Kapitel 81
Ich weiß, es ist schwer zu glauben, dass ich diese Fahrt überstanden habe. Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich es ja selbst kaum glauben.
Dass ich Richard Parkers mangelnde Seetüchtigkeit so schnöde ausnützte, ist nur die eine Hälfte der Erklärung. Die andere ist: Ich versorgte ihn mit Nahrung und Wasser. Richard Parker hatte im Zoo gelebt, soweit sein Gedächtnis zurückreichte, und er war es gewohnt, dass Futter sich einstellte, ohne dass er dafür eine Pranke hob. Wenn es regnete und das ganze Boot zum Wasserbecken wurde, wusste er natürlich, dass es Regenwasser war. Und wenn ein Schwarm Fliegender Fische über uns hereinbrach, kam er auch nicht auf die Idee, sie kämen von mir. Doch das änderte nichts an der Lage, in der er war, an der Tatsache, dass er über den Bootsrand blickte und keinen Dschungel sah, in dem er jagen konnte, und keinen Bach, um daraus zu trinken. Aber ich brachte ihm zu essen und ich brachte ihm Wasser. Es muss für ihn wie ein Wunder gewesen sein. Und das gab mir Macht. Der Beweis: Ich blieb am Leben, Tag für Tag, Woche um Woche. Der zweite Beweis: Er griff mich nicht an, selbst wenn ich auf der Plane lag und schlief. Und noch ein Beweis: Ich bin hier und kann meine Geschichte erzählen.
Kapitel 82
Regenwasser und das Wasser, das ich mit den Solardestillen gewann, bewahrte ich in den drei 50-Liter-Plastiksäcken auf, im Stauraum, wo Richard Parker sie nicht sah. Ich band sie mit Seil zu. Hätten sie Gold, Saphire, Rubine und Diamanten enthalten, hätten diese Säcke mir nicht mehr bedeuten können. Ununterbrochen machte ich mir Sorgen um sie. Mein schlimmster Alptraum war, dass ich eines Morgens die Klappe zum Stauraum öffnen würde und alle drei waren ausgelaufen, oder schlimmer noch, zerrissen. Um ein solches Unglück zu verhindern, wickelte ich sie in Decken, damit sie sich nicht am Metallrumpf des Rettungsbootes aufscheuerten, und ich bewegte sie so wenig wie möglich, damit sie nicht vor der Zeit zerschlissen. Aber ich sorgte mich um die Hälse. Würde denn nicht gerade das Seil sie durchscheuern? Wenn das Oberende einen Riss bekam, wie sollte ich dann die Säcke verschließen?
Wenn die Wasserversorgung gut war, wenn der Regen kein Ende nahm, wenn ich die Säcke so weit gefüllt hatte, wie ich mich traute, füllte ich das Schöpfgefäß, die beiden Plastikeimer, die zwei Mehrzweckbehälter, die drei Trinkbecher und die leeren Wasserdosen (die ich längst nicht mehr fortwarf). Dann füllte ich eine nach der anderen die Spucktüten, drehte das obere Ende zu und verschloss sie mit einem Knoten. Fiel dann immer noch weiteres Wasser vom Himmel, nahm ich mich selbst als Gefäß. Ich spannte den Regensammler auf, steckte das Ende des Gummischlauchs in den Mund und trank und trank und trank.
Richard Parkers Trinkwasser mischte ich immer ein wenig Meerwasser bei, größere Mengen in den Tagen nach einem Regenguss, weniger in Trockenzeiten. Zu Anfang unserer Reise lehnte er sich noch manchmal über Bord, schnüffelte am Meerwasser und nahm ein paar Schluck, aber das ließ er bald sein.
Trotz allem kamen wir nur mit Müh und Not aus. Auf der ganzen Fahrt war keine andere Sorge so groß und so allgegenwärtig wie die Sorge um Wasser.
Von allem, was ich an Essbarem fing, bekam Richard Parker, wenn ich so sagen darf, den Löwenanteil. Es blieb mir nichts anderes übrig. Er bemerkte es sofort, wenn ich eine Schildkröte oder eine Dorade oder einen Hai ergatterte, und ich musste sie rasch und großzügig mit ihm teilen. Ich glaube, im Aufsägen von Schildkröten habe ich einen Weltrekord aufgestellt. Fische wurden schon zerteilt, wenn sie noch zuckten. Dass ich alles in mich hineinstopfte, was auch nur halbwegs essbar war, lag nicht nur an meinem entsetzlichen Hunger; es lag auch an dem Tempo, das gefordert war. Manchmal konnte ich gar nicht überlegen, was ich da vor mir hatte: entweder ich steckte es in den Mund, oder ich hatte es an Richard Parker verloren, der ungeduldig am Rande seines Reviers stand, mit den Krallen angelte, scharrte und schnaufte. Irgendwann - und besser hätte mir nicht zu Bewusstsein kommen können, wie tief ich gesunken war - merkte ich zu meinem Entsetzen, dass ich fraß wie ein Tier, dass ich meine Beute genauso gierig, geräuschvoll, in großen Brocken herunterschlang wie Richard Parker.
Kapitel 83
Ganz allmählich zog eines Nachmittags der Sturm auf. Die Wolken sahen aus, als stolperten sie ängstlich vor dem Wind her. Das Meer verstand den Wink und wusste, was es zu tun hatte. Ein Auf und Ab begann, das mir Angst und Bange machte. Ich holte die Destillieranlagen und das Netz an Bord. Was für eine Landschaft dort draußen! Was ich bis dahin gekannt hatte, waren allenfalls Hügel aus Wasser gewesen. Jetzt türmten sich ganze Gebirge aus Wellen, mit Tälern dazwischen, finster und tief. Die Abhänge waren so steil, dass das Rettungsboot ins Rutschen geriet, fast wie ein Surfbrett. Das Floß hatte besonders schwer zu kämpfen; es wurde aus dem Wasser gerissen und wild hin- und hergeschleudert. Ich warf beide Treibanker aus, unterschiedlich weit, damit sie sich nicht in die Quere gerieten.
Wenn das Boot einen riesigen Wellenberg erklomm, hing es an den Treibankern wie ein Bergsteiger an seinem Seil. Wir schossen aufwärts, bis wir mitten in einer Explosion von Licht und Schaum den schneeweißen Gipfel erreichten und das Boot nach vorn kippte. In solchen Augenblicken konnte man meilenweit sehen. Doch der Berg war in Bewegung, und der Boden unter unseren Füßen sauste so schnell in die Tiefe, dass unsere Mägen rebellierten. Ehe wir uns versahen, waren wir wieder am Grund eines finsteren Tals, anders als das vorherige und dennoch gleich. Über uns türmten sich gewaltige Wassermassen, und nur die Tatsache, dass wir so leicht waren, konnte uns retten. Dann geriet das Land erneut in Bewegung, die Ankertaue waren zum Zerreißen gespannt, und es begann eine neue Achterbahnfahrt.
Die Treibanker taten ihre Arbeit sehr gut - fast zu gut, könnte man sagen. Jeder Wellenkamm wollte uns mit auf die Reise nehmen, doch die Anker hielten uns zurück - mit dem Erfolg, dass das Boot vorn heruntergezogen wurde und der Bug durch eine Wolke von Schaum und Gischt tauchte. Ich war jedes Mal völlig durchnässt.
Schließlich kam eine Welle, die uns noch stürmischer als die anderen davontragen wollte. Diesmal tauchte der Bug unter die Wasseroberfläche. Ich war wie gelähmt und außer mir vor Angst. Ich konnte mich kaum festhalten. Das Boot stand unter Wasser. Ich hörte Richard Parker brüllen. Wir schwebten in Todesgefahr, das spürte ich. Mir blieb nur die Wahl, ob die See mich verschlang oder ein Tier. Ich wählte das Tier.
Auf dem Weg nach unten sprang ich auf die Plane und rollte sie zum Heck hin aus, sodass Richard Parker darunter eingeschlossen war. Mag sein, dass er protestierte, aber ich hörte ihn nicht. Schneller als eine Nähmaschine ein Stück Stoff verarbeitet, hakte ich die Plane auf beiden Seiten des Bootes fest. Es ging wieder aufwärts. Das Boot schoss unaufhaltsam nach oben. Ich konnte nur schwer das Gleichgewicht halten. Das Rettungsboot war jetzt verschlossen und die Plane ringsum befestigt, außer an meinem Ende. Ich zwängte mich zwischen die Seitenbank und die Plane und zog sie so gut es ging über meinen Kopf. Ich hatte nur sehr wenig Platz. Der Abstand zwischen Bank und Bootsrand maß nur etwa dreißig Zentimeter, und die Seitenbänke waren keinen halben Meter breit. Aber selbst im Angesicht des Todes war ich nicht so leichtsinnig, dass ich hinunter ins Boot gestiegen wäre. Vier Haken waren noch zu befestigen. Ich schob eine Hand durch die Öffnung und versuchte mein Glück mit der Leine. Je mehr Haken geschlossen waren, desto schwieriger wurde es. Ich schaffte immerhin zwei. Blieben noch zwei. Das Boot bewegte sich gleichmäßig und unaufhaltsam aufwärts, mit einer Neigung von gut dreißig Grad. Ich spürte, wie die Schwerkraft mich hinunter zum Heck zog. Ich reckte die Hand in einer verzweifelten Anstrengung und führte das Seil durch einen weiteren Haken. Aber mehr war nicht möglich. Es war einfach nicht vorgesehen, dass man die Plane vom Inneren des Boots aus befestigte. Ich zog das Seil straff, was mir nicht schwer fiel, denn ich musste mich ohnehin daran festhalten, wenn ich nicht durch das ganze Boot rutschen wollte. Nicht lange, und die Fünfundvierzig-Grad-Marke war erreicht.