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Es müssen sechzig Grad gewesen sein, als wir hoch oben den Wellenkamm durchbrachen. Nur ein winziger Bruchteil der Wassermassen stürzte auf uns ein. Dennoch war mir, als träfe mich ein gewaltiger Fausthieb. Das Rettungsboot kippte unvermittelt nach vorn, und nun verkehrte sich alles ins Gegenteiclass="underline" Jetzt befand ich mich am unteren Ende des Rettungsboots, und das Wasser, das eingedrungen war, schwappte nun, mit einem nassen Tiger darin, in meine Richtung. Ich spürte nichts von dem Tiger - ich konnte nur ahnen, wo Richard Parker war; es war stockdunkel unter der Plane -, doch bevor wir das nächste Wellental erreichten, war ich halb ertrunken.

Den ganzen restlichen Tag über und noch bis weit in die Nacht hinein ging es unablässig auf und ab, auf und ab, auf und ab, bis der Schrecken zur Routine wurde und einer dumpfen Betäubung und schließlich der Teilnahmslosigkeit wich. Mit einer Hand hielt ich das Befestigungsseil der Plane umklammert, mit der anderen die Kante der vorderen Bank, den Körper auf die Seitenbank gedrückt. In dieser Lage - bald im Wasser und bald wieder draußen - war ich wehrlos dem Schlagen der Plane ausgesetzt; ich war nass und kalt, und ich hatte Prellungen und Schürfwunden von Knochen und Schildkrötenpanzern, die durchs Boot geschleudert kamen. Unablässig toste der Sturm, und unablässig fauchte Richard Parker.

Irgendwann in der Nacht merkte ich plötzlich, dass der Sturm vorüber war. Das Boot tanzte wieder wie immer auf den Wellen. Durch einen Riss in der Plane sah ich den Nachthimmel. Sternenklar und wolkenlos. Ich löste die Plane und legte mich oben darauf.

Bei Tagesanbruch sah ich, dass das Floß nicht mehr da war. Alles was übrig geblieben war, waren zwei aneinander gebundene Ruder und die Schwimmweste dazwischen. So musste jemandem zumute sein, der vor dem letzten aufrechten Balken seines heruntergebrannten Hauses steht. Ich blickte mich um und musterte den Horizont. Nichts. Meine kleine schwimmende Stadt war verschwunden. Dass die Treibanker, so unglaublich das war, nicht verloren waren - sie zerrten noch immer brav am Boot -, war ein geringer Trost. Für den Körper mochte der Verlust des Floßes nicht tödlich sein, doch für die Moral schon.

Das Boot war in schlimmem Zustand. Die Plane war an mehreren Stellen eingerissen; einige Risse waren offensichtlich von Richard Parkers Krallen verursacht. Ein großer Teil unserer Nahrungsvorräte war verloren, entweder über Bord gegangen oder vom eindringenden Wasser zerstört. Mir tat alles weh, und am Oberschenkel hatte ich eine böse Wunde; die Wunde war geschwollen und weiß. Ich wagte kaum, den Inhalt des Stauraums zu mustern. Gott sei Dank war keiner der Wassersäcke geplatzt. Das Netz und die Destilliervorrichtungen, die ich nicht vollständig zerlegt hatte, hatten den Hohlraum ausgefüllt und verhindert, dass sich die Säcke zu sehr bewegten.

Ich fühlte mich erschöpft und niedergeschlagen. Ich löste die Plane im Heck. Richard Parker lag so reglos da, dass ich zuerst dachte, er sei ertrunken. Aber er lebte. Als ich die Plane zur Mitte der Bank zurückrollte und das Tageslicht ins Bootsinnere drang, rührte er sich und knurrte. Er kletterte aus dem Wasser und setzte sich auf die hintere Bank. Ich holte Nadel und Faden und begann, die Risse in der Plane zu flicken.

Später band ich einen der Eimer an ein Seil und schöpfte das Boot aus. Richard Parker beobachtete mich ohne großes Interesse. Anscheinend fand er meine Arbeiten langweilig. Es war ein heißer Tag, und ich kam nur langsam voran. In einem Eimer fand ich etwas, das ich verloren glaubte. Ich betrachtete es. In meiner Hand lag alles, was jetzt noch zwischen mir und dem Tod stand: die letzte der orangefarbenen Trillerpfeifen.

Kapitel 84

Ich lag in eine Decke gehüllt auf der Plane und schlief, träumte, wachte auf, hing Tagträumen nach und verdöste einfach nur die Zeit. Es wehte ein steter Wind. Hin und wieder wurde etwas Schaum von einem Wellenkamm geblasen und spritzte auf das Boot. Richard Parker war unter der Plane verschwunden. Er mochte es nicht, wenn er nassgespritzt wurde, ebenso wenig wie das Schaukeln des Bootes. Aber der Himmel war blau, die Luft warm, und die Wellen bewegten sich gleichmäßig. Ich erwachte von einem lauten Schnauben. Ich schlug die Augen auf und sah Wasser am Himmel. Es fiel klatschend auf mich herab. Ich sah nochmals nach oben. Der Himmel war blau und wolkenlos. Dann ein weiteres Schnauben zu meiner Linken, nicht ganz so laut wie beim ersten Mal. Richard Parker knurrte bedrohlich. Wieder klatschte Wasser auf mich nieder. Es roch unangenehm.

Ich schaute über den Bootsrand. Das Erste, was ich sah, war ein großes schwarzes Etwas, das im Wasser schwamm. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich erkannte, was es war. Eine bogenförmige Falte am Rand brachte mich auf die richtige Idee. Es war ein Auge. Was dort schwamm, war ein Wal. Sein Auge war so groß wie mein Kopf, und es starrte mich unverwandt an.

Richard Parker kam unter der Plane hervor. Er fauchte. Aus einem leichten Glitzern im Auge des Wals schloss ich, dass er jetzt Richard Parker musterte. Etwa eine halbe Minute lang betrachtete er ihn, dann sank der Wal ganz langsam hinab in die Tiefe. Ich machte mir Sorgen, dass er uns mit seiner Schwanzflosse treffen könne, aber er tauchte einfach unter und verschwand. Der Schwanz war bald kaum noch zu erkennen; er sah aus wie eine riesige geschwungene Klammer.

Ich glaube, der Wal war auf der Suche nach einem Gefährten. Er muss zu dem Schluss gekommen sein, dass ich nicht die richtige Größe hatte. Außerdem hatte ich ja offenbar schon Gesellschaft.

Wir begegneten einer Reihe von Walen, aber keiner kam uns je wieder so nah wie der erste. Wenn sie sich näherten, bemerkte ich es an ihren Wasserfontänen. Sie tauchten nicht weit von uns auf, manchmal drei oder vier auf einmal - ein kurzlebiger Archipel mit Geysiren darauf. Diese sanften Riesen munterten mich jedes Mal auf. Ich war sicher, dass sie meine Lage verstanden, dass einer von ihnen bei meinem Anblick ausrief: »Ach! Da ist ja der Schiffbrüchige mit dem Kätzchen, von dem Bamphoo mir erzählt hat. Der arme Junge. Hoffentlich hat er genug Plankton. Ich muss Mamphoo und Tomphoo und Stimphoo von ihm erzählen. Vielleicht ist ja ein Schiff in der Nähe, das man alarmieren könnte. Seine Mutter wäre sicher glücklich, wenn sie ihn wiederhätte. Leb wohl, mein Junge. Ich werde sehen, was ich tun kann. Mein Name ist Pimphoo.« Und so kannten mich alle Wale im Pazifik vom Hörensagen, und ich wäre längst gerettet worden, hätte nicht Pimphoo ausgerechnet bei einem japanischen Schiff Hilfe gesucht, dessen heimtückische Mannschaft sie abschlachtete, und nicht besser erging es Lamphoo, die einem Norweger zum Opfer fiel. Gibt es ein abscheulicheres Verbrechen als den Walfang?

Delphine kamen recht regelmäßig zu Besuch. Einmal begleitete uns eine Gruppe einen ganzen Tag und eine Nacht lang. Sie waren sehr munter. Ihre Sprünge und Saltos und Wettrennen knapp unter dem Bootsrumpf unternahmen sie offenbar allein zu ihrem Vergnügen. Ich versuchte, einen zu fangen. Aber keiner kam nah genug an den Fischhaken heran. Und selbst wenn - sie waren viel zu schnell und zu groß. Ich gab es auf und sah ihnen einfach nur zu.

Insgesamt sah ich sechs Vögel. Ich hielt jeden von ihnen für einen Engel, der die Nähe von Land verkündete. Aber es waren Seevögel, die den Pazifik fast ohne einen Flügelschlag überqueren konnten. Ich beobachtete sie voller Ehrfurcht, doch auch voller Selbstmitleid.

Zweimal sah ich einen Albatros. Beide segelten in großer Höhe vorüber und nahmen keine Notiz von uns. Ich starrte ihnen mit offenem Munde nach. Es war etwas Übernatürliches, Unbegreifliches um sie.