Gleichgewicht ist der Grundgedanke der Natur, daher überraschte es mich nicht, dass ich fast unmittelbar danach den Drang zum Wasserlassen verspürte. Ich benutzte den Becher zum Auffangen und produzierte exakt die gleiche Menge, die ich eben zu mir genommen hatte, als ob es die Minute dazwischen nie gegeben hätte und ich hielte noch immer das Glas mit Richard Parkers Regenwasser in der Hand. Ich zögerte. Am liebsten hätte ich es gleich noch einmal getrunken. Ich trotzte der Versuchung. Doch es war schwer. Man mag das noch so seltsam finden, aber mein Urin sah köstlich aus! Ich war ja noch nicht so ausgetrocknet wie später, und die Flüssigkeit war hell und klar. Sie funkelte in der Sonne wie ein Glas Apfelsaft. Und sie war garantiert frisch, was man von den Wasserkonserven in meinem Vorrat mit Sicherheit nicht behaupten konnte. Aber stattdessen tat ich etwas Vernünftigeres. Ich versprengte den Urin auf Plane und Stauraumdeckel und meldete damit meine Revieransprüche an.
Ich stahl Richard Parker zwei weitere Becher Wasser, diesmal ohne anschließend zu urinieren. Ich fühlte mich gut, wie eine frisch gegossene Zimmerpflanze.
Jetzt war es an der Zeit, dass ich meine Lage verbesserte. Ich wandte mich dem Inhalt des Stauraums und den vielen Möglichkeiten zu, die er mir eröffnete.
Ich holte ein zweites Seil hervor und vertäute damit das Floß am Rettungsboot.
Ich fand heraus, was eine Solardestille ist. Eine Solardestille ist ein Gerät zum Entsalzen von Meerwasser. Es besteht aus einem aufblasbaren durchsichtigen Kegel, der auf einer Art Schwimmring sitzt, über dessen Mitte ein Stück schwarzes, gummibeschichtetes Segeltuch gespannt ist. Das Ganze arbeitet nach dem Verdunstungsprinzip: Meerwasser, das unter dem abgeschlossenen Kegel auf dem schwarzen Segeltuch steht, wird von der Sonne erhitzt, verdampft und schlägt sich an der Innenseite des Kegels nieder. Dieses salzfreie Wasser läuft an der Kegelwand herab, sammelt sich in einer Rinne am äußeren Rand und tropft von dort in einen Auffangbeutel. Das Rettungsboot war mit zwölf solchen Destilliergeräten ausgerüstet. Ich las die Gebrauchsanweisung sorgfältig durch, wie es im Überlebenshandbuch stand. Dann blies ich alle zwölf Kegel auf und füllte die Schwimmkammern vorschriftsmäßig mit je zehn Litern Meerwasser. Ich band die Destillen aneinander und befestigte ein Ende des kleinen Flottenverbands am Rettungsboot, das andere am Floß. Auf diese Weise würde ich, falls einer der Knoten sich löste, nicht gleich alle Destillen verlieren, und außerdem hatte ich noch ein weiteres Sicherungsseil, das mich mit dem Rettungsboot verband. Die Destilliergeräte sahen hübsch und sehr technisch aus, wie sie so im Wasser schwammen, aber sie wirkten auch zerbrechlich, und ich hatte meine Zweifel, ob man damit tatsächlich Trinkwasser gewinnen konnte.
Als Nächstes widmete ich mich dem Floß. Ich inspizierte jeden einzelnen Knoten, vergewisserte mich noch einmal, dass alles gut festgezurrt war. Nach einigem Überlegen beschloss ich, aus dem fünften Ruder - meiner Fußstütze - eine Art Mast zu machen. Also band ich das Ruder los. Mit der gezahnten Messerklinge schnitt ich auf halber Höhe sorgsam eine Kerbe hinein, und mit der Spitze bohrte ich drei Löcher durch den flachen Teil. Die Arbeit war mühsam, doch befriedigend. Sie hielt meinen Verstand beschäftigt. Als ich fertig war, band ich das Ruder in aufrechter Stellung an die Innenseite einer Floßecke, sodass das Blatt - die Mastspitze - nach oben zeigte und das Stielende unter Wasser verschwand. Das Seil spannte ich fest über die Kerbe, damit das Ruder nicht nach unten rutschte. Anschließend fädelte ich Seile durch die Löcher, die ich in die Mastspitze gebohrt hatte, und verband sie mit den Spitzen der horizontalen Ruder. Auf diese Weise sollte der Mast in seiner aufrechten Stellung verankert werden, und ich bekam Leinen, an denen ich eine Art Dach befestigen und Essensvorräte aufhängen konnte. Die Schwimmweste, die mit der Fußstütze verbunden gewesen war, band ich an den Fuß des Masts. Ihr war eine doppelte Funktion zugedacht: Sie lieferte dem Floß zusätzlich Auftrieb, als Ausgleich für das Gewicht des Masts, und sie ergab einen leicht erhöhten Sitzplatz für mich.
Dann warf ich eine Decke über die gespannten Leinen. Sie rutschte herunter. Der Neigungswinkel war zu steil. Ich faltete die Längsseite der Decke einmal um, schnitt in der Mitte zwei Löcher hinein, im Abstand von etwa dreißig Zentimetern, und verband diese Löcher mit einer Schnur, die ich dadurch erhielt, dass ich ein Stück Seil aufdröselte. Dann warf ich die Decke erneut über die Leinen, nur dass ich sie diesmal mit der Schlaufe am Mast befestigte. Jetzt hatte ich einen Baldachin.
Ich verbrachte fast den ganzen Tag mit Arbeiten am Floß. Es gab so viele Kleinigkeiten zu bedenken. Die See war ruhig, aber trotzdem machten die ständigen Wellenbewegungen mir die Arbeit nicht leichter. Und ich musste Richard Parker im Auge behalten. Das Ergebnis meiner Mühen war keine stolze Galeone. Der so genannte Mast endete wenige Zentimeter über meinem Kopf. Und was das Deck angeht, so war es gerade groß genug, dass ich im Schneidersitz darauf sitzen oder zusammengerollt wie ein Embryo darauf liegen konnte. Aber es war seetüchtig, und es bot Schutz vor Richard Parker.
Als ich meine Arbeiten abgeschlossen hatte, neigte der Nachmittag sich dem Ende zu. Ich holte eine Dose Wasser, einen Dosenöffner, vier Notration-Zwiebacke und vier Wolldecken. Dann schloss ich den Stauraum (diesmal sehr leise), setzte mich auf das Floß und wickelte die Leine wieder ab. Das Floß entfernte sich vom Rettungsboot. Das Hauptseil spannte sich, das Sicherungsseil hingegen, das ich bewusst länger gelassen hatte, hing durch. Ich legte zwei Decken unter mich, sorgsam zusammengefaltet, sodass sie nicht mit dem Wasser in Berührung kamen. Die beiden anderen wickelte ich mir um die Schultern und lehnte mich gegen den Mast. Ich genoss die leicht erhöhte Position, die mir die zusätzliche Schwimmweste verschaffte. Ich saß zwar kaum höher als jemand, der auf einem dicken Sitzkissen auf dem Fußboden hockt, aber trotzdem hatte ich Hoffnung, dass ich nicht ganz so nass werden würde.
Ich aß mit Vergnügen und beobachtete den Sonnenuntergang bei wolkenlosem Himmel. Es war ein Augenblick der Entspannung. Das Himmelsgewölbe erstrahlte in den herrlichsten Farben. Auch die Sterne wollten ihren Teil dazu beitragen; kaum hatte sich die bunte Decke ein wenig gelüftet, da begannen sie schon auf tiefblauem Untergrund zu funkeln. Es wehte eine sanfte, laue Brise, und die See bewegte sich sanft; die Wellen wirkten wie Tänzer, die bei einem Rundtanz in der Mitte zusammenkommen, die Hände heben und sie dann im Auseinandergehen wieder sinken lassen, und das immer und immer wieder.
Richard Parker hatte sich aufgesetzt. Nur der Kopf und ein Teil seiner Schultern ragten über den Bootsrand. Er blickte sich um. »Hallo, Richard Parker!«, rief ich und winkte. Er sah mich an. Er schnaubte oder nieste, keins dieser Worte gibt den Laut wirklich wieder. Am ehesten war es wohl wieder das Prusten. Was für ein faszinierendes Geschöpf. Was für ein edles Antlitz. Wie passend, dass man ihn auch Königstiger nennt. In gewisser Hinsicht konnte ich mich glücklich schätzen. Ich hätte ebenso gut mit jemandem hier draußen sein können, der lächerlich oder hässlich aussah, einem Tapir oder einem Vogel Strauß oder einer Truthahnfamilie. Das wäre in mancherlei Hinsicht schwieriger gewesen.
Ich hörte ein Platschen und sah hinunter zum Wasser. Der Anblick verschlug mir den Atem. Ich hatte gedacht, ich sei allein. Die ruhige Luft, das wunderbare Licht, das Gefühl relativer Sicherheit - all das hatte diese Illusion geweckt. In unserer Vorstellung sind ja Stille und Einsamkeit und Frieden untrennbar verbunden. Oder kann man sich vorstellen, dass man ruhig und friedlich in einer belebten U-Bahn-Station sitzt? Was war das also für eine Unruhe dort unten?