das letzte Ruder. Damit konnte ich das Floß noch sicherer machen. Im Vorbeigehen fiel mir ein Geruch auf. Nicht der scharfe Gestank von Katzenurin. Es roch nach Erbrochenem. Eine Pfütze davon stand am Boden des Boots. Sie konnte nur von Richard Parker kommen. Er war also tatsächlich seekrank.
Ich band das lange Seil am Floß an. Rettungsboot und Floß waren nun verbunden. Als Nächstes stattete ich die Unterseite des Floßes auf allen vier Seiten mit Schwimmwesten aus. Eine weitere schnallte ich über das Loch des Rettungsrings, wo sie als Sitz dienen sollte. Aus dem letzten Ruder machte ich eine Fußstütze, die ich auf einer der vier Seiten einen halben Meter vom Rettungsring festband; daran wiederum befestigte ich die letzte Schwimmweste. Ich arbeitete mit zitternden Fingern, mein Atem kam kurz und gepresst. Ich überprüfte sämtliche Knoten, dann überprüfte ich sie noch einmal.