Kapitel 74
Ich hielt meine Gottesdienste ab, so gut es unter solchen Umständen ging - einsame Messen ohne Priester und ohne geweihte Hostie, Darshans ohne Murtis und Pujas mit Schildkrötenfleisch als Prasad, Gebete zu Allah, auch wenn ich nicht wusste, in welcher Richtung Mekka lag und mein Arabisch mehr als dürftig war. Sie waren mir ein Trost, das steht fest. Aber es war schwer, das muss ich sagen. Der Glaube an Gott ist ein Sichöffnen, ein Loslassen, ein tiefes Vertrauen, eine bedingungslose Liebe - aber manchmal war es so schwer zu lieben. Manchmal sank mein Herz vor Wut, Verzagtheit und Erschöpfung so tief, dass ich befürchtete, es würde bis ganz hinab auf den Grund des Pazifiks sinken und ich würde es nie wieder heraufziehen können.
In solchen Augenblicken versuchte ich mir Mut zu machen. Ich fasste mir an den Turban, den ich mir aus den Überresten meines Hemds gewunden hatte, und rief: »DAS IST GOTTES HUT!«
Ich fuhr mir über meine Hosen und rief: »DAS SIND GOTTES KLEIDER!«
Ich wies auf Richard Parker und rief: »DAS IST GOTTES KATZE!«
Ich wies auf das Rettungsboot und rief: »DAS IST GOTTES ARCHE!«
Ich breitete meine Arme weit und rief: »DAS SIND DIE GÖTTLICHEN GEFILDE!«
Ich hob den Finger zum Himmel und rief: »DAS IST GOTTES OHR!«
Auf diese Weise rief ich mir ins Gedächtnis, was die Schöpfung war und wo ich meinen Platz darin hatte.
Aber Gottes Hut hielt nicht zusammen. Gottes Hosen zergingen. Gottes Katze war eine Bedrohung rund um die Uhr. Gottes Arche war ein Gefängnis. Die göttlichen Gefilde brachten mich langsam, aber stetig um. Gottes Ohr hörte anscheinend überhaupt nicht mehr zu.
Verzweiflung war ein ewiges Dunkel, in das kein Lichtstrahl drang. Eine namenlose Hölle. Ich danke Gott, dass sie jedes Mal wieder verging. Ein Schwarm Fische näherte sich dem Netz oder ein Knoten löste sich und musste neu geknotet werden. Oder ich dachte an meine Familie, daran, dass ihnen diese entsetzlichen Leiden erspart geblieben waren. Das Dunkel hob sich, und schließlich war es fort, aber Gott blieb, ein Licht in meinem Herzen. Ich würde weiterlieben.
Kapitel 75
An dem Tag, der nach meiner Berechnung Mutters Geburtstag sein musste, sang ich laut »Happy Birthday« für sie.
Kapitel 76
Ich gewöhnte mir an, bei Richard Parker sauber zu machen. Sobald ich merkte, dass er seinen Darm entleert hatte, beseitigte ich es, eine gefährliche Unternehmung, bei der ich den Kot mit dem Fischhaken zu mir heranscharrte und dann auf die Plane holte. Fäkalien können mit Parasiten infiziert sein. Das spielt für frei lebende Tiere keine Rolle, denn sie bleiben in der Regel nicht in der Nähe dieser Fäkalien und kümmern sich nicht weiter darum; Baumbewohner bekommen ihren Kot kaum zu Gesicht, und Landtiere entleeren sich und ziehen dann weiter. Für das kompakte Territorium eines Zoos gelten hingegen andere Regeln, denn wenn man Fäkalien im Gehege eines Tieres liegen lässt, ermuntert man es geradezu, diese zu fressen und sich damit zu infizieren; Tiere verschlingen alles, was auch nur entfernt nach Nahrung aussieht. Deshalb werden die Gehege ständig gereinigt, aus Sorge um die Gesundheit ihrer Bewohner, nicht aus Rücksicht auf Augen und Nasen der Besucher. Aber nicht um den hohen zoohygienischen Standard der Familie Patel zu halten, räumte ich bei Richard Parker auf. Nach wenigen Wochen litt er ohnehin so sehr an Verstopfung, dass sein Darm sich nur noch einmal im Monat entleerte, und meine riskante Pflegerarbeit wäre aus Gesundheitsgründen nicht notwendig gewesen. Es steckte etwas anderes dahinter: Als Richard Parker sich das erste Mal im Rettungsboot Erleichterung verschafft hatte, war mir aufgefallen, dass er versuchte, den Haufen zu verscharren. Die Bedeutung dieser Geste war mir nicht verborgen geblieben. Den Kot offen liegen zu lassen, sodass jeder ihn roch, wäre ein Zeichen der Dominanz gewesen. Ihn zu verscharren oder es zumindest zu versuchen, bedeutete Unterwerfung - er unterwarf sich mir.
Dass es ihn nervös machte, war nicht zu übersehen. Er stand geduckt, den Kopf eingezogen, die Ohren flach angelegt, und stieß ein leises langgezogenes Knurren aus. Ich ging energisch und zielstrebig zu Werke, nicht nur um mein Leben zu schützen, sondern auch, damit ich ihm möglichst schnell das erforderliche Signal gab. Dieses Signal bestand darin, dass ich den Kot in die Hand nahm, ihn einige Sekunden lang hin- und herrollte, ihn mir unter die Nase hielt und hörbar daran schnüffelte, und dabei starrte ich den Tiger ein paar Mal theatralisch an, die Augen weit aufgerissen (vor Furcht, aber das durfte er nicht merken), und das lang genug, dass es ihn ordentlich einschüchterte, aber nicht so lang, dass er sich auf mich stürzte. Und jedes Mal, wenn ich ihn so ansah, blies ich leise drohend auf meiner Pfeife. Indem ich ihm derart mit den Augen zusetzte (denn natürlich ist bei allen Tieren, uns Menschen eingeschlossen, das Anstarren ein Akt der Aggression) und indem ich jenen Pfeifton produzierte, mit dem er in Gedanken so unangenehme Gefühle verband, machte ich Richard Parker klar, dass es mein Recht war, mein Recht als Souverän, seinen Kot in die Hand zu nehmen und daran zu schnüffeln, wenn mir danach war. Nicht die Sorge des Zoowärters trieb mich also an, sondern angewandte Psychologie. Und es funktionierte. Richard Parker starrte nie zurück; er hielt den Blick stets in mittlerer Entfernung, nicht auf mich gerichtet, aber auch nicht von mir abgewandt. Es war etwas, das ich spüren konnte, so wie ich die Kugel in meiner Hand spürte: So entstand Macht. Nach der Anspannung dieser Übung war ich stets schwer erschöpft, aber glücklich.
Wo wir schon bei dem Thema sind: Ich war bald genauso verstopft wie Richard Parker. Das lag an unserer Ernährung, zu wenig Wasser, zu viel Protein. Auch bei mir kam die Entleerung des Darms nur noch einmal im Monat, und eine Erleichterung war es nicht. Es war ein langer, mühsamer und schmerzlicher Kampf, an dessen Ende ich schweißgebadet und bis zur Hilflosigkeit ermattet dalag, eine Tortur, die schlimmer war als das höchste Fieber.
Kapitel 77
Als die Päckchen mit den Notrationen zusehends schwanden, aß ich immer weniger, bis ich schließlich genau den Anweisungen folgte und nur noch alle acht Stunden zwei Zwiebacke zu mir nahm. Ich war ständig hungrig. Ich dachte nur noch an Nahrung. Je weniger ich zu essen hatte, desto größer wurden die Portionen, von denen ich träumte. Die Mahlzeiten meiner Phantasie waren so groß wie ganz Indien. Ströme von roter Linsensuppe so mächtig wie der Ganges. Chappatis so groß wie Rajasthan. Reisschüsseln so riesig wie Uttar Pradesh. Sambars, die ganz Tamil Nadu überflutet hätten. Berge von Eiscreme so hoch wie der Himalaja. In meinen Träumen war ich ein wahrer Meisterkoch: Alle Zutaten waren stets frisch und in Hülle und Fülle vorhanden, Backofen oder Bratpfanne hatten immer genau die richtige Temperatur, alles war sorgsam aufeinander abgestimmt, nichts war je angebrannt oder noch halbroh, nichts zu heiß oder zu kalt. Jede Mahlzeit war einfach perfekt - zum Greifen nah und doch unerreichbar für mich.
Im Laufe der Zeit entdeckte ich immer neue Nahrungsquellen. Anfangs hatte ich die Fische noch ausgenommen und ihnen sorgsam die Haut abgezogen, doch bald streifte ich nur noch den glitschigen Schleim von den Schuppen, dann biss ich hinein, und es schien mir der größte Leckerbissen. Ich weiß noch, dass Fliegende Fische durchaus schmackhaft waren, zart und rosa-weiß. Doraden hatten festeres Fleisch und einen intensiveren Geschmack. Ich nagte nun Fischköpfe ab, statt dass ich sie Richard Parker vorwarf oder als Köder nahm. Dabei machte ich eine großartige Entdeckung: Ich stellte fest, dass nicht nur die Augen größerer Fische, sondern auch ihre Wirbelsäule eine erfrischende Flüssigkeit enthielten. Schildkröten - die ich zuvor nur hastig mit dem Messer geöffnet und achtlos für Richard Parker auf den Boden des Bootes geschleudert hatte wie eine Schale mit heißer Suppe - wurden jetzt mein Leibgericht.