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Mit einem einzigen Blick erkannte ich, dass der Ozean eine Stadt ist. Direkt unter der Wasseroberfläche und von mir bislang unbemerkt gab es Schnellstraßen, Boulevards, Alleen und Kreisel, mit submarinem Verkehrsgewühl. Unten im Wasser, wo es wimmelte von Plankton, von Millionen durchsichtiger, leuchtender Partikelchen, rasten Fische wie Lastwagen und Busse und Autos und Fahrräder und Fußgänger wild durcheinander, ohne Zweifel begleitet von Hupen und Schimpfen. Die vorherrschende Farbe war Grün. In unterschiedlichen Tiefen, so weit mein Auge reichte, gab es flüchtige Bahnen phosphoreszierender grüner Bläschen, die Spuren dahinflitzender Fische. Sobald eine Spur sich verlor, tauchte eine neue auf. Diese Bahnen kamen von überallher und führten überallhin. Sie glichen den lang belichteten Aufnahmen nächtlicher Straßen, auf denen die Rücklichter der Autos lange roten Streifen hinterlassen. Nur dass die Autos hier über- und untereinander herfuhren, als bewegten sie sich auf zehnstöckigen Straßenkreuzungen. Und hier hatten die Autos die verrücktesten Farben. Die Doraden - es müssen mehr als fünfzig davon unter dem Floß ihre Runden gedreht haben - stellten im Vorbeihuschen stolz ihr leuchtendes Gold, Blau und Grün zur Schau. Andere Fische, die ich nicht identifizieren konnte, waren gelb, braun, silbern, blau, rot, rosa, grün und weiß, in allen möglichen Kombinationen, einfarbig, gestreift und gesprenkelt. Nur die Haie waren zu stur für dieses bunte Spiel. Und wie groß und farbenprächtig ein Fahrzeug auch immer sein mochte, eins blieb immer gleich: der riskante Fahrstil. Es gab viele Zusammenstöße - immer mit Todesopfern, fürchte ich -, und manche Autos gerieten völlig außer Kontrolle und prallten gegen Absperrungen, sie wurden aus dem Wasser geschleudert und fielen in leuchtenden Kaskaden klatschend wieder hinein. Ich betrachtete dieses Chaos wie jemand, der vom Heißluftballon aus auf eine Stadt hinabschaut. Es war ein faszinierendes, Ehrfurcht gebietendes Schauspiel. So ungefähr musste Tokio zur Stoßzeit aussehen.

Ich sah zu, bis die Lichter der Stadt verloschen.

Von der Tsimtsum aus hatte ich nur Delphine beobachtet. Ich hatte mir vorgestellt, dass der Pazifik, von vorüberziehenden Fischschwärmen abgesehen, eine dünn besiedelte Wasserwüste war. Seither habe ich gelernt, dass ein solcher Frachter für die Fische einfach zu schnell ist. Von einem fahrenden Schiff aus kann man genauso wenig die Meeresbewohner sehen wie vom Auto auf einer Schnellstraße aus die Tiere des Waldes. Delphine sind schnelle Schwimmer und umspielen Boote und Schiffe, wie Hunde Jagd auf Autos machen: sie verfolgen sie, bis sie nicht mehr mithalten können. Wer Tiere beobachten will, muss in den Wald gehen und mucksmäuschenstill sein. Und genauso ist es mit dem Meer. Nur wer den Pazifik sozusagen zu Fuß überquert, wird seinen Reichtum entdecken.

Ich legte mich auf die Seite. Zum ersten Mal seit fünf Tagen fühlte ich ein gewisses Maß an Ruhe. Ein Hoffnungsschimmer - hart erarbeitet, wohlverdient, gut begründet - glomm in mir. Ich schlief ein.

Kapitel 60

Einmal erwachte ich in der Nacht. Ich schob meinen Bettvorhang beiseite und sah hinaus. Der Mond stand als scharf umrissene Sichel am kristallklaren Himmel. Die Sterne schienen mit solch vehementer, konzentrierter Macht, dass es abwegig schien, die Nacht dunkel zu nennen. Die See lag still da, gebadet in ein scheues, leichtfüßiges Licht, ein Ballett aus Schwarz und Silber, das rund um mich wogte bis ins Unendliche. Unermesslich schien der Himmel über und der Ozean unter mir. Halb war ich fasziniert gebannt, halb vor Schrecken starr. Ich fühlte mich wie der heilige Markandeya, der dem schlafenden Vishnu aus dem Munde fiel und so das gesamte Universum bis in die kleinste Kleinigkeit erblickte. Beinahe wäre der Heilige vor Schrecken gestorben, doch im letzten Augenblick erwachte Vishnu und holte ihn zurück in seinen Mund. Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst - und im Laufe meiner Meerfahrt sollte es mir noch oft aufgehen, immer wenn zwischen zwei Höhepunkten der Qual eine kleine Flaute kam -, auf welch grandioser Bühne das Drama meiner Leiden sich vollzog. Ich begriff, wie klein und unbedeutend mein Unglück war, und ich verstummte. In einer solchen Szenerie war mein Leiden kleinlich. Das sah ich ein, dagegen gab es keinen Widerspruch. (Erst bei Tag kamen die Proteste: »Nein! Nein! Nein! Mein Leiden ist von Bedeutung. Ich will leben! Das Leben ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch, ein winziger Zipfel der Unendlichkeit, den wir erhaschen - was soll ich denn anderes tun als mich an diesen einen, kurzen Augenblick zu klammern? Das Schlüsselloch ist doch alles, was ich habe!«) Ich murmelte muslimische Gebetsworte und schlief wieder ein.

Kapitel 61

Am nächsten Morgen war ich nicht allzu durchnässt und fühlte mich erholt. Und das trotz der Anstrengungen der letzten Tage und obwohl ich nur sehr wenig gegessen hatte.

Es war ein schöner Tag. Ich nahm mir vor, mein Glück beim Fischen zu versuchen - zum ersten Mal im Leben. Mein Frühstück bestand aus drei Schiffszwiebacken und einer Dose Wasser; anschließend las ich, was das Überlebenshandbuch zum Thema Fischen zu sagen hatte. Und stand gleich vor dem ersten Problem: Köder. Ich überlegte. Ich hatte natürlich die toten Tiere. Aber einem Tiger das Futter unter der Nase wegzuziehen war ein Unternehmen, dem ich mich nicht gewachsen fühlte. Er würde nicht begreifen, dass es eine Investition war, die gute Rendite versprach. Also beschloss ich, meinen Lederschuh zu nehmen. Ich hatte nur noch einen. Den anderen hatte ich beim Schiffbruch verloren.

Ich kletterte vorsichtig an Bord und holte aus dem Stauraum eine Angelrute, das Messer sowie einen Eimer für den Fang. Richard Parker lag auf der Seite. Sein Schwanz erwachte zum Leben, als ich mich im Bug zu schaffen machte, aber sein Kopf rührte sich nicht. Ich kehrte zurück aufs Floß und ließ es ein Stück weiter abdriften.

Ich befestigte den Angelhaken an einem Vorfach aus Draht und band dies an die Angelschnur. Danach beschwerte ich das Ganze mit Bleigewichten. Die drei, die ich auswählte, hatten eine lustige Torpedoform. Ich zog meinen Schuh aus und zerschnitt ihn. Es ging sehr schwer; das Leder war zäh. Sorgsam bohrte ich den Haken in ein flaches Stück Leder, nicht einfach hindurch, sondern so tief hinein, dass die Spitze des Hakens nicht zu sehen war. Ich ließ die Schnur hinunter. Am Abend zuvor hatte ich so viele Fische gesehen, dass ich mit baldigem Erfolg rechnete.

Doch der ließ auf sich warten. Stück für Stück verschwand der ganze Schuh, wieder und wieder spürte ich ein leichtes Zerren an der Schnur, wieder und wieder machte sich ein Fisch froh und unbeschadet mit seiner Beute davon, wieder und wieder zog ich den bloßen Haken aus dem Wasser, bis von meinem Schuh nur noch die Gummisohle und der Schnürsenkel übrig waren. Nachdem der Schnürsenkel sich als wenig überzeugender Regenwurm erwiesen hatte, versuchte ich es aus schierer Verzweiflung mit der Sohle, unzerschnitten an einem Stück. Das war ein Fehler. Ich spürte ein leichtes, viel versprechendes Rucken, dann fühlte sich die Schnur plötzlich ganz leicht an. Als ich sie einzog, war nur noch die Schnur da; der Rest war verschwunden.

Der Verlust traf mich nicht allzu hart. Schließlich gehörten zu dem Satz noch andere Haken und Gewichte, und die zweite Angelausrüstung war auch noch da. Außerdem angelte ich nicht einmal für mich selbst. Meine Nahrungsvorräte waren noch längst nicht erschöpft.

Dennoch tadelte mich ein Teil meines Verstands - der Teil, der immer das ausspricht, was wir nicht hören wollen. »Dummheit hat ihren Preis. Beim nächsten Mal solltest du mehr Sorgfalt und Umsicht walten lassen.«

Später am Vormittag tauchte zum zweiten Mal eine Schildkröte auf. Sie schwamm ganz nah an das Floß heran. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie sich recken und mich in den Hintern beißen können. Als sie sich abwandte, griff ich nach ihrer Flosse, doch bei der ersten Berührung zuckte ich angewidert zurück. Die Schildkröte schwamm davon.