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Plan eins: Ich schubse ihn vom Rettungsboot. Aber was hatte ich davon? Selbst wenn es mir tatsächlich gelang, ein 450 Pfund schweres wehrhaftes Raubtier vom Boot zu stoßen, blieb er ein guter Schwimmer. Aus den Sundarbans, den bengalischen Sümpfen, ist belegt, dass Tiger fünf Meilen in rauer, offener See schwimmen. Würde er sich unvermutet im Meer wieder finden, würde Richard Parker einfach zurückschwimmen, wieder an Bord klettern und mich dann für meine Untat büßen lassen.

Plan zwei: Ich bringe ihn mit den sechs Morphiumspritzen um. Aber ich hatte keine Ahnung, welche Wirkung sie auf ihn haben würden. Waren sechs Spritzen genug? Es war nicht ganz undenkbar, dass ich ihn einmal eine Sekunde lang überraschte, so wie der Jäger seine Mutter mit dem Betäubungsgeschoss überrascht hatte - aber sechsmal hintereinander? Undenkbar. Wenn ich ihn auch nur einmal piekste, würde er mir einen linken Haken versetzen, dass mein Kopf im hohen Bogen davonflog.

Plan drei: Ich greife ihn mit dem gesamten vorhandenen Arsenal an. Lächerlich. Ich war doch nicht Tarzan. Ich war ein winziger, schwächlicher, vegetarischer Mensch. Wer in Indien einen Tiger jagte, der ritt auf mächtigen Elefanten und schoss mit gewaltigen Büchsen. Was sollte ich denn machen? Sollte ich ihn mit Signalraketen beschießen? Sollte ich mich auf ihn stürzen, ein Hackbeil in jeder Hand, ein Messer zwischen den Zähnen? Ihm mit geraden und gebogenen Nähnadeln den Garaus machen? Wenn ich ihm auch nur einen Kratzer beibrachte, war das schon eine Leistung. Zur Rache würde er mich zerpflücken, Glied um Glied, die Organe eins nach dem anderen aus meinem Bauch holen. Denn wenn es eines gibt, was noch gefährlicher ist als ein gesundes Tier, dann ist es ein verletztes Tier.

Plan vier: Ich erdrossele ihn. Seil hatte ich genug. Wenn ich im Bug blieb und es mir gelang, das Seil zum Heck zu ziehen und ihm eine Schlinge um den Hals zu legen, dann konnte ich die Schlinge zuziehen, wenn er sich auf mich stürzte. Und gerade weil er über mich herfallen wollte, erwürgte er sich selbst. Gut ausgedacht, aber der reine Selbstmord.

Plan fünf Ich vergifte, ich verbrenne ihn, setze ihn unter Strom. Wie? Mit was?

Plan sechs: Ich führe einen Zermürbungskrieg. Ich musste ja nur warten, bis die gnadenlose Natur ihr Werk tat, und schon war ich gerettet. Wenn ich wartete, bis er allmählich verhungert war, brauchte ich überhaupt nichts zu tun. Ich hatte Vorräte für Monate. Was hatte er? Ein paar tote Tiere, die bald verdorben sein würden. Was würde er danach fressen? Und besser noch: Woher sollte er Wasser bekommen? Er konnte wochenlang ohne Nahrung durchhalten, aber kein Tier, und sei es noch so stark, überlebt lange ohne einen Tropfen Wasser.

Ein leiser Hoffnungsschimmer glomm in mir, wie eine Kerze in der Nacht. Ich hatte einen Plan, einen guten Plan. Jetzt musste ich nur noch am Leben bleiben, damit ich ihn auch ausführen konnte.

Kapitel 55

Es wurde Tag, und alles war nur noch trostloser dadurch. Denn nun tauchte aus dem Dunkel das auf, was ich zuvor nur gespürt hatte, die gewaltigen Regenkaskaden, die aus größter Höhe auf mich herabstürzten, und die Wellen, die eine nach der anderen über mich herzogen und mich hinunter in die See stießen, als sei nichts dabei.

Mit trüben Augen, halb erfroren, am ganzen Leibe zitternd, in der einen Hand den Regensammler, mit der anderen an das Floß geklammert, saß ich da und wartete.

Einige Zeit später, und mit einer Plötzlichkeit, die die Stille umso unheimlicher wirken ließ, hörte der Regen auf. Der Himmel klärte sich, und es war, als zögen die Wellen mit den Wolken davon. Der Wechsel war so abrupt und radikal, wie man ihn an Land manchmal erlebt, wenn man über eine Grenze fährt. Ich war in einen anderen Ozean gekommen. Bald prangte nur noch die Sonne am Himmel, und das Wasser war wie eine glatte Haut, die das Licht in Millionen von Spiegeln zurückwarf.

Ich war steif, erschöpft, jeder Knochen tat mir weh, es blieb nichts als eine dumpfe Dankbarkeit, dass ich noch am Leben war. Die Worte »Plan sechs, Plan sechs« drehten sich in meinem Kopf wie ein Mantra und brachten mir ein gewisses Maß an Trost, obwohl ich mich, so sehr ich mich auch mühte, nicht mehr entsinnen konnte, was Plan sechs gewesen war. Allmählich wurden meine Knochen wieder warm. Ich klappte den Regensammler zu. Ich wickelte mich in die Decke und rollte mich so zusammen, dass kein Teil von mir das Wasser berührte. Ich schlief ein. Ich weiß nicht, wie lange ich schlief. Es war Vormittag, als ich erwachte. Es war heiß. Die Decke war fast wieder trocken. Ein kurzer, tiefer Schlaf. Ich stützte mich mit dem Ellbogen auf.

Alles um mich war flach bis zum Horizont, ein einziges weites Panorama in Blau. Nichts versperrte mir die Sicht. Die Unendlichkeit war wie ein Schlag in den Magen. Ich ließ mich auf den Rücken fallen, rang nach Atem. Dieses Floß war ein Witz. Es war nichts weiter als ein paar Stöcke und ein paar Stücke Kork, mit Seilen zusammengebunden. Durch jede Ritze kam das Wasser. Von der Tiefe darunter wäre selbst einem Vogel schwindlig geworden. Ich sah hinüber zum Rettungsboot. Nichts weiter als eine halbe Walnussschale. Es hielt sich auf der Wasseroberfläche wie Finger, die sich an die Kante einer Klippe klammern. Nur eine Frage der Zeit, bis die Schwerkraft es nach unten zog.

Der zweite Schiffbrüchige kam in Sicht. Er stemmte sich auf den Bootsrand und blickte zu mir herüber. Ein unvermittelt auftauchender Tiger ist in jeder Umgebung ein atemberaubender Anblick, aber hier war es umso überwältigender. Der Kontrast zwischen dem leuchtenden, lebendigen, schwarz gestreiften Orange seines Fells und dem leblosen Weiß des Bootes hätte größer nicht sein können. Mit einem Knirschen kam das Karussell in meinem Kopf zum Stillstand. So unendlich der Pazifik, der uns umgab, auch sein mochte—was zwischen uns lag, das erkannte ich nun, war nicht mehr als ein winzig schmaler Burggraben, ohne Mauer, ohne Barriere.

»Plan sechs, Plan sechs, Plan sechs«, trieb eine Stimme in meinem Kopf mich an. Aber was war Plan sechs denn gewesen? Ah ja. Der Zermürbungskrieg. Das Abwarten. Die Untätigkeit. Das Die-Dinge-aufsich-zukommen-Lassen. Die unerbittlichen Gesetze der Natur. Das gnadenlose Voranschreiten der Zeit, das allmähliche Ansammeln von Ressourcen. Das war Plan sechs.

Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf wie ein wütender Schrei. »Du Dummkopf! Du Idiot! Du Armleuchter! Plan Nummer sechs ist der schlechteste Plan von allen! Jetzt im Augenblick fürchtet Richard Parker sich vor der See. Er wäre beinahe darin umgekommen. Aber wenn er erst einmal rasend vor Durst und Hunger ist, wird diese Furcht ihn nicht mehr halten, und er wird alles tun, um sich zu holen, was er braucht. Er wird den Burggraben zur Brücke machen. Er wird schwimmen, so weit er muss, bis er an das Floß kann, auf dem die Nahrung sitzt. Und das Wasser-hast du denn vergessen, dass bengalische Tiger auch Salzwasser trinken? Glaubst du wirklich, du hältst länger durch als seine Nieren? Glaube mir, wenn du dich auf einen Zermürbungskrieg einlässt, dann wirst du ihn verlieren! Du wirst sterben! IST DAS KLAR?«

Kapitel 56

Der Punkt ist gekommen, an dem ich ein Wort zum Thema Angst sagen sollte. Angst ist der einzige echte Feind des Lebens. Nur Angst kann das Leben bezwingen. Angst ist ein kluger, raffinierter Gegner, das weiß ich aus Erfahrung. Sie kennt keine Moral, akzeptiert kein Gesetz und keine Konvention, sie ist unerbittlich. Sie sucht sich bei jedem den schwächsten Punkt und findet ihn ohne Mühe. Sie beginnt ihren Angriff im Kopf, immer. Im einen Moment fühlt man sich noch ruhig, selbstsicher, glücklich. Dann schleicht die Angst sich in den Verstand wie ein Spion, gehüllt in den Mantel des leisen Zweifels. Man begegnet dem Zweifel mit Unglauben, und der Unglauben will ihn verscheuchen. Aber der Unglauben ist ja nur ein armer, schlecht bewaffneter Fußsoldat. In ein paar Zügen hat der Zweifel ihn besiegt. Man spürt eine Beklommenheit. Die Vernunft springt in die Bresche. Man ist beruhigt. Die Vernunft ist schließlich nach den neuesten Erkenntnissen der Waffentechnik gerüstet. Aber zu unserem großen Erstaunen unterliegt, trotz überlegener Taktik und einer Reihe von siegreichen Scharmützeln, auch die Vernunft. Wir spüren, wie wir schwach werden, unsicher. Aus der Beklommenheit wird Angst.