Ich blickte hinaus auf die See. Nur lange, sanfte Wellen. Keine Schaumkronen. Der Wind war schwach und gleichmäßig. Ich blickte nach unten. Es waren Fische dort unten - große Fische mit dicken Schädeln und langen Schwanzflossen, Doraden oder Goldmakrelen nennt man sie, und kleinere von unbekannter Art, lang und schlank, und noch kleinere - und es gab Haie.
Vorsichtig ließ ich das Floß zu Wasser. Sollte es wider Erwarten nicht schwimmen, war ich so gut wie tot. Aber es schwamm. Die Schwimmwesten gaben ihm sogar so viel Auftrieb, dass die Ruder und der Rettungsring oben auf der Wasseroberfläche tanzten. Aber mein Mut sank. Kaum berührte das Floß das Wasser, machten die Fische sich davon - alle außer den Haien. Die Haifische blieben. Drei oder vier waren es. Einer schwamm direkt unter dem Floß hindurch. Richard Parker knurrte.
Ich kam mir vor wie ein Gefangener, den Piraten von einer Planke schubsten.
Ich navigierte das Floß so nahe an das Rettungsboot heran, wie die vorstehenden Ruder erlaubten. Ich lehnte mich hinunter und umfasste den Rettungsring. Im Floßboden gab es Ritzen - gähnende Abgründe wäre der passendere Ausdruck -, durch die ich direkt hinunter in die unendliche Tiefe der See blicken konnte. Wieder knurrte Richard Parker. Ich sprang hinunter zum Floß und landete auf dem Bauch. Ich lag dort, alle viere von mir gestreckt, und rührte mich nicht. Ich rechnete damit, dass das Floß jeden Moment kippen würde. Oder dass ein Hai auftauchte und mich mitsamt Schwimmwesten und Rudern verschlang. Keins von beiden geschah. Das Floß sank tiefer ein, es schlingerte und rollte, die Blätter der Ruder tauchten ein, aber es schwamm bestens. Die Haie kamen vorbei, aber sie rührten es nicht an.
Ein leichter Ruck. Das Floß drehte sich. Ich blickte auf. Rettungsboot und Floß hatten sich bereits so weit voneinander entfernt, wie das Seil erlaubte, etwa zwölf Meter. Das Seil spannte sich, hob sich aus dem Wasser und flatterte in der Luft. Der Anblick machte mir Angst. Ich war vom Boot geflohen, um mir das Leben zu retten. Jetzt wollte ich zurück. So ein Floß war doch entschieden zu gefährlich. Es musste nur ein Hai kommen und das Seil durchbeißen, oder ein Knoten musste sich lösen oder eine große Welle mich untertauchen, und es war um mich geschehen. Gemessen am Floß kam das Rettungsboot mir nun als der Gipfel von Komfort und Sicherheit vor.
Vorsichtig wandte ich mich um. Bis jetzt lag es gut im Wasser. Meine Fußstütze bewährte sich. Aber das Floß war zu klein. Der Platz reichte gerade, um darauf zu sitzen, mehr war es nicht. Ein solches Spielzeugfloß, Minifloß, Mikrofloß konnte man im Teich schwimmen lassen, aber nicht im Pazifischen Ozean. Ich fasste das Seil und zog. Je näher ich an das Rettungsboot kam, desto langsamer zog ich. Als ich längsseits war, hörte ich Richard Parker. Ich hörte ihn rupfen und kauen.
Minutenlang zögerte ich.
Dann blieb ich doch auf dem Floß. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten. Entweder hatte ich einen Tiger oder ich hatte Haie unter mir. Ich wusste genau, wie gefährlich Richard Parker war. Haie hingegen waren mir den Beweis noch schuldig. Ich prüfte die Knoten des Seils, das Rettungsboot und Floß miteinander verband. Ich gab Leine, bis ich etwa neun Meter vom Rettungsboot entfernt war, der beste Ausgleich zwischen meinen zwei Ängsten: dass ich Richard Parker zu nahe oder dem Boot zu fern war. Die übrige Leine, etwa drei Meter, wickelte ich um die Fußstütze. Damit konnte ich den Abstand vergrößern, sobald es ratsam schien.
Der Tag ging zu Ende. Es begann zu regnen. Den ganzen Tag über war es warm und wolkig gewesen. Jetzt fiel die Temperatur, und der Regen kam kalt und gleichmäßig. Rund um mich platschten die Süßwassertropfen ins Meer, eine einzige große Verschwendung. Jeder Tropfen hinterließ ein Grübchen im Wasser. Ich holte wieder mehr Leine ein. Als ich am Bug angekommen war, setzte ich mich auf die Knie und hielt mich am Achtersteven fest. Ich zog mich hinauf und lugte vorsichtig über die Kante. Er war nicht zu sehen.
Hastig stieg ich in den Stauraum. Ich holte einen Regensammler, einen 50-Liter-Plastiksack, eine Decke und das Überlebenshandbuch heraus. Ich warf den Deckel zu. Das war keine Absicht - ich hatte nur meine wertvollen Güter vor dem Regen schützen wollen -, aber er rutschte mir aus der nassen Hand. Ein schwerer Fehler. Gerade in dem Augenblick, in dem ich die Sichtblende, die mich vor Richard Parker verborgen hatte, fortnahm, verursachte ich einen großen Knall, der ihn auf mich aufmerksam machte. Er stand über die Hyäne gebeugt. In derselben Sekunde hatte er schon den Kopf gewandt. Viele Tiere reagieren äußerst gereizt, wenn man sie beim Fressen stört. Richard Parker fauchte. Seine Pranken spannten sich. Die Schwanzspitze zuckte elektrisch. Ich ließ mich wieder aufs Floß fallen, und es muss wohl ebenso viel Furcht wie Wind und Strömung gewesen sein, was die Distanz zum Rettungsboot so schnell wachsen ließ. Ich spulte sämtliche Leine ab. Ich rechnete damit, dass Richard Parker jeden Moment über die Kante gesprungen und durch die Luft geflogen kam und sich mit Zähnen und Klauen auf mich stürzte. Mein Blick war auf das Boot geheftet. Je länger ich hinsah, desto unerträglicher war die Erwartung.
Aber er kam nicht.
Bis ich den Regensammler über mir aufgespannt und die Füße in den Plastiksack gesteckt hatte, war ich bereits nass bis auf die Haut. Auch die Wolldecke war feucht geworden, als ich mich aufs Floß zurückfallen ließ. Trotzdem wickelte ich mich hinein.
Die Nacht kam. Alles um mich herum verschwand im Pechschwarz. Nur das gleichmäßig gespannte Seil bestätigte mir, dass mein Floß noch vom Rettungsboot gezogen wurde. Die See, nur eine Handbreit unter mir und doch zu tief, um sie zu sehen, ließ das Floß tanzen. Spritzer angelten durch die Ritzen nach mir, und selbst mein Hintern war nun nass.
Kapitel 54
Es regnete die ganze Nacht. Ich litt fürchterlich und tat kein Auge zu. Der Lärm war grässlich. Die Tropfen prasselten auf den Regensammler, und von weiter fort, aus der Dunkelheit, kam ein Zischen, als steckte ich mitten in einem großen Nest von wütenden Schlangen. Der Wind war unstet und der Regen kam aus immer wieder neuen Richtungen, und gerade wenn ein Teil von mir ein wenig warm geworden war, wurde er von neuem durchnässt. Ich drehte den Regensammler in die richtige Richtung, und schon ein paar Minuten darauf hielt ich ihn wieder falsch, wenn der Wind von neuem drehte. Ich mühte mich, dass wenigstens ein kleiner Teil von mir warm und trocken blieb, an meiner Brust, wohin ich das Überlebenshandbuch gesteckt hatte, aber es war geradezu pervers, wie die Feuchtigkeit in jeden Winkel kroch. Die ganze Nacht über zitterte ich vor Kälte. Unablässig sorgte ich mich, das Floß könnte auseinander fallen, die Knoten, mit denen es am Rettungsboot festgezurrt war, könnten sich lösen, ein Hai könnte angreifen. Mit meinen Händen tastete ich unablässig die Knoten und Verschnürungen ab, versuchte sie zu lesen, wie ein Blinder die Brailleschrift.
Im Laufe der Nacht wurde der Regen immer stärker, die See rauer. Das Boot riss nun eher an der Leine als dass es zog, und das Floß schaukelte immer stärker und ungleichmäßiger. Es schwamm, es machte jede Wellenbewegung mit, aber ich saß eben direkt über dem Wasser, und der Schaum jedes Brechers rann darüber und umspülte mich, wie ein Fluss einen Felsen umspült. Das Meerwasser war wärmer als der Regen, aber es sorgte dafür, dass in jener Nacht kein Faden an mir trocken blieb.
Immerhin hatte ich zu trinken. Wirklich durstig war ich nicht, aber ich zwang mich dazu. Der Sammler sah aus wie ein umgestülpter Regenschirm, einer, den der Wind hochgeblasen hat. In der Mitte hatte er ein Loch, durch das der Regen abfloß. Dieses Loch verband ein Gummischlauch mit einem Beutel aus dickem, durchsichtigem Kunststoff. Anfangs schmeckte es nach Gummi, aber schon bald hatte der Regen die Vorrichtung ausgespült, und das Wasser schmeckte gut.
In jenen langen, kalten, dunklen Stunden, als das Platschen des unsichtbaren Regens allmählich ohrenbetäubende Ausmaße annahm, konzentrierten sich meine Gedanken auf ein einziges Thema: Richard Parker. Ich spielte die verschiedenen Möglichkeiten durch, ihn loszuwerden, damit ich das Rettungsboot für mich allein hatte.